Deutschland im Herbst – eine Reise durch ein politisch korrektes Land

Von Thilo Gehrke

Kassel, Documenta 14

„Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ – diese goldene Inschrift prangt in der Kasseler Shopping-Meile, graviert in vier Sprachen in einen riesigen Beton-Obelisken als Symbol für Menschen im Exil des US-Nigerianischen Künstlers Olu Oguibe. Seine Landsfrau  Otobong Nkanga zeigt an verschiedenen Ausstellungsorten Installationen und Performances mit schwarzen Seifenstücken, die in den Straßen Kassels  von Verkäufern in Bauchläden angeboten werden. Der Künstler Daniel Knorr lässt die Türme des Fridericianums, einem monumentalen klassizistischen Museumsbau,  rauchen, um an die Bücherverbrennungen 1933 und an die Krematorien der KZs zu erinnern. Er sagt: „Deutschland habe immer nur eingeatmet, nun müsse es ausatmen. Man ist beim Stichwort Ausatmen auch schnell bei dem Thema Flüchtlinge. Die deutsche Gesellschaft zieht sich wieder zurück, sie stützt sich dazu auf Quoten, betreibt Zahlenspiele. Nur sollte sich das Land lieber öffnen statt Grenzen zwischen Menschen zu definieren. Die Ausstellung stellt sich die kritische Frage nach dem westlichen Denken und der kulturellen Kolonialisierung durch den Westen.“

Die  Kunstfreunde, die aus der ganzen Welt zur größten Kunstausstellung der Welt nach Kassel pilgern, merken schnell, wie politisch die heutige Documenta ist.  Nicht wenige sind wegen der fehlenden  Beschreibung zu den Ausstellungsobjekten verstört. Flüchtlinge, Holocaust, Deutsche Schuld, Kapitalismus und Menschenrechte sind die alles beherrschenden Themen.

Ich stehe neben einer Besuchergruppe. Eine Dame um die sechzig besticht durch ihr kontrolliertes Erscheinungsbild. Perlenkette, Rüschenbluse mit Trompetenärmeln im karierten Hosenanzug mit graublauer Haubenfrisur lassen vermuten, dass emotionale Regungen in der Öffentlichkeit eher die Ausnahme bei ihr sind. Wir kommen ins Gespräch. Gudrun S.  aus Hamburg dozierte 30 Jahre an der Kunsthochschule und ist enttäuscht. Die Studienrätin  wütet: „Die Show gleicht einer neomarxistischen Indoktrinierung mit politisch korrekter Gehirnwäsche. Das Grundprinzip der  Kunstvermittlung ist immer die Einbeziehung des Betrachters. Dieser  Mangel an Transparenz und Information geht zu Lasten der Ausstellenden, die dem kritischen Betrachter dann gerne mal fehlende Sachkenntnis unterstellen. Da die Kuratoren sich offensichtlich für die eigentlichen Deuter und Schaffenden halten, werden die Künstler dabei zu Materialgebern für verkopfte Theorien degradiert, zu denen sie selbst keinen Zugang haben.“  Kunst hat eben manchmal ein Sender-Empfänger-Problem.

Bei  einigen wenigen Objekten gab es dann aber doch eine Information. Dort stand im Kontext Asyl und Grenzen:  Deutschland hat eine lange Tradition von Rassismus und Ausgrenzung.

Der Kasseler AfD-Stadtverordnete Thomas Materner bezeichnete den Obelisken von Olu Oguibe als „ideologisch polarisierende, entstellte Kunst“. Wenn die Stadt nun das Kunstwerk kaufe, werde die AfD dort „bei jedem von Flüchtlingen begangenen Anschlag“ zu Demonstrationen aufrufen.

34 Millionen Euro kostet die Documenta, zusätzliche acht Millionen aus Steuergeldern  soll die Zahlungsfähigkeit bis Jahresende sicherstellen und die Ausstellung  vor der Insolvenz  bewahren. Der zweite Standort Athen soll schuld sein. Doch wo Geld versickert ist, ist noch unklar.

 Erfurt, Wahlkampfabschluss der AfD

„Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant,  rechtsaußen und gefährlich sind!“  ruft SPD Vize Ralf Stegner über Twitter auf.

