Die Nazis haben das grüne Copyright

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Aus grün wird braun, oder eher umgekehrt? (Foto: Durch rangizzz/Shutterstock)

Den Namen Ricarda Breyton sollte man sich merken. Schlimmes steht noch zu erwarten, denn sie ist jetzt schon das zweite Mal in historisch kurzer Zeit als journalistische Flachzange in Erscheinung getreten. Das erste Mal hatte sie ein von der SPD-Genossin Iris Gleicke beauftragtes Gutachten über Rechtsextremismus in Ostdeutschland in der WELT N 24 breitgetreten, welches nach zwei Wochen als wissenschaftlicher Fake entzaubert wurde. Leute mit Verstand erkannten sofort, daß alles Unsinn war, nicht jedoch Frau Breyton.

Von Wolfgang Prabel

Im zweiten Wurf popularisiert sie wiederum in der WELT N24 überaus fragwürdige Propagandaschriften des grün geführten Umweltministeriums von Rheinland-Pfalz. Unter der Überschrift „Die heile Öko-Welt der Neonazis“versucht Breyton alle Realitäten auf den Kopf zu stellen:

Das Umweltministerium in Rheinland-Pfalz engagiert sich gern gegen rechte Gesinnung. Wiederholt hat es Broschüren zu Naturschutz und Rechtsextremen veröffentlicht. (…) 2011 wurde „Naturschutz gegen Rechtsextremismus“ veröffentlicht, 2014 „Klartext gegen rechtsextreme Ökosprüche“. Beide Hefte wurden mehrfach aufgelegt.
Das Umweltministerium erklärt das Engagement so: „Die Erfahrung zeigt, dass sich Rechtsextremismus überall dort versucht breitzumachen, wo nicht bewusst und aktiv dagegengehalten wird.“ So gebe es etwa immer wieder Berichte über Rechtsextremisten, die sich für den Tierschutz starkmachten.

Weiter Breyton: „So gilt es inzwischen als belegt, dass rechte Akteure versuchen, in Naturschutz- und Umweltorganisationen Fuß zu fassen.“

Naja, das Probem ist bekannt. Ein Hallenser Umweltaktivist erzählte mir 1993, daß der Naturschutzbund Deutschlands die Abkürzung von NSB in NABU gewechselt hatte, weil er von Nationalsozialisten regelrecht überrannt wurde. Mit zehn Minuten Internetrecherche hätte Frau Breyton der Sache auf den Grund gehen können. Denn historisch ist es natürlich so, daß die Nationalsozialisten und ihre Vorläufer das Copyright auf den Tierschutz, den Umweltschutz und den Landschaftsschutz haben. Zumindest in Deutschland. Nicht die Nazis haben den Grünen ihre Ideologie geklaut, sondern die Grünen der völkischen Bewegung und der NSDAP. Die grüne Umweltministerin versucht die peinliche Geschichte wie in Orwells Wahrheitsministerium nachträglich zu berichtigen und Breyton ist die willige WasserträgerIn, die den vollen Lügeneimer in die WELT kippte.

In einem unterhaltsamen und lehrreichen Beitrag „Adolf-Hitler-Medaille für Tierschützer“ hatte Klaus Alfs die Liebe der Nationalsozialisten zur Natur, zum Umweltschutz, zum Tierschutz und zum Vegetarismus schon im September 2014 herausgearbeitet.

Mit dem Reichstierschutzgesetz vom 24. November 1933 trat das bis dahin umfassendste Tierschutzgesetz der Welt in Kraft. Es „verbesserte die Rechtsstellung des Tieres mithin erheblich“, resümiert der Rechtshistoriker Winfried C. J. Eberstein in einer vergleichenden Studie. Die Präambel legte erstmals gesetzlich fest, dass Tiere um ihrer selbst willen zu schützen seien. 1934 folgte das Reichsjagdgesetz, ein Jahr später das Naturschutzgesetz, 1937 wurden Tiertransporte rechtlich geregelt.

Diese Gesetze verschafften den Nationalsozialisten weltweites Ansehen.  (…) Die Nazis werteten Tiere nicht nur juristisch höher, als es in anderen Staaten je üblich war; sie sorgten auch für die konsequente Umsetzung ihrer Gesetze auf allen gesellschaftlichen Ebenen. „Die Misshandlung und Quälerei von Tieren wurde bis tief in die Kriegszeit vom Staatsapparat streng verfolgt und geahndet. Teilweise befasste sich sogar das Militär mit dem Tierschutz“, stellt der Rechtshistoriker Stefan Dirscherl fest. 
Es gab damals Tieranwälte, die als Interessensvertreter der Tiere agierten; Blockwarte wurden bei Verstößen gegen den Tierschutz ebenso zur Denunziation angehalten wie Kinder, die jede Misshandlung ihren Eltern oder direkt der Polizei melden sollten. Für besondere Verdienste ums Tierwohl gab es die „Adolf-Hitler-Medaille“ mit dem schönen Eintrag: „Adolf Hitler – ich bin ein entschiedener Gegner der Tierquälerei“.

