Dem Heinerhofbauern sein Knecht über die Identität

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Bis vor kurzem gab es auf dem Heinerhof nur den Kreisboten als Nachrichtenmedium. Was dem Heinerhofbauern sein Knecht im Kreisboten las, hat ihn oft genug aufgeregt. Seit Neuestem gibt es aber auch Internet auf dem Heinerhof. Die Reportage vom Land.

Von Max Erdinger

Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, daß der Heinerhofbauer ziemlich angefressen ist und das Internet wieder abschaffen will, weil der Knecht seine Arbeit vernachlässigt und viel zu viel Zeit im Netz verbringt. Ich mußte mir selbst ein Bild von der Lage machen und schnürte meine Wanderschuhe, um dem Heinerhofbauern seinem Knecht einen Besuch abzustatten.

Die Bäuerin weiß schon, mit wem ich sprechen will, wenn sie mich, schwitzend vom Aufstieg, auf den Hof zulaufen sieht. Sie zeigte mit ihrem ausgestreckten Daumen über die Schulter nach hinten aufs Haus und sagte nur resignativ: „Da drin hockt er schon wieder.“ Ich betrat den Hausflur durch die niedrige Eingangstür und konnte den Monitor schon durch die halbgeöffnete Stubentür flimmern sehen. Der Knecht saß mit hochrotem Kopf davor. „Servus, Knecht!“, grüßte ich. Der Knecht aber starrte wie versteinert auf den Bildschirm und sagte immer wieder nur: „Das gibt´s doch nicht! Das gibt´s doch nicht! Ja, wie kann es denn so etwas geben!?“ Ich wiederholte meinen Gruß. Da blickte er kurz auf und erwiderte: „Servus, bist du auch schon wieder da? Das gibt´s doch nicht!“

„Was gibt es nicht?“, fragte ich, besorgt wegen seines hochroten Kopfes. Ob ich gewußt hätte, was eine Identität ist, wollte er wissen. Ja, erwiderte ich, der Begriff sei mir ein Begriff. Ob ich gewußt hätte, daß es außer dem Geschlecht auch noch eine geschlechtliche Identität gebe, wollte er als nächstes wissen. Daß man das behauptet, hätte ich ebenfalls gewußt, gab ich zurück. Und daß ich es für einen Schmarren halte. Weil Geschlecht ja praktisch schon Identität ist und daß man, wenn man schon ein Geschlecht hat, nicht extra noch eine geschlechtliche Identität braucht. Genauso hätte er sich das auch gedacht, erwiderte dem Heinerhofbauern sein Knecht. Wenn man die Wurst schon auf dem Teller hat, sagt er, dann braucht man die Identität von der Schlachtsau nicht dazu, weil die Wurst davon auch nicht mehr wird. Genau so sähe ich das auch, sagte ich ihm. Ich fragte ihn dann, wie er mit dem Internet zurechtkommt. Dem Heinerhofbauern sein Knecht holte erst einmal den Schnaps, machte zwei Stamperl voll, wir prosteten uns zu – und dann erzählte er.

„Du glaubst ja nicht, was in diesem Internet für ein Scheißdreck steht“, hub er an. Ich unterbrach ihn gleich und erwiderte, es käme halt darauf an, auf welchen Seiten man sich tummelt, und linste zum Computer hinüber. Offenbar hatte der Knecht die Google News offen. Ob er immer die Google News lese, wollte ich wissen. Ja, sagt er, arg viel anderes gebe es ja nicht im Internet. Wenn er den Brofser aufmacht, sagt er, dann kommt immer als erstes Gohgle und bei Gohgle kann man dann den Mauszeiger auf Nefs schieben, drückt die linke Taste und dann kommt eine neue Seite, auf der Nefs zu lesen sind. Er glaubt, daß Nefs Nachrichten sind und daß er die Schriftsteller vom Kreisboten für schlauer hält als die von den Gohgle Nefs. Weil die bei Gohgle Nefs einen rechten Scheißdreck schreiben, sagt er. Das mit der geschlechtlichen Identität habe er bei den Gohgle Nefs gelesen. Zuerst habe er diese Identität für eine moderne Geschlechtskrankheit gehalten, für so etwas wie einen Computertripper. Aber bei Gohgle gebe es auch ein Feld, in dem eine Lupe abgebildet ist. Da kann man Wörter reinschreiben und es kommt eine neue Seite mit Hinweisen auf mehrere andere neue Seiten. Jedenfalls habe er das Wort „Identität“ in das Lupenfeld getippt und Hinweise auf eine ganze Menge neuer Seiten erhalten. Wikipedia sei eine davon gewesen. Da habe er nachgesehen. Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, seit Wikipedia weiß er, daß dem Heinerhofbauern sein Knecht zu sein seine Identität ist. Ein überflüssiger Scheiß, sagt er, weil er schon vorher gewußt hat, daß er dem Heinerhofbauern sein Knecht ist. Ganz ohne Identität.