Die Integrationsbeauftragte der Deutschen Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD) : „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland kontert auf einer Wahlkampfveranstaltung: „Das sagt eine Deutsch-Türkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“  Es folgte ein politisch – medial inszenierter Aufschrei.

Ist es fremdenfeindlich oder gar faschistisch, sich als Deutscher für die Wahrung der eigenen Identität einzusetzen?

Wie dieses Polit-Theater den Bürger bewegt, lässt sich auch in Erfurt sehen:

Etwa 500 patriotische Wutbürger haben sich vor dem Erfurter Hauptbahnhof versammelt. AfD-Star  Björn Höcke spricht Ihnen aus der Seele. Es geht um Rechtstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Abschiebung krimineller Ausländer und Asylmissbrauch. Er betont: „Deutschland und Demokratie sind nicht verhandelbar!“ Mit Phantasie und Kreativität entstandene Transparente der Zuhörer  spiegeln ihr politisch inkorrektes Weltbild wieder. Die Kundgebung ist umringt von Polizeibeamten. Vom Schuldkult und neurotischen Identitätskrisen traumatisierte  Gegendemonstranten sorgen einen  Straßenzug weiter lautstark für ein politisch korrektes  No Border – No Nation Weltbild.

Eine kleine Gruppe versprengter Refugees Welcome  – Aktivisten hat es dennoch  bis zum Busbahnhof hinter der AfD – Bühne geschafft. Ein junges Mädchen mit roten Rastazöpfen und viel Metall im Gesicht im „Fuck Nazis“ T-Shirt rennt plötzlich mit einer Weinflasche in der Hand hysterisch schreiend auf eine Gruppe Zuhörer zu.  „Halts Maul Deutschland“ , „Faschisten“ und „Nazis raus“ beschimpft sie die verdutzten Bürger lautstark, ehe  die Polizei sie abführt.

Wen meint die Frau mit ihrer Hass -Attacke,  hier sind weder Faschisten noch  Nazis.

München, Oktoberfest

Ein Beispiel gelungener visueller Integration junger männlicher Asylsucher lässt sich auf der Teresienwiese vermuten.  Eskortiert von deutschen Seniorinnen bewegt sich eine Gruppe Eriträer in Bayerntracht auf die Eingangskontrolle zu. Aus Angst vor  islamistischen Terroranschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Die AfD München schreibt zum Oktoberfest über Facebook : In einem Land, in dem man gut und gerne lebt, und das durch die Asylpolitik seiner Kanzlerin unter massiver Sicherheitsgefährdung leidet, gestaltet sich die Durchführung von Volksfesten seit 2015 mehr als schwierig. – Und sorgte in Politik und Medien wieder einmal für einen Aufschrei der Empörung.

Das Sicherheitspersonal  besteht, wie auch in vielen Asylbewerberunterkünften, überwiegend aus jungen Männern mit Migrationshintergrund, nicht wenige tragen lange Bärte und sprechen kaum Deutsch. Ethnische Bettler und Diebesbanden haben  zur Oktoberfestsaison  Hochkonjunktur und beleben  eine besonders bunte und  kulturelle Vielfalt.

 Jüdisches Zentrum München

Seit nunmehr 10 Jahren prägen drei moderne Monumentalbauten die Mitte von Münchens Altstadt. Der Sankt-Jakobs-Platz ist als Jüdisches Zentrum Münchens ein Ort der Begegnung, steht auf der Homepage der jüdischen Gemeinde.  Sonnenschein  und  die Bänke am Springbrunnen laden zum Verweilen ein, Kinder spielen auf dem Spielplatz und eine muslimische Familie picknickt.

Die Synagoge, ein riesiger Betonquader,  umrahmt von Gemeindehaus und jüdischem Museum, ist geöffnet. Gern will ich die Gelegenheit für einen Besuch nutzen. Am Eingang spricht mich ein junger Mann auf Englisch an, er sieht aus wie einer der Sicherheitsleute vom Oktoberfest. Als ich ihm freundlich empfehle, Deutsch zu sprechen, da wir ja in München sind, wird sein  Ton verbindlicher. Der Zugang zur Synagoge sei nicht möglich, nur für Mitglieder der Gemeinde. Als ich dem Tempelwächter erklären will, dass  Gotteshäuser in Deutschland traditionell öffentlich sind, wird das Gespräch von ihm jäh beendet. Möglicherweise habe ich seine „Ehre“ verletzt.

