Sind Bundestagswahlen eigentlich Sondierungswahlen?

Foto: Collage
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Am Donnerstag hätten die Sondierungsgespräche zur Bildung einer Schwampel eigentlich vorbei sein sollen.

von Max Erdinger

Ausgerechnet diejenige, deren persönliche Zukunft am meisten vom Zustandekommen dieser Schwampel abhängt, Angela Merkel, tönte wenige Tage zuvor vom ultimativen und absolut einzuhaltenden Sondierungsendtermin: 16. November 2017. No more Sondierung am 17ten.

Nun sondieren sie weiter. Gestern war der 18te. Die Sondierungsgespräche mussten verlängert werden, heisst es, egal was vorher ausgemacht war. Sondiert muß werden bis der Arzt kommt. Heißen deutsche Regierungen neuerdings Sondierungen? Werden wir eine Bundesregierung oder eine Bundessondierung haben? Wählen wir Volksvertreter oder Sondierer? Das sind so Fragen. Und es gibt noch mehr.

Sind Grüne für die FDP – und die beiden zusammen für CDU und CSU – ungefähr so etwas wie Aliens? Hat man erst nach der Wahl festgestellt, daß man sich auf ein- und demselben Planeten befindet? War man sich vorher gänzlich unbekannt, möglich gar völlig ahnungslos hinsichtlich der Existenz des jeweils Anderen? Was muß denn da so lange sondiert werden?

Wenn es nicht so völlig unglaublich wäre, was mir mein fiktiver Korrespondent von den Sondierungsgesprächen mitgeteilt hat, dann wäre die folgende Übersetzung von Merkelsprech in Gegenwartsdeutsch inhaltlich zutreffend. Der fiktive Korrespondent berichtet, die Kanzlerin hätte übersetzt Folgendes gesagt: „Schönen guten Tach zusammen, liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben an die Macht! Da wir hier versammelt sind, um gemeinsam eine Schwampel zu bilden, die mir mehr nützt als jedem von Euch, mache ich den folgenden Vorschlag zur Gemeinschaft: Grüne und FDP einigen sich irgendwie. Wie, ist mir schnuppe. Ich akzeptiere alles. Hauptsache Schwampel. Mir reicht schon dieser bayerische Quengler. Mit dem werd´ ich alleine fertig.“

Tja, wenn das stimmt, dann haben wir also gewählt, daß sich Angela Merkel aussuchen darf, welcher Zweite sich wie lange mit einem Dritten darüber unterhalten darf, wie sie gemeinsam und zusammen den Bundeshosenanzug im Kanzleramt halten könnten. So etwas nennt man gekonntes Denkenlassen. Respekt, Frau Merkel.

Neue „Deadline“ für die Sondierungsgespräche ist nun Sonntag der 19te, 18 Uhr, also heute abend. Ich bin gespannt, ob um 18:01 die Sondiererei vorbei ist. Ein „Schmankerl“ kam von Jürgen Trittin noch: Der Familiennachzug für „subsidiär Geschützte“ (von denen meinereiner sich fragt, warum sie eigentlich nicht „temporär Geschützte“ heißen) sei nicht verhandelbar. Seine Begründung ist ein Beweis für Wahnsinn: „Subisidär Geschützte“ hätten sowieso schon einen niedrigeren Schutzstatus, so daß es ungerecht sei, ihnen obendrein auch noch den Familiennachzug zu verweigern. Trittin scheint keine Mühen darauf verschwendet zu haben, den Sinngehalt von „subsidiär geschützt“ überhaupt zu erfassen.

Tief im Grunde meines Herzens frage ich mich aber ohnehin, was das für ein Volk ist, das sich die Merkel-One-Woman-Show in jeder x-beliebigen Länge bieten läßt.

 

 

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