Aber es gebe noch mehr Seiten, die es mit der Identität haben, sagt er. Man glaubt ja nicht, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, wer und was alles eine Identität hat. Er sagt, daß es sogar Identifizierte gibt. Das sind oft Verbrecher aus dem Morgenland, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, aber sicher ist es nicht, weil man die Identität der Identifizierten bei den Gohgle Nefs gerne verschweigt. Aber er könne sich schon denken, daß die Identifizierten eine morgenländische Identität haben, weil ein normaler Mensch solche Sachen nicht macht wie die Identifizierten. Jedenfalls hier auf dem Heinerhof nicht und drunten im Dorf auch nicht. Die meisten Identifizierten wohnen aber in der Stadt mitsamt ihrer Identität, sagt der Knecht. Und daß er sich fragt, was die Identifizierten mit ihrer Identität ausgerechnet bei uns wollen, wo sie doch identitär gar nicht hinpassen. Er als dem Heinerhofbauern sein Knecht würde mit seiner Identität niemals ins Morgenland fahren, um sich dort identifizieren zu lassen. So ein Scheißdreck kann doch nur morgenländischen Verbrechern einfallen, sagt er, weil die schon aussehen, als wären sie nicht die Hellsten, und daß es gut wäre, wenn sie in der Stadt bleiben, weil er die Leute aus der Stadt eh nicht mag.

Mit der Identität, meint der Knecht, ist es so eine Sache. Auf den paar Seiten, die es im Internet zu lesen gibt, sagt er, steht schon recht viel über die Identität. Gut wäre so eine Identität nicht immer, sagt der Knecht, aber manchmal schon. Oft sei Identität sogar etwas Schlechtes. Von der geschlechtlichen Identität seien aber alle begeistert, weil es eine gute Identität ist, auch wenn sie keine Sau braucht, die schon ein Geschlecht hat. Eine schlechte Identität, sagt der Knecht, ist zum Beispiel die kulturelle Identität. Also, wenn es die eigene kulturelle Identität ist. Die von den Negern dagegen sei eine der besten Identitäten überhaupt. Ungefähr so wie die von den Eskimos, jedenfalls knapp vor den Arabern. Nationale Identität sei aber ein mordsmäßiger Scheißdreck, sagt der Knecht, weil die Gohgle Nefs Schriftsteller immer total ausflippen, wenn von der nationalen Identität die Rede ist.

