Telekom Bonn: Refugees welcome, Noten interessieren nicht!

Durch r.classen/Shutterstock
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Auch nach über einem Jahr Flüchtlingshilfe in Deutschland ist das Thema aktueller denn je. Die Herausforderungen für Unternehmen, die sich nachhaltig engagieren wollen, sind hoch. Spracherwerb und zielgerichtete Angebote sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für eine gute Integration. Jetzt geht die Telekom neue Wege, um „Flüchtlingen“ den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern.

Von Verena B.

Im August 2015 hat der Vorstand der Deutschen Telekom unmittelbar auf die stark wachsende Anzahl Zuflucht suchender Menschen in Deutschland reagiert und die Task Force „DT hilft Flüchtlingen“ gebildet. Der Fokus der Task Force lag in den darauf folgenden Monaten vor allem auf der Ersthilfe. So konnte die Deutsche Telekom unter anderem durch die Versorgung vieler Erstaufnahmeeinrichtungen mit WLAN, der Bereitstellung von Immobilien, der Personalvermittlung von Beamten an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder dem Onlineportal refugees.telekom.de einen wichtigen Beitrag im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung leisten. Neben Praktikums- und Ausbildungsplätzen wurden in der Folge auch Stipendien für die Telekom-eigene Hochschule für Telekommunikation in Leipzig, HfTL speziell für Studenten aus der Zielgruppe Flüchtlinge geschaffen. Viele Mitarbeiter haben sich ehrenamtlich engagiert und wurden über [email protected] finanziell, mit Freistellungen und mit Infrastruktur unterstützt.

Lag der Schwerpunkt im Jahr  2015 aus Sicht der Zielgruppe noch eher auf dem Ankommen und der ersten Orientierung, steht in 2016 die Klärung von Aufenthaltsstatus, Wohnort und Integration in Umfeld und Arbeitsmarkt in Deutschland im Mittelpunkt.

Zusätzlich zu den angebotenen Praktikanten- und Ausbildungsstellen entstand unter anderem eine neue gemeinsame Pilotinitiative zwischen der Henkel, der Deutschen Post/DHL, der Deutschen Telekom sowie der Bundesagentur für Arbeit. Das Pilotinitiative heißt „Praktikum PLUS Direkteinstieg“.

Nach aktuellen Erkenntnissen verfügen ca. 86 Prozent der geflüchteten Menschen über keine formale berufliche Qualifikation oder zumindest über keine, die in Deutschland eine Anerkennung finden würde. Damit sind viel weniger Fachkräfte nach Deutschland gekommen als zunächst angenommen. Praktikum PLUS Direkteinstieg richtet sich an genau diese Zielgruppe. An Flüchtlinge mit Integrationshemmnissen wie nicht abgeschlossene Ausbildung im Herkunftsland, aber gutem Potenzial, die bereits beruflich tätig waren und einen direkten Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt anstreben. Bundesweit werden insgesamt zunächst 100 Stellen von den drei beteiligten Unternehmen angeboten. Ziel ist es, Flüchtlingen über einen Zeitraum von 2,5 Jahren eine berufliche Perspektive zu geben und ihre Chancen für den deutschen Arbeitsmarkt  zu erhöhen. Die ersten 6 Monate wird als Orientierungsphase in Form von Praktika umgesetzt, an die sich unmittelbar eine befristete Anstellung für 2 Jahre anschließt.  Das Besondere dabei: Die Integration in das Arbeitsleben erfolgt bei gleichzeitiger Fortsetzung der Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen und der Einstieg über die beiden Praktikumsformen bietet die Möglichkeit, eines niederschwelligen Übergangs in die Arbeitswelt, da die Verantwortung im Job langsam ansteigt.

