Ein neues Sinnbild für Deutschland

Von Pelz - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27728739
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Die alte Bundesrepublik hätte einen eigenen Konservatismus haben können, sie hatte ihn eigentlich schon, inklusive Sinnbild. Sinnbilder sind im Konservatismus viel wichtiger als Ideologie. Dieses war die DMark und der Wiederaufbau. Ein neues Haus wurde erbaut, aus den Trümmern älterer Häuser. Die Brocken wurden ein wenig gesäubert, zurecht geklopft, und mit neuem Mörtel, der DMark, zusammengefügt. Die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ wäre übrigens passender für die Bundesrepublik gewesen.

Von Quentin Quenscher

Doch nun fällt das Haus auseinander, der Euro kann die kantigen alten schweren Brocken nicht zusammenhalten. Mit diesem Mörtel soll ja auch ein anderes Haus gebaut werden. Irgendwas universales, globales, mindestens europäisches, keinesfalls nationales. In diesem neuen Haus fühlt sich der Konservatismus als Fremdkörper. Die universellen Sinnbilder des neuen Hauses, was da erbaut wird, erschließen sich ihm schon, rein logisch, nur er fühlt sie nicht. Sinnbilder müssen gefühlt werden, werden sie es nicht, sind sie nur Dekoration und keine Orientierung. Der Konservatismus ist heimatlos geworden.

Nun rächt sich, dass man hierzulande glaubte, konservative Sinnbilder ohne völkische Narrative kreieren zu können. Fast hätte es geklappt, wäre nicht der Euro dazwischen gekommen. Mit der Aufgabe der DMark wurde dem Konservatismus das Sinnbild „Auferstanden aus Ruinen“ genommen. Nun muss er wieder zurück zu seinen Wurzeln, ins völkische, was nicht zwangsläufig chauvinistisch oder nationalistisch ist, wie von den Linken so gerne unterstellt. Wer sich schwer tut mit dem Begriff, kann ja bürgerlich sagen und völkisch meinen. Hauptsache die Mentalität wird