Desintegriert Euch!

Foto: Durch Holger Boehm/Shutterstock
Fest in der Hand linker Ideologen: Das Gorki Theater in Berlin (Foto: Durch Holger Boehm/Shutterstock)

Während der Autofahrt ist man einigen Schrecken ausgesetzt (unachtsamen Rad- bzw. Autofahrern, Fußgängern aber auch dem Radioprogramm). Auf der Suche nach guter Musik bzw. einem interessanten Beitrag blieb ich beim RBB Inforadio hängen (nicht ganz unproblematisch, da gebührenfinanziert). Dort kündigte der Moderator an, dass in und um das Berliner Gorki-Theater der dritte Herbstsalon öffnete. Er steht unter dem Motto „Desintegriert Euch!“.

Von Nils Kröger

Dies machte mich hellhörig. Allein das Motto ist schon verräterisch und dass sich der Kulturbetrieb spätestens seit 2015 vollends vor den Karren einer gewissen Politik hat spannen lassen, ist hinlänglich bekannt. Die Neugier war stärker als das innere Unbehagen und daher lauschte ich diesem Erguss.

Das Motto „Desintegriert Euch“ meint, jenseits vereinnahmender „Leitkultur“-Debatten, in denen pauschal die Integration von Minderheiten gefordert wird, eben genau die dies fordernde, so genannte Mehrheit in Frage zu stellen. Ausgestellt und performt wird also einmal mehr radikale Vielfalt – ohnehin die Hausmarke des Berliner Gorki Theaters. Im Zentrum stehen dabei 100 starke politische Statements gegen neue Nationalismen, vor allem von bildenden Künstlern.*

Hier biss ich bereits das erste Mal ins Lenkrad. Dürfte die Frage erlaubt sein, worin sich die Minderheiten denn sonst integrieren sollen wenn nicht in die Mehrheitsgesellschaft? Wenn alle nur nebeneinander herleben und „unsere Werte täglich neu ausgehandelt werden müssen“, nennt man das Anarchie. Aber anscheinend ist dies ja ein erstrebenswertes Ziel von Ideologen. Die Ausstellung und Performung radikaler Vielfalt ist also die Hausmarke des Gorki-Theaters? Sollten dies typische Aktivitäten im Sinne der Polizeilichen Kriminalstatistik sein, bleibe ich doch lieber daheim.

Das beginnt mit den drei wie eine Barrikade aufgerichteten Bussen am Brandenburger Tor – Mahnmal der Zerstörung im syrischen Bürgerkrieg. Dieses „Monument“ des Deutsch-Syrers Manaf Halbouni war zuvor in Dresden vor der Frauenkirche postiert und hat dort viel Wirbel und Pegida-Proteste ausgelöst. In Berlin wird es eher wie eine weitere Touristenattraktion wahrgenommen und fungiert als Hintergrund fürs Handy-Selfie. Davor orgelt der Leierkastenmann. Ohne dieses verniedlichende Beiwerk sind die Positionen des Herbstsalons im Gorki, den Palais am Festungsgraben und dem Kronprinzenpalais wahrzunehmen.*

 Der zweite Biss ins Lenkrad. Natürlich sorgt solche „Kunst“ für Wirbel. Wenn praktisch ein Symbol, das nachweislich von einer dschihadistischen Terrormiliz – Ahrar al-Scham – für ihre Propaganda genutzt wurde*, durch den Steuerzahler (allein 57.000 EUR für die Stadt Dresden*) alimentiert wird, dann sollte wohl Kritik angebracht sein. Aber für die Inforadio-Kulturreporterin Ute Büsing ist das ein starkes politisches Statement gegen neue Nationalismen. Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Denn sobald im öffentlich-rechtlichen Rundfunk irgendetwas mit „national-“ zur Sprache kommt, ist Vorsicht geboten. Wie geahnt, kam es wie es kommen musste.