Wenig später, am Springbrunnen, sprechen mich zwei junge Polizeibeamte an. Auf Veranlassung des Tempelwächters müssten sie nun meine Personalien kontrollieren. Beide sind um die 20 Jahre alt und mit Maschinenpistolen  und Panzerwesten ausgestattet. Dies sei nun einmal  ein sensibler Ort, meint der eine Beamte, während der andere mit meinem Pass und seinem Funkgerät beschäftigt ist. Aufgrund von Charlie Hebdo, sagt er. Auf meinen Einwand, dass die Attentäter von Charlie Hebdo in Paris Muslime waren und es um Mohammed -Abbildungen in einem Satiremagazin ging, entgegnet der Beamte schnell, dass dieser Platz mit dem Jüdischen Zentrum wegen des neuen Antisemitismus und der deutschen Geschichte besonders  sensibel sei. Mein Einwand, dass der aufkeimende Antisemitismus in Deutschland etwas mit muslimischen Migranten zu tun haben könnte und das Dritte Reich seit 72 Jahren vorbei  ist, folgt die Frage, ob ich in der Vergangenheit  schon einmal etwas mit der Polizei zu tun hatte. Nun kommt der erste Beamte mit meinem Pass zurück und beide wünschen mir noch einen schönen Tag.

Frankfurt, Buchmesse

„Das Grundverständnis unserer Demokratie ist es, gegen Ausgrenzung zu sein und nicht schlecht zu reden über Dritte.“, betonte der Frankfurter Oberbürgermeister  Peter Feldmann (SPD) am rechtsintellektuellen Antaios-Buchmessen-Stand. Es waren warme Worte eines Politikers, die sich in den folgenden Tagen als Heuchelei erwiesen. Der Hauptgeschäftsführer  des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels   als Veranstalter der Buchmesse,  Alexander Skipis, wurde zur Präsenz rechter Verlage konkreter: „Wir sehen uns in der Pflicht, uns aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten. Meinungsfreiheit heißt auch Haltung zu zeigen. Engagieren Sie sich!“

Buchmesse-Direktor  Juergen Boos  sagt: “ Ich will die rechten Verlage nicht hier haben, aber wir müssen sie zulassen. Wir müssen es aushalten, wenn da jemand ist, dem wir nicht zuhören wollen.“ Der Kommmunikationsstratege, der nicht zuhören will, ruft auf, „Gesicht gegen  Rechts“ zu zeigen. Dazu, wie die Buchmesse im kommenden Jahr mit Auftritten neurechter Verlage umgehen will, möchte  Boos sich jetzt noch nicht äußern.

Die Amadeu Antonio Stiftung wurde daher im Vorwege von der Messeleitung  gegenüber des  Antaios-Buchmessen-Stands platziert.

„Rechtsextremismus mit Antisemitismus, auch in Form von Israelfeindlichkeit, und Rassismus sind ein in Deutschland weit verbreitetes Problem.“ steht auf der Homepage der Stiftung,  die nach einem 1990 in Eberswalde umgekommenen  Afrikaner benannt ist. Antisemitismus und Rechtsextremismus gehören für die vom Bund üppig geförderte Stiftung untrennbar zusammen und kann naturgemäß nicht primär mit muslimischen Migranten in Verbindung gebracht werden.

„Eine Diskussion auf Augenhöhe mit den Neuen Rechten würde bedeuten, dass wir unsere demokratischen Überzeugungen zur Debatte stellen. Menschenrechte sind nicht verhandelbar.“ belehrt mich eine  Mitarbeiterin der Stiftung im schwarzen Kostüm mit Prinz-Eisenherz Frisur garstig. Sie hatte mich zuvor in Gespräch mit den Antaios-Leuten nebenan gesehen. Nicht mit Rechten reden ist nicht nur Konsens auf der Buchmesse sondern auch in der gegenwärtigen Regierungsbildung. Dabei sind auf der Buchmesse  rechte Verlage durchaus ein beherrschendes Thema.  Es  finden eine Menge Veranstaltungen über Rechte, aber eben ohne sie statt. Das wiederum beschert dem rechten Lager nicht nur Zulauf sondern auch stete mediale Aufmerksamkeit.  Am ersten Tag wird Antaios -Verleger Götz Kubitschek  von Kamerateams aus ganz Europa  belagert.