Auf die Erfahrungen und Erfolge der ersten Projektphase wird aufgebaut: Das Flüchtlingsportal wird ebenfalls neu ausgerichtet, mit neuen Partnern fortgeführt und unter dem Namen „Handbook Germany“ neu aufgesetzt. Das Engagement der Mitarbeiter wird für die Integration der neuen Kollegen eingesetzt. Kooperationen mit Firmen, aber auch NGOs helfen dabei, Erfahrungen besser nutzbar zu machen und Angebote noch besser zu positionieren und auszubauen.

Telekom Bonn lädt „Flüchtlinge“ zum „Speed-Dating“ und geht „neue Wege“

Die Telekom geht bei einem Experimentalprojekt zur Integration von Flüchtlingen neue Wege und bietet Bewerbertage mit Speed-Dating an. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Programm, das erst 2017 startete, sind positiv.

Bewerbungsschreiben, Zeugnisse, Lebenslauf – alles schön standardisiert, ordentlich und vergleichbar. So lieben es Personaler. Und so brauchten es gerade Großunternehmen, sagt Birgit Klesper, die bei der Telekom unter anderem den Bereich Human Ressources verantwortet. Umso erstaunlicher, dass die Telekom in einem Experimentalprojekt zusammen mit der Deutschen Post und dem Henkel-Konzern bei der Integration von Flüchtlingen ganz andere Wege beschreitet.

„Mal ganz abgesehen von fehlenden Unterlagen: Mit einer Sozialversicherungsnummer oder anderen Fachbegriffen des deutschen Sozial- und Arbeitsrechts können Neuankömmlinge in Deutschland oft nichts anfangen“, ist Klesper sicher. Falsch oder unvollständig ausgefüllte Bewerbungsbögen seien die Folge und damit Frust auf beiden Seiten.

Mit speziellen Bewerbertagen umschifft der Bonner Konzern solche Probleme. Am Freitag waren dazu wieder 40 junge Migranten in die Konzernzentrale eingeladen. Auszubildende und Führungskräfte aus verschiedenen Bereichen nahmen sie in Empfang. Zuerst halfen sie beim Ausfüllen der nötigen Unterlagen.

Dann ging es jeweils in drei bis vier kurze Gespräche. „Nicht die Noten interessieren uns, sondern der Mensch“, hatten die Verantwortlichen als Devise ausgegeben. Wichtig sei vor allem, ob die zwischenmenschliche Chemie stimme.

Für die Bewerber eine reelle Einstiegschance in den Arbeitsmarkt. 100 Migranten im Jahr bietet das Unternehmen auf diese Weise ein sechsmonatiges Praktikum an. Mit gut 1500 Euro Lohn bei 40 Wochenstunden wird es ordentlich bezahlt – die Hälfte davon von der Bundesagentur für Arbeit. Doch vor allem qualifizieren sich die Guten damit für eine Bewerbung um einen Ausbildungsplatz oder ein duales Studium.

Einer hat diesen Schritt schon geschafft. Im T-Shirt in der Unternehmensfarbe zeigte der junge Iraker nun anderen Bewerbern stolz die Zentrale, sprach über Zukunftsprojekte und Unternehmenswerte. Das Miteinander im Betrieb sei wichtig, Respekt voreinander zwingend. Wenn auch manchmal noch ein wenig zögernd und aufgeregt, merkte man ihm bei der Präsentation, aber schon erkennbar an, dass er mental zum Unternehmen dazugehört.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem Programm, das allerdings erst 2017 startete, seien durchweg positiv, sagt Bereichsleiterin Klesper. In einem Fall habe man sich wegen Fehlverhaltens getrennt, ein anderer Praktikant fand vorzeitig eine feste Stelle. Die übrigen durchliefen das Praktikum ohne Probleme. Ausreichende Deutschkenntnisse und ein geklärter Aufenthaltsstatus seien allerdings Voraussetzungen für die Anstellung.