Den Nationalsozialisten war es sehr wichtig, den Tierschutz durch „Volksaufklärung“ gesellschaftlich zu verankern, damit er aus innerer Überzeugung von allen „Volksgenossen“ beherzigt werde. Mit Plakaten, Postkarten, Merkblättern, in Wochenschauen und Rundfunkbeiträgen wurde die „gute Sache“ vorangetrieben. Für die Kinder gab es u.a. den „Reichstierschutzkalender“, der bunte Bilder und Geschichten rund ums liebe Mitgeschöpf enthielt. Ab 1938 wurde der Tierschutz als Unterrichtsfach an Schulen eingeführt. (…) Fast alle Nazi-Größen sympathisierten mit dem Vegetarismus. Goebbels hielt den Fleischverzehr für eine „Perversion des modernen Menschen“; Heß, Himmler und Hitler waren praktizierende Vegetarier. Himmler ließ in Dachau Versuche an Häftlingen mit veganer Ernährung durchführen, um die Überlegenheit der Pflanzenkost zu beweisen. Die Jagdleidenschaft von Reichsjägermeister Göring stieß bei seinen Mitstreitern auf nahezu einhellige Ablehnung. Hitler hielt die Jagd schlichtweg für Mord und duldete sie nur aus „ökologischen“ Gründen.

(…) Die Tierliebe der Nazis war genauso echt wie ihr Rassenhass. Viele Historiker scheinen sich mit diesem Gedanken nicht abfinden zu können. Die Historikerin Edeltraud Klueting meint etwa, dass „die menschenverachtende Ideologie des NS-Staates unter dem Deckmantel des Tierschutzes versteckt wurde.“ Dies verfehlt jedoch den Kern der Sache: Die Nazis haben ihre Ideologie keineswegs unter dem Deckmantel des Tierschutzes versteckt, sondern letzteren mit ersterer verbunden. Dass der Tierschutz allein propagandistischen Zwecken gedient und nicht auch den Überzeugungen der Nazis entsprochen habe, ist angesichts der Fakten eine unhaltbare These, welche nur die Ratlosigkeit der Wissenschaftler widerspiegelt. Tier- und Naturschutz waren keine Fremdkörper, sondern integrale Bestandteile nationalsozialistischer Politik. Der überwältigen Mehrheit der damaligen Tierschützer waren Blut-und-Boden-Ideologie und Judenhass entweder gleichgültig oder gerade recht.“

Schon wenn man das 19. Jahrhundert betrachtet, so fällt auf, daß alle Tierschutzaktivitäten im Reichstag von Antisemiten initiiert wurden, um den Juden das Schächten zu verbieten. Der Tierschutz bleib im Kaiserreich übrigens noch auf der Strecke, weil die damalige Reichstagsmehrheit im Unterschied zu den Bundestagsparteien vernünftigen Argumenten aufgeschlossen war.

Der Historiker Peter von Rüden hat nach den Gründen und Motiven für den rechten Naturfimmel gesucht und folgenden Zusammenhang gefunden: Das Christentum als monotheistische Religion habe die Naturgottheiten bekämpft und von ihrem Sockel gestoßen. Der Bezug der Menschen zur Natur sei mit dem Abgang von Flussgeistern, Fruchtbarkeitsgöttinnen, Waldschraten und Sonnenscheiben verloren gegangen. Geblieben sei nur die Forderung, sich die Erde untertan zu machen. Er zitiert den grünen Antisemiten Klages:

„Die Weltfeindschaft, die das Mittelalter selbstgeißlerisch im Innern nährte, mußte nach außen treten, sobald sie ihr Ziel erreicht: den Zusammenhang aufzuheben zwischen dem Menschen und der Seele der Erde.“

Um die Sehnsucht nach diesem metaphysischen Naturgeist, diese vermeintlich in den Untergrund abgedrängte, verschüttete Volksseele mit ihrem Gefolge von verschmähten Naturidolen zu benennen zitiert Peter von Rüden den Vater und Erfinder des neuzeitlichen Naturschutzes in Deutschland, Ernst Rudorff:

„Was unsere Urväter in Wodans heilige Eichenhaine bannte, was in den Sagen des Mittelalters, in den Gestalten der Melusine des Dornröschen lebt, was in den Liedern Walters von der Vogelweide anklingt […]: immer ist es derselbe Grundton, derselbe tiefe Zug der Seele zu den wundervollen und unergründlichen Geheimnissen der Natur, der aus diesen Äußerungen des Volksgemüths spricht.“

