Weihnachtsmärkte: Beruhigte Bürger

Die Wahrheit würde beunruhigen. Also gilt, bevor es kein „LKW-Attentat“ gegeben hat, tut man so, als könnte es auch keins geben. Und kürt den schönsten Merkel Poller. Da ist auch auf die Lokalpresse Verlass.

Von Volker Kleinophorst

Das Nordheide Wochenblatt ist von Neusprech in geradezu peinlicher Weise durchdrungen. Das Fragezeichen bei „Panikmache vor Terror in der Provinz?“ vom 11.11. lässt ja lässt schon nichts Gutes ahnen. Und schon im ersten Absatz bei „LKW-Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt“ schüttelt man das erste Mal den Kopf über diesen „deeskalierenden“ Text. Schon die Frage, ob sich der LKW vorher im Internet blitzradikalisiert hat, bleibt im Dunkeln.

Und wer es noch nicht begriffen hat, da bleibt ja noch die Bildunterschrift: „Diese Container sollen im unwahrscheinlichen Fall eines LKW-Anschlags die Besucher des Weihnachtsmarktes schützen.“ Wie unwahrscheinlich ein solcher Anschlag vor fünf Jahren war, egal. Woran das liegt? Kein Thema?

Immerhin, als Bewohner der kleinen Samtgemeinde Hollenstedt (gut 10.000 Einwohner in 7 Gemeinden) muss ich feststellen, wenn es um die Merkelpoller geht, ist Hollenstedt Trendsetter. Als man dort beim letzten Herbstmarkt einige fette Wassertanks aufstellte, war das Strategiepapier der EU zur Terrorbekämpfung, das jede Menge Ideen enthält, außer der keine Terroristen ins Land zu lassen, noch nicht einmal draußen.

Man stelle sich vor ein Bürgermeister (CDU) der selbstständig Entscheidungen fällt, ohne dabei darauf Rücksicht zu nehmen, ob nicht „LKWs“ unter Generalverdacht gestellt werden.

Dieses Papier fordere „einen sensibleren Umgang der Kommunen mit der Gefahr durch Terroranschläge.“ Die Bürger sollen durch „innovative Barrieren“ geschützt werden, die „möglichst den öffentlichen Charakter des Platzes erhalten und dennoch Sicherheit bieten.“

Wie halten Gemeinden es mit der Sicherheit zu Weihnachten, fragt das Wochenblatt:

Für Buchholz in der Nordheide erklärt Pressesprecher Heinrich Helms, „dass auch auf den kommenden Veranstaltungen keine spezifischen Sicherheitsmaßnahmen im Bezug auf den unwahrscheinlichen Fall eines Anschlags vorgenommen werden.“

Hallo LKWs, hier ist es besonders einfach.

Die Stadt Winsen ist für Offenheit und Sicherheit. Man sei offen für „Konzepte und Vorschläge“, so deren Pressesprecher Theodor Peters.

Hallo LKWs, auch hier hat man keinen Plan.

In Buxtehude als Touristenmagnet gehören Beton-Barrieren seit längerem dazu. Aber man möchte doch regelmäßig das „Verhältnis von Aufwand und Nutzen“ prüfen.

Hallo LKWs, hier eher mal abwarten und die Lage sondieren.

In Hollenstedt werden auch zum Weihnachtsmarkt die Wassertanks wieder aufgestellt, mit dem Segen der EU. Dieses mal mit „bunten“ Unterwasser-LEDs erleuchtet. Der Bürgermeister freut sich mit dem Wochenblatt, mal wieder „Trendsetter“ zu sein. Denn das brauchen wir: „Innovative Konzepte, die Sicherheit bieten und dennoch nicht bedrohlich wirken.“

Denn wie es in einem Kommentar der gleichen Ausgabe zum Thema „Wohin mit den Flüchtlingen“ heißt:

„Nach mehr als zwei Jahren sind viele Flüchtlinge (von diesem verlogenen Begriff kann ja kein Propaganda-Medium lassen) angekommen in „ihren“ (nicht etwa unseren) Gemeinden. Aus Fremden wurden Nachbarn und Freunde.“

Wie schnell das doch geht. Woher man die Erkenntnisse hat, bleibt auch in dem Artikel zum Kommentar im Dunkeln. Was aber klar ist, die arbeiten Alle oder gehen ganz eifrig zur Schule. Welche den ganzen Tag in der Buchholzer Innenstadt rumlungern, ist sicher zu schwer zu recherchieren. Das Büro des Wochenblatts liegt zwar in der Buchholzer Innenstadt…

Der Kommentar ist im nächsten Satz bereits zum nächsten Neusprech-Idiom galoppiert:

„Tagtäglich setzen sich Ehrenamtliche für diese „Neubürger“ ein.“

Subtext: Die bleiben hier. Die haben ein Recht hier zu sein.

Es gibt nichts zu sehen, gehen sie weiter.

Alles Weitere in den örtlichen Propaganda Medien.

Motto: Solange du kein Messer im Rücken hast, bitte keine Vorurteile schüren auch nicht gegen LKWs. Denn auch da gilt die Unschuldsvermutung.

Bloß keine Panikmache!

Und wenn es dann passiert:

Wie konnte das passieren? Ganz groß. Und: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wir sind mit unseren Gedanken bei den Opfern.

Achtung: Der Text enthält Spuren von Ironie und Galgenhumor.

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