#Elsagate, die Kinder und die Zensur

Ein Journalist liest Texte anders, manchmal einfach nur öfter. Mir fällt dabei häufig auf, dass ich erst nach mehrfachem Lesen sehe, was eigentlich das Thema ist

Von Volker Kleinophorst

Gewalt im Netz – Wie gefälschte Youtube-Videos Kinder verstören“  aus der Süddeutschen Zeitung (Zitate kursiv) erzählt eine Geschichte, die gerade in nahezu allen Medien auftaucht. Dabei geht es um das Youtube-Video eines gewissen „MULTI“ über #Elsagate. (Achtung ziemlich eklig.)

„Auf Youtube hat sich eine Szene etabliert, die sinnlose, brutale und teils gewaltverherrlichende Videos mit Helden aus Comic- und Animationsfilmen produziert – und damit ein sehr breites Publikum erreicht. „Toys and Funny Kids Surprise Egg“ etwa, der Clips mit Knetfiguren von Hulk, Spiderman und Elsa zeigt, gehört mit über fünf Milliarden Views zu den 100 meistgeklickten Videokanälen der Welt.“

So schockierend wie widerlich. Man benutzt bekannte Kinderfiguren, hofft auf einen Widererkennungswert und bettet „kranke Botschaften“ ein. Da drängen sich ja ein paar Fragen auf:

Wieso ist das Thema jetzt plötzlich überall, RTL hatte es schon im April? Wieso kriegt Youtube das auf seiner Kids-Plattform, seit 2 Jahren in den USA am Start, seit einigen Monaten in Deutschland, nicht in den Griff? Wieso überhaupt so eine Plattform, wo man doch vorher weiß, dass solche Kinderseiten Pädokriminelle anziehen? Ich habe von 2007 bis 2010 mehrere Familien-Seiten und auch eine Kinderseite betreut. Genau deshalb hatten wir kein Kinder-Forum und haben diese Seiten gegen Zugriffe von außen komplett abgeschottet. Die „Diskussion“ um unterschwellige Botschaften in Kinderfilmen ist im Netz so uferlos wie unversöhnlich.

„Allen Clips ist gemein, dass sie erst im Verlauf eine brutale Wendung nehmen. Dem Youtube-Algorithmus, der nicht kinder- und jugendfreie Clips eigentlich aussortiert, entgehen die Inhalte so.“

Ah die „Genies des Bösen“ sind so unheimlich trickreich. Überzeugend? Es wäre ein Leichtes einzugreifen, Aussperren bestimmter Inhalte ist nicht so schwierig, wie Hotels, Kliniken und auch viele andere öffentliche Einrichtungen aber auch Länder wie China zeigen. Auch wenn Youtube etwas nicht haben will, kriegt es das gelöscht. Etwas härter dürfte man als SZ da schon nachfragen. Hat es schon Urheberrechtsklagen gegeben wegen der Nutzung von Spiderman, den Disneyfiguren und Co.? Ist doch sonst das Argument für: “Dieses Video ist in ihrem Land nicht verfügbar“.

„Noch ist unklar, wer hinter den Videos steckt. „Das Phänomen ist neu, eine Erklärung haben wir noch nicht“, sagt Youtube-Pressesprecher Robert Lehmann auf SZ-Anfrage. „Wir können nur spekulieren.““

Neu ist ja (s. oben) nicht richtig. Außerdem immer wieder erstaunlich, einerseits weiß das Netz Alles, andererseits bleibt es ewiges Neuland. Wie es gerade passt.

Doch youtube gibt ja vor, nicht geschlafen zu haben. Man habe seine Richtlinien angepasst, man könne solche Videos melden, allerdings:

„Komplett entfernt werden sie aber nicht. „Wir verstehen uns als eine freie Plattform: Solange nicht zu Gewalt aufgerufen wird, dürfen die Videos drauf bleiben, egal, welchen möglicherweise fragwürdigen Vorlieben sie entsprechen“, so der Pressesprecher.“

Meinungsfreiheit? Freie Plattform?

Wer wäre an der Stelle nicht dafür, so etwas radikal zu zensieren.

Aber scheint ja schwierig zu sein. Nicht immer:

„Anm. der Redaktion: Youtube hat seine Richtlinien inzwischen erneut verschärft. In einem offiziellen Statement vom 22.11.2017 heißt es, das Unternehmen habe 50 Kanäle gekündigt und Tausende Videos entfernt. Zudem wurde mehr als einer halben Million Videos die Werbung und damit die Finanzierung entzogen.“

 Da liest man ja so zum Abschluss beifällig nickend drüber weg. Geht ja um die Kinder. Doch schauen wir es uns mal genauer an:

50 Kanäle gekündigt. Alle mit irgendwelchen Kindersendungen?

Zudem wurde mehr als einer halben Millionen Videos die Werbung entzogen. Alles Kinderseiten?