Neben ein paar nichtigen Performances mit Jahrmarktcharakter, wie der eines zitronengelben Rosenmädchens, das die Symbole der Identitären abfackelt, gibt es dort erstaunlich viele starke Bilder zu sehen. Bilder, die bleiben. Zum Beispiel von Hale Tenger, bereits 1990 entstanden, aber bedrückend aktuell, eine Installation türkischer Schwerter, die über einer Blutbad-Wanne hängen. Henrike Naumann hat „Das Reich“ nachgebildet, ein wie ein Weltbild begehbares Wohnzimmer mit Sammelobjekten der ultrarechten Reichsbürger (neben Waffen auch, Achtung!, Wikingerhelme, Anm. Autor). Das wirkt erst niedlich, auf den zweiten Blick dann bedrohlich. Und als Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex ist ein nüchterner Studierraum angelegt. Dort wird in Video-Statements von Opfer-Angehörigen und einer forensischen Spurensuche der strukturelle Rassismus in der Verfolgung der rechtsradikalen Mörder sichtbar gemacht. Da heißt es, sich einlassen, Zeit mitbringen.*

Das Lenkrad ist bald als solches nicht mehr zu erkennen und man fragt sich unweigerlich, ob die RBB-Kulturreporterin noch bis vor kurzem mit Claudia Roth um die Häuser zog. Allein in diesem Absatz ging es nur um „nationale“ Themen (Identitäre, türkische Schwerter, Reichsbürger, NSU-Komplex und struktureller Rassismus). Das grenzt doch schon an Verfolgungswahn, Frau Büsing. Für diese Frau sind Wikingerhelme bedrohlich. Was sie wohl bei Antifa-Anhängern mit schwarzer Kleidung bzw. Vermummung, Che- und Mao-Fahnen etc. empfindet? Danach erfolgte noch ein Hinweis zum Kronprinzenpalais.

… In einigen Positionen wird an die Vorgeschichte des Kronprinzenpalais erinnert. Dort wurde nämlich 1919 das weltweit erste Museum zeitgenössischer Kunst namens „Galerie der Lebenden“ eröffnet. Damals zu sehen: Franz Marcs „Der Turm der Blauen Pferde“, heute verschollen. Darauf bezieht sich jetzt Norbert Bisky („Untitled“) mit einer verbrannten Skulptur, Symbol für die mögliche Zerstörung des verschollenen Kunstwerks durch den nationalsozialistischen Auslöschungswahn.*

Jetzt war das Lenkrad fast unbrauchbar geworden. Frau Büsing spricht über die MÖGLICHE Zerstörung des Bildes durch, wen sonst, Nazis. Man hat zwar keine Beweise, aber es ist ja denkbar. Vermutlich haben die Nazis in ihrem Auslöschungswahn auch Caesar ermordet, als Seevölker getarnt Großreiche wie das der Hethiter zerstört oder den Klimawandel verursacht. Es wäre ja möglich. Zum Glück wurde endlich das Fazit angesprochen.

Der Besuch lohnt sich

Das Gorki – Kerngeschäft Theater! – geht in der dritten Ausgabe des Herbstsalons erstaunlich versiert fremd. Denn die bildende Kunst hat schon die Qualitäten einer besseren, wirklich historisch-politisch zugespitzten Documenta und lohnt auf jeden Fall den Besuch, zumal der Eintritt frei ist. Die begleitenden Performances konnten da am Wochenende nicht mithalten. Aber im Rahmen des Herbstsalons werden ja auch wieder starke Stücke wie „Stolpersteine Staatstheater“ gezeigt.*

 Nach diesem Beitrag war ich froh, noch über ein Lenkrad zu verfügen und schaltete das Radio aus. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Das Gorki-Theater stellt sich politisch hinter R2G. Warum? Das Gorki-Theater „erwirtschaftet“ ca. 13,6 Mio EURO, wovon wiederum ca. 12,1 Mio. EURO Zuschüsse des Landes Berlin sind.* So viel zum Thema freie Künste. Des Weiteren ist „Eintritt frei“ der nächste Lacher. Es wäre geradezu eine Frechheit, den Steuerzahler zweimal für diese ideologische Selbstbestätigung zur Kasse zu bitten. Das der öffentlich-rechtliche Rundfunk wohlwollend darüber berichtet, rundet das Gesamtpaket ab. Zum Ende noch ein gebührenfreies und geistreiches Zitat von Oliver Hassencamp:

Wer ein Theater füllen will, bedient sich der Dramaturgie. Um es zu leeren genügt Ideologie.

*Quelle:

https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/kultur/201711/182045.html

https://bundesdeutsche-zeitung.de/headlines/politics-headlines/dresden-ist-stolz-auf-isis-denkmal-symbol-fuer-islamistischen-terror-963705

https://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Bus-Monument-in-Dresden-kostete-57-000-Euro-artikel9837136.php#

 https://www.berlin.de/sen/kultur/kulturpolitik/statistik…/haushaltsplan_2016_1017.pdf

 

 

 

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