Den Grundstein für diese unheilige Allianz von Elitarismus und Naturschutz hatte Friedrich Nietzsche als epochale Neudefinition des Frevels selbst gelegt:

„Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren! Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit auch die Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als der Sinn der Erde!“

Der im deutschsprachigen Raum wie sonst nirgends auf der Welt weitverbreitete metaphysische Ehrfurcht vor der Natur und die kehrseitige Abwertung des menschlichen Lebens hat hier scheinbar ihre Wurzel. Nietzsche orakelte:

„Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde einst der Übermenschen werde.“

Im Oktober 1913 fand der sogenannte Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner bei Kassel statt. Bei dieser Gelegenheit trafen sich 2-3000 Aktivisten der auf über 60.000 Mitglieder angeschwollenen organisierten Jugendbewegung, um ihr gewachsenes Selbstbewußtsein zu demonstrieren und sich über ihre Ziele zu vergewissern. Das Grußwort des Lebensphilosophen Ludwig Klages an den Jugendtag war eine einzige Jeremiade gegen das industrielle Zeitalter. Überflüssig zu erwähnen, daß Klages dem Schwabinger Kreis um den Dichter Stefan George nahestand. Joachim. Fest ätzte in seiner Hitlerbiografie: „Anarchisten, Bohemiens, Weltverbesserer, Künstler und krause Apostel neuer Werte“ trafen sich an den Schwabinger Kaffeehaustischen, „bleiche junge Genies träumten von einer elitären Erneuerung der Welt, von Erlösungen, Blutleuchten, Reinigungskatastrophen und barbarischen Verjüngungskuren für die degenerierte Menschheit.“ Klages Anklagen begannen ähnlich wie auf einer grünen Bundesversammlung der siebziger oder der achtziger Jahre:

„Wir täuschen uns nicht, als wir den ´Fortschritt´ leerer Machtgelüste verdächtig fanden, und wir sehen, daß Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von ´Nutzen´, ´wirtschaftlicher Entwicklung´, ´Kultur´ geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die primitiven Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis des Industrialismus die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch übrig läßt gleich dem ´Schlachtvieh´ zur bloßen Ware, zum vogelfreien Objekt ´rationeller´Ausbeutung. In diesem Dienste aber steht die gesamte Technik und in deren Dienste wieder die weitaus größte Domäne der Wissenschaft.“

Es ist kaum verwunderlich, dass Klages nach 1933 versuchte, die Gunst der Stunde zu nutzen, um eine geistige Führungsrolle in Deutschland einzunehmen. Er scheiterte in der nationalsozialistischen Ideologiekonkurrenz nicht an fehlendem antisemitischen Eifer, sondern an seinen zivilisationskritischen technikfeindlichen Ansätzen. Selbst die Germanenschwärmer der NSDAP waren sich darüber im klaren, dass Naturwissenschaft und Technik für die Umsetzung imperialer Großmachtsphantasien unverzichtbar wären.

Es wimmelte im Spätkaiserreich, in der Weimarer Republik und im Dritten Reich von Natur-, Tier-, Landschafts-, Denkmal-, Brauchtums- und Umweltschützern, obwohl es keine grüne Partei gab. Reformhäuser und Gartenstädte schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Aktivisten tummelten sich in der völkischen Jugendbewegung, in kleinen Antisemitenparteien wie der Deutschen Reformpartei und in einem dichten Graswurzelgeflecht von untereinander nicht grünen Bünden. Und ab den späten 20ern in der NSDAP. Einigermaßen gebildeten Grünen, wie Trittin und Fischer war das immer schon klar. Sie gingen geschichtlichen Spurensuchen am liebsten konsequent aus dem Wege. Wenn das Mainzer Umweltministerium von dieser Praxis abweichen will – bitte schön. Dann muß die ungeschminkte Wahrheit auf den Tisch.

Die Grünen haben das gesamte Umweltprogramm der völkischen Bewegung kopiert, geklaut und gekapert. Mein Vater kommentierte als ich etwa zehn Jahre alt war – also in den 60ern – den Waldbesuch eines älteren Herrn mit Lodenmantel und Fernglas folgendermaßen: „Da geht ein Nazi in den Wald.“ Ohne daß er den Naturfreund kannte. Einfach als pauschale Herabsetzung. So war damals die Alltagserfahrung der Zeitgenossen gestrickt. Unser Gartennachbar in den 60ern war Förster und SED-Genosse. Auch er beobachtete gerne Tiere. Einmal zeigte er mir sein Fotoalbum. Da waren seine Lieblingsbilder drin: Wie er bei Gumbinnen und Goldap (heute Гусев und Gołdap) als junger Mann mit Hermann Göring gejagt hatte. Göring war die Ausnahme: Reichsjägermeister und Nazi.

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