Mitnichten. Bei youtube (gehört zu Google) läuft die gleiche Säuberungswelle gegen Alles was nicht „hilfreich ist“, wie bei Zuckermanns „Gemeinschaftsstandard-Book“. Und dafür werden die Kinder vor den Karren gespannt, wie beim Spendensammeln, in der Werbung und eben für Zensur im Netz. Zensursula von der Leyen hat sich da bereits bedient. Wenn Kinderaugen leuchten.

Komischerweise ändert sich aber nichts. Während die Zensur politisch wunderbar greift, klappt es da immer irgendwie nicht. Es ist ungefähr wie bei den abgeschobenen Flüchtlingen, es sind immer die Falschen. Gemacht wird es wegen der Kinder. Nur gerade da klappt es nicht.

Wenn Kinderaugen nicht leuchten, weil Pädokriminelle das Licht verdunkeln, kein Thema, die Übergriffe der „Kulturbereicherer“ auf Kinder (und Alte), kein Thema, „Porno für Alle“, kein Thema. Man regt sich zu Recht auf, dass in einer Szene Elsa aus Frozen von Spiderman gezwungen wird, aus einer Toilette zu trinken. Das jedes Kind, das eine Kinderseite bedienen kann, im Netz schnell eine Szene findet, in der echte Menschen Ähnliches tun, und hinterher auch noch ganz politisch korrekt im Interview erklären, was für eine bewusstseinserweiternde Erfahrung das gewesen sei, schon gar kein Thema.

Kanalbetreiber Multi fragt sich, was denn dahinter steckt, Kinder zu verunsichern und solche Schockinhalte zu posten? Den Zusammenhang zur Frühsexualisierung zieht er aber nicht, die SZ schon gar nicht, obwohl diese Geschmacklosigkeiten dazu einfach perfekt passen. Und das Eine sind ein paar Videos, das Andere passiert in unseren Schulen und Kindergärten.

Es läuft, weil man es laufen lässt.

Nun kann man das für reichlich verstiegen finden, zu denken, so würde man gelenkt, so würde Zustimmung erzeugt, für etwas, was man eigentlich gar nicht will. Nun, genau so funktioniert Nudging die sanfte Beeinflussung, die ja auch von der Bundesregierung eingesetzt wird. Viele kleine Glieder einer unsichtbaren Hundeleine. Natürlich ruft Merkel da keinen an. Agenturen, die dir jedes Thema nach oben schreiben, oder auch aus den Schlagzeilen entfernen, gibt es ohne Ende. Nicht nur mit Verbindungen und Autoren, nein auch mit Anwälten, wenn es gar nicht anders geht. Jeder bedient sich ihrer: Regierungen, Lobbygruppen und NGOs sowieso aber auch Privatleute, die ihr öffentliches Bild steuern wollen.

Nicht erst seit gestern. Ich hatte in den 90ern diverse „Begegnungen“, wo mir Honorare anheim gestellt wurden, für bestimmte Inhalte. Das fädelte man ziemlich clever ein. Als erstes schlug man mir etwas vor, das ich genau so schon geschrieben hatte. Wenn ich das nochmal machen würde, gäbe es ein (fettes) Honorar. Ich konnte es kaum glauben, aber die haben wirklich gezahlt. Auch wenn ich damals schon sah, so ganz OK ist das nicht. Hab ich gemacht.

Aber es ging auch nicht darum. Der erste Schuss ist immer umsonst. Das war das Anfüttern. Danach kam dann schon eine Anfrage, die nicht mehr so easy runterging. Klar für mehr Kohle. Für mich der Moment auszusteigen und eine Regel aufzustellen: Wenn dich ein Informant für „deine Unterstützung“ bezahlen möchte, stimmt was nicht. Ablehnen spricht sich rum. Irgendwann hörten die Anfragen auf.

Nun werden sie sich zu Recht fragen. Was ist denn mit diesem Text hier? Hat der auch einen Subtext?

Natürlich, aber sie müssen „meinen Sermon“ jetzt nicht mehrmals lesen, um ihn zu finden. Ich verrate, was ich Ihnen unterjubeln möchte:

Eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit ist, unterscheiden zu können, zwischen etwas das gut ist und etwas das nur gut aussieht.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...