Eine Identitäre Bewegung gebe es sogar. Das seien anständige junge Leute, tadellos frisiert, die meistens keine Neger seien und sich um die Verbesserung des Ansehens ihrer eigenen Identität kümmern würden, was wahrscheinlich ein saumäßig schwieriges Geschäft ist. Daß so wenige Neger bei der Identitären Bewegung mitmachen, sagt der Knecht, hat wahrscheinlich nichts damit zu tun, daß Neger faul sind. Er wisse auch gar nicht, ob Neger faul sind. Oder die Eskimos. Von denen wisse er es auch nicht genauer. Von den paar anderen Seiten, die es im Internet gibt, wisse er zwar, wie es bei den Negern in Afrika zugeht, aber es könne ja auch andere Ursachen dafür geben, die mit Faulheit nichts zu tun haben. Sonnenstich zum Beispiel. In Afrika scheint ja die Sonne viel zu arg, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Wenn es auf dem Heinerhof so heiß wäre wie in Mombasa, dann tät´er auch nicht viel arbeiten, obwohl er eigentlich eine fleißige Identität hat. Die bei der Identitären Bewegung seien jedenfalls ebenfalls fleißige Leute mit guten Ideen zur Verbesserung des Ansehens ihrer Identität. Sie hätten halt Glück, sagt er, daß es da, wo sie ihre Identität verbessern, nicht so heiß ist. Daß keine Neger mitmachen, sagt der Knecht, liegt wahrscheinlich daran, daß die Neger schon eine astreine Identität haben. Offiziell jedenfalls.

Ich habe dem Heinerhofbauern seinem Knecht vorgeschlagen, nicht so viel Zeit im Internet zu verbringen, sondern seine Arbeit zu erledigen wie früher, weil der Heinerhofbauer schon ganz unglücklich sei und sich überlege, das Internet auf dem Heinerhof wieder abzuschaffen. Wenn er sich aber auf die Zeit nach Feierabend beschränken würde, dann solle er doch mal bei Google – bei wem? Ah, Gohgle! – gohgeln, was eine rassistische Identität ist. Aber nur, wenn er sich nicht zu sehr aufregt. Dem Heinerhofbauern sein Knecht meinte nur, daß das bestimmt interessant ist, weil er sich mit Rassen eh schon auskennt. Er könne problemlos jede Kuh auf dem Hof nach ihrer Rasse identifizieren, sagt er, und daß sie unterschiedliche Eigenschaften hätten. Das Braunvieh sei anders als das Fleckvieh – und beide miteinander seien wieder etwas anderes als das Schwarzbunte. Jede Kuh habe eine andere rassistische Identität. Ich erwiderte, daß er sich wohl wundern würde, wenn er nach rassistischer Identität gohgelt. Bei Gohgle würden sie ihm erzählen, daß Braune, Gefleckte und Schwarzbunte „die Kühe“ seien und wer etwas anderes behauptet, der habe eine rassistische Identität. Was er meine, sei eine rassische Identität – und die wiederum etwas ganz anderes als eine rassistische. Rassistische Identität ist die Identität desjenigen, sagte ich ihm, der behauptet, es gebe eine rassische Identität, obwohl es beispielsweise bei Kühen eine gibt. Eine rassistische Identität sei trotzdem der größte Scheißdreck von allen. Wegen den Negern und den Eskimos, denen es zwar ziemlich wurscht ist, ob sie einer Rasse angehören, aber den Schriftstellern bei Gohgle nicht.

Überhaupt, sagte ich dem Knecht, er soll nicht alles so ernst nehmen, was die Schriftsteller bei Gohgle schreiben. Die würden öfter einmal harten Tobak rauchen und dann unhaltbares Zeug von sich geben. Das wolle er beherzigen, erwiderte der Knecht, aber das mit der Identität sei schon eine interessante Sache. Ohne Internet hätte er nämlich gedacht, sagt der Knecht, daß er auch ohne Identität dem Heinerhofbauern sein Knecht sei. Das habe er nicht gewußt, daß man ohne eine Identität praktisch gar nichts ist. Deswegen wäre es auch gut, daß es jetzt ein Internet auf dem Heinerhof gibt. Weil man schon von den wenigen Seiten, die es im Internet gibt, ganz schön klug wird.

„Edel und klug sei der Knecht, wenn er beim Wirt im Dorfe zecht“, lachte er und haute dem Monitor jovial auf die Bildfläche. Dann schenkte er noch zwei Stamperl ein, wir prosteten uns zu und bei einbrechender Dunkelheit machte ich mich wieder auf den Heimweg. „Jetzt hat dem Heinerhofbauern sein Knecht also Internet“, sinnierte ich beim Abstieg. „Das gibt´s doch nicht, das gibt´s doch nicht …“

 

 

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.