Als der Spiegel noch Journalismus machte

Der Blick ins Archiv kann aufschlussreich sein. Als der Spiegel noch ein Nachrichtenmagazin war und keine Illustrierte, war staatlicher Einfluss auf Medien auch für den Spiegel noch skandalös.

Von Volker Kleinophorst

„Friedrich Zimmermann war ungehalten. Als ein Interviewer des Schweizer Fernsehens ihn unverblümt nach seinem konservativen Selbstverständnis befragte, beschwerte sich der Christsoziale: „Solche Fragen würden sich deutsche Fernsehjournalisten nicht zu stellen wagen.“

Wohl wahr: Das bundesdeutsche Publikum wie auch Bonns Politiker sind es gewohnt, daß Interviewer sich mehr und mehr darauf beschränken, befragten Würdenträgern mit höflichen Stichworten gefällig zu sein – augenfälligster Ausdruck eines Klimawandels, der sich, verstärkt seit der Bonner Wende, allenthalben in den 13 Funk- und Fernsehanstalten der Bundesrepublik vollzogen hat.“

Das war 1984 und stand so im Spiegel, in einem Artikel „Es bedarf einer gewissen Schere im Kopf“, der sich damit befasste, wie die CDU seit Helmut Kohls geistig-moralischer Wende versuchte, in das TV-Programm einzugreifen und von den Journalisten „eine Schere im Kopf“ verlangte. „Schere im Kopf“ war damals das Synonym dafür, dass Journalisten sich selber zensieren, um „Ärger“ aus dem Weg zu gehen.

Druck wurde ausgeübt auf Report, Panorama auf Intendanten, Journalisten und ganze Sender. Ein paar Zitate aus dem wirklich lesenswerten Artikel, immer im Vergleich mit der aktuellen Situation:

1984: „Die unverhohlene Machtpraxis parteipolitisch motivierter und organisierter Gremienmehrheiten hat bei Fernsehen und Hörfunk „eine Art verfassungsfreien Raum“ geschaffen, …, in dem die jeweils herrschende Gruppe ihre „eigenen, offenkundig rechtswidrigen Maßstäbe“ rabiat durchsetzen kann.“

2017: Politische Organisationen in diesem Fall „Pro Quote“ überwachen, wer im Journalismus arbeitet und wirken darauf ein. Wer ausschert, dafür hat man ja die Neo-Stasi.

1984: „Keine der großen politischen und gesellschaftlichen Streitfragen der letzten Zeit wurde kompetent, mit angemessener Gründlichkeit und Tiefenschärfe vom Fernsehen aufgearbeitet: weder die zivile Nutzung der Atomkraft noch das Waldsterben und andere vergleichbare Umweltschäden, nicht der liederliche Umgang der Regierung mit Datenschutz und Volkszählung oder die Bürgerängste und die Friedensbewegung im Gefolge der Raketenpolitik, ebenso wenig die Parteispenden- und die Flick-Affäre.“

2017: Nach einem Wahlkampf, der um alle Themen, die den Bürgern auf den Nägeln brennen eine Bogen gemacht hat, Koalitionsverhandlungen dito, mit einer Medienlandschaft, die lieber eine #metoo hochschreibt, als sich mit den Realitäten auf unserer Straße auseinanderzusetzen, hat sich da wohl wenig zum Besseren verändert. Aber wenn man sich schon rechtfertigen muss, eine Partei in seiner Sendung zu haben. Maybritt Illner: „Die AfD und ihre Vertreter mussten ab 2016, in Zeiten von Pegida, Köln, zweistelligen Wahlergebnissen im März und brennenden Flüchtlingsheimen kritisch befragt werden. Ignorieren war keine Alternative. Aber zwischen ‚ignorieren‘ und ‚hofieren‘ liegen ein paar journalistische Möglichkeiten.“

1984: „Wer einen der oberen fünfzig, der immer gefragten Top-Politiker, schlecht aussehen ließe, müsste zudem mit dem langen Arm der Anstaltsaufsicht rechnen. In der Praxis geschieht das schon deshalb nicht, weil sich die Politiker den Interviewer aussuchen, nicht umgekehrt.“

2017: Das TV-Duell Merkel Schulz war sogar für den Spiegel ein unwürdiger Höhepunkt einer klaren Linie. Merkel hat doch noch nie ein Interview gegeben, das den Namen verdient und nicht von Hofschranzen geführt wurde.