Für ältere Migranten mit Berufserfahrung gibt es ein ähnliches Programm. Hier könne ein Praktikum vorhandene Qualifikationen belegen und in einem Direkteinstieg mit Festanstellung für zunächst zwei Jahre münden. Und auch für hiesige Jugendliche, die keinen Schulabschluss zuwege gebracht haben, gebe es die Möglichkeit, über Praktika an einen Ausbildungsplatz zu kommen. Der Anteil dieser Berufseinsteiger sei seit den 1980er-Jahren gestiegen. „Für sie brauchen wir ebenfalls unkonventionelle Lösungen“, so Klesper.

Aus zuverlässiger Quelle ist bekannt, dass ein deutscher Bewerber um ein Praktikum abgelehnt und stattdessen der „Fremdling“ den Platz bekam. Wenn man das sagt, ist man ein ausländerfeindlicher Nazi.

Welche Ausbildung streben Sie an?

Ali Aldelfi: „In meiner Heimat, dem Irak, habe ich drei Jahre Jura studiert, bevor ich flüchten musste. Seit zwei Jahren bin ich in Deutschland. Jetzt wünsche ich mir einen Ausbildungsplatz in Fachinformatik, da das deutsche Rechtssystem ein ganz neues Studium verlangen würde.“

Hussain Alrudayo: „Ich bin gleich nach dem Abi im Irak abgehauen und vor zwei Jahren in Deutschland angekommen. Nun bin ich 22 Jahre alt und wohne in Bonn. Ich würde mich über eine Ausbildung im Bereich Informatik oder Kundenservice freuen. Das Praktikum wäre der erste Schritt dazu.“

Muhamad al Khatib: “Ich habe bei der letzten Runde schon einen Praktikumsplatz in der Unternehmenskommunikation bekommen, der bis Februar läuft. Vor zweieinhalb Jahren bin ich ohne meine Familie aus Damaskus geflohen. Vorher hatte ich schon zwei Jahre Wirtschaft studiert. Wenn ich Heimweh habe, gehe ich in das Esslokal „Damaskus“ in Bad Godesberg. Dort treffe ich viele Gleichgesinnte. Manchmal gibt es in der arabisch-türkischen Einkaufszeile Massenschlägereien zwischen Arabern und Kurden, denn Bad Godesberg ist eine lebenswerte Stadt, wo jeder gerne wohnt.“ Das sagte er nicht.

Einige Details zur Telekom

Seit Mai 2008 ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn im Fall der Telekom-Überwachungsaffäre. Die Staatsanwaltschaft hat in diesem Zusammenhang Ermittlungen gegen acht leitende Mitarbeiter und Aufsichtsratsmitglieder der Deutschen Telekom eingeleitet. Den Beschuldigten wird unter anderem die Bespitzelung von Journalisten, Aufsichtsräten der Arbeitnehmerseite, Betriebsräten und weiteren Telekom-Mitarbeitern sowie des Vizeaufsichtsratschefs der Deutschen Post AG während der Amtszeit Rickes vorgeworfen.

Im Oktober 2008 rückte die Telekom des Weiteren in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als sie nach einem Spiegel-Artikel einräumte, dass ca. 30 Millionen Kundendaten der Mobilfunktochter T-Mobile ohne großen Aufwand über das Internet abgerufen und manipuliert werden konnten. In diesem Zusammenhang ermitteln zwei Staatsanwaltschaften wegen des Datendiebstahls von 17 Millionen Kundendaten, welche vermutlich aus einem Call-Center der Telekom-Konzerntochter Vivento entwendet wurden.

Fazit:

Hurra, ein irakischer Bewerber hat die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz oder ein duales Studium schon geschafft! Das ist angesichts von Millionen Schatzsuchender eine großartige Leistung!

Wir wünschen der Telekom viel Erfolg mit ihren „Flüchtlingen“. Wenn sie sich anstrengen, können sie die Telekom vielleicht eines Tages übernehmen, und die Assistentin im Vorstandssekretariat trägt Nikab als Zeichen der Toleranz und der interkulturellen Vielfalt – fünfmaliges Beten aller MitarbeiterInnen pro Tag natürlich gewährleistet!

 

 

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