Wenn Sprache auf den Strich geschickt wird: Folge I: Toleranz

Foto: Durch Rawpixel.com/Shutterstock
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Wenn Sprache auf den Strich geschickt wird, handelt es sich um Zwangsprostitution. Wenn die Bedeutung eines Wortes anders aufgeladen ist, nennen die Amerikaner das Wieselworte. Man saugt den Inhalt auf wie ein Wiesel ein Ei und programmiert die leere Hülle neu. Bei George Orwell heißt es Neusprech. Doch das Phänomen ist so alt, schon Konfuzius hat sich damit befasst: „ Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen keine guten Werke zustande.“ In unregelmäßigen Abständen nimmt jouwatch solche Umdeutungen unter die Lupe.

 Von Volker Kleinophorst

Toleranz ist im Grunde eine gute Idee. Wenn der Nachbar zu laut feiert, obwohl er es gesetzlich nicht dürfte, kann man tolerant darüber hinwegsehen. Toleranz ermöglicht, dass verschiedene Meinungen nebeneinander stehen bleiben können, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten kommt.

Das Wort kommt aus dem Lateinischen. Tolerare heißt: erdulden, ertragen. Man wird aufgefordert, etwas zu ertragen, was man eigentlich nicht mag und sich auch nicht selber ausgesucht hat. Ertragen kann man nur die Abweichung von einer Regel. Man toleriert den Nachbarn, weil er in der Regel nicht lautstark bis in Nacht hinein feiert. Toleranz besteht also darin, Ausnahmen zu akzeptieren, nicht Regeln abzuschaffen.

Ohne die Idee einer Toleranz von Andersartigkeit ist gesellschaftliches Zusammenleben nicht möglich. Deswegen hat die Obrigkeit immer wieder Toleranz erzwungen. Früher durch Toleranzedikte, heute durch Gesetze, wie das vom „Europäischen Rat für Toleranz und Versöhnung“ unter Vorsitz von Tony Blair 2015 vorgelegte „Rahmengesetz zur Förderung von Toleranz“. In der deren Einleitung wird neben der Toleranz die Akzeptanz menschlicher Vielfalt und von jeder Form von unterschiedlicher Lebensführung als Vorbedingung für ein erfolgreiches Zusammenleben von diversen religiös, ethnisch, kulturell, sexuell oder sonst wie definierten Gruppen innerhalb eines Staates festgeschrieben.

Damit wird der Toleranzbegriff Richtung Akzeptanz verschoben. Akzeptanz also Anerkennung ist aber ganz etwas Anderes als Toleranz. Sie bedarf der Zustimmung. Wenn die Ausnahme von der Regel zur Regel werden soll, muss man darüber abstimmen, was man weder getan hat, noch tut. Und nicht nur, dass diese Toleranz genannte Akzeptanz unrechtmäßig erzwungen wird, Kritik an der verordneten „Kultur der Toleranz“  wird unter Strafe gestellt. Wer nicht akzeptiert, soll „umerzogen“ werden.

Dabei bleibt eine der wesentlichen Tugenden der Toleranz außen vor. Die Toleranz vor der Meinung des Andersdenkenden. Das ist nicht tolerant sondern totalitär.

 

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