1984: „Die Folge ist, dass tüchtige unabhängige Journalisten geringere Chancen haben als Partei-Proteges. „Die Standhaften sind nicht mehr gefragt“, murrt ein ZDF-Redakteur, „dies ist die Stunde der Flexiblen.““

2017: Der Fall der WDR-Mitarbeiterin Claudia Zimmermann, die im niederländischen Radio zum Thema einräumte: „Wir sind öffentlich-rechtlicher Rundfunk und darum angehalten, dass Problem in einer mehr positiven Art anzugehen“ ist nur ein Beispiel.

1984: „Die jahrelangen Verteilungskämpfe der Parteien um Programmanteile und Statthalterposten waren, wie sich nun zeigt, nur das Vorspiel einer neuen Konfliktdimension. Die Schlacht um Auge und Ohr der TV-Nation greift mittlerweile auf publizistische Kernbereiche über.“

2017: Aus der Frankfurter Erklärung fragen ARD und ZDF. „Warum könne man „als verantwortungsvolle Journalisten“ in diesen Zeiten nicht zusammenhalten gegen Fake News und populistische Parolen?“ Wem gegenüber stehen denn die Redaktionen in der Verantwortung? Wohl nicht gegenüber dem Leser. Da würde Recherche und wahrhaftige Berichterstattung doch ausreichen?

1984: „Die schon bei der Parteienfinanzierung ruchbar gewordene Praxis der Parteien, „wie eine Mafia ihre Interessen an Recht und Gesetz, gerade auch am Grundgesetz vorbei“ durchzuziehen, beobachten bestürzte TV-Redakteure allerorten – vom NDR bis zum Bayerischen Rundfunk, bei ARD wie ZDF. Kaum einer der Kritiker kann sich vom SPIEGEL namentlich zitieren lassen. Viele stehen unter politischem Druck oder sind mit Kündigungsdrohung abgemahnt.“

2017: Journalist Stephan Hebel in „Lügen die Medien“: „Die Nähe zwischen dem politischen Journalismus und dem Politikbetrieb – der ja nicht unser Partner sein sollte, sondern Gegenstand unserer kritischen Berichterstattung – erscheint mir trotz rühmlicher Ausnahmen viel zu groß.“

1984: „Redakteuren bleibt es lediglich vorbehalten,…, die „Legitimität und Glaubwürdigkeit unserer politischen Ordnung“ zu propagieren.

„Gewollt ist der „Integrationsrundfunk“, das Fernsehen als „optimaler Konsensverstärker“, nicht als Spiegel der Realität.“

Die „Integration als Leitmotiv und Wertorientierung“ dulde keine überholten journalistischen „Berufsdogmen“.“

„Arbeitsvorgabe für Funk- und Fernsehmitarbeiter: „Es bedarf einer gewissen Schere im Kopf.““

2017: Es gibt mehr akzeptierte Geschlechter als akzeptierte Meinungen.

Fazit von Blogger Hadmut Danish zu diesem „Keiner glaubt uns mehr“-Text in der ZEIT: „Die bilden sich allen Ernstes ein, es sei ihre Aufgabe, die Gesellschaft umzubauen. Deshalb ständig Erziehungsfernsehen. Was heißt das im Ergebnis? Man kann und soll keinen Mehr glauben. Nicht Kleber, nicht dem Fernsehen, nicht diesem Professor. Und nicht der ZEIT.“

Da ist die CDU ja wirklich weit gekommen mit der Unterwanderung des „Linksfunks“. Mitarbeiter ohne „Schere im Kopf“ hat man doch schon seit Jahren nicht mehr eingestellt. Echte Fragen an Politiker allenfalls Ausnahmen. Diffamierungen abweichender Meinungen allenthalben. Denn nicht jede „Meinung“ ist akzeptabel.

Und die CDU immer noch vorne dabei. Dafür ist sie sogar selber links geworden.

Wandere aus, solange es noch geht!
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