Antaios und andere der Neuen Rechten nahestehende Verlage wurden Nachts verwüstet, mit Parolen beschmiert und die Mitarbeiter von mutmaßlich linken Schlägern bedroht. Vom Sicherheitspersonal will niemand etwas bemerkt haben, auch hier haben nicht wenige der Mitarbeiter einen Migrationshintergrund.  Kubitschek warf dem Börsenverein vor, ihre Stände nicht genügend vor linken Aktivisten geschützt zu haben.

Wie das von den Veranstaltern der Messe  geforderte Engagieren , nicht zuhören wollen,  Haltung und Gesicht zeigen, praktiziert wurde,  lies sich anschaulich bei einer Buchpräsentation des Antaios-Verlags beobachten:

Es ist kein Platz mehr frei vor dem Podium, etwa 300 Gäste sind gekommen. Während  der Buchbesprechung „Mit Linken Leben“ begannen bereits die Pöbeleien linker Störer, Transparente Ihr seid Nazis  wurden von vermeintlich braven Zuhörern entrollt. Der zunächst verbale Protest von etwa 50 Aktivisten schlug nach dem Auftritt des AfD-Politikers Björn Höcke bei der Ankunft der Identitären Martin Sellner und Mario Müller, zwei politischen Aktionskünstlern aus Wien und Halle, von Seiten der Demonstranten in Gewalt um.

Ein tätowierter Schläger geht plötzlich auf Kubitschek los, die Polizei führt ihn ab. Die Beamten trennen die gewaltbereiten Aktivisten von den Veranstaltern und Ihren friedlichen Gästen, eine Fortsetzung der Lesungen ist aufgrund des Lärms nicht möglich. „Nazis raus“ und „Deutschland verrecke“ skandieren die selbsternannten Meinungsschützer, die Identitären  anworten „Jeder hasst die Antifa“.

Die Polizei “räumt“ erst nach 40 Minuten  Dauertumult, die Störer  ziehen  verdächtig  schnell und sanft ab. „Wir haben gewonnen, die sind gegangen und wir sind geblieben!“ triumphiert Martin Sellner. Die Gäste freuen sich nun über die Ruhe und die Fortsetzung  der  Lesung. Doch da  betritt Buchmesse-Direktor  Jürgen Boos die Bühne. Er will das Ende der Veranstaltung verkünden, da die Zeit um sei, aber sein Megafon geht nicht.  Kubitschek greift nach dem Megafon , die Gäste erkennen die Situation, unter lautstarken Protestrufen „Heuchler“ zieht sich Boos mit seinen Polizisten zurück.

Der Verleger gibt eine Abschlusserklärung ab und beendet die Veranstaltung.  Ein Schelm, der an eine Absprache  zwischen Buchmessenleitung , Demonstranten und  Sicherheitskräften  denkt.

„Die Vorkommnisse auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse machen deutlich, wie widersprüchlich es in unserem Land zugeht: wie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt wird“ heißt es in der Charta 17. Zu den Erstunterzeichnern der von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen initiierten Petition gehören unter anderem Jörg Friedrich („Der Brand“), der Publizist Michael Klonovsky, die DDR-Bürgerrechtlerin und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld, die Publizistin Cora Stephan, der frühere Spiegel– und Welt-Journalist Matthias Matussek, der Autor Ulrich Schacht, der Journalist und Publizist Heimo Schwilk sowie der Bestsellerautor Uwe Tellkamp („Der Turm“). Alles Leute, die bislang nicht als besonders „Rechts“  aufgefallen sind.

Übrigens, kein linker Verlag wurde bedroht  oder zerstört.  Vor den muslimischen Verlagen, die für die Scharia und religiös verbrämten Faschismus eintreten, fand sich kein einziger „Menschenrechtler“ ein,  um wie die Buchmessen-Veranstalter vor den Antaios-Stand, stumm mit Schildern zu demonstrieren. Darauf stand „Freiheit und Vielfalt“  und  „Gegen Rassismus“. Während der Börsenverein der Buchmesse  also gegen „Rassismus“ mobil macht, bekamen Flüchtlinge im Jahr 2015 freien Eintritt gewährt und Extra-Leseecken eingeräumt.

Bildnachweise: Thilo Gehrke

 

 

 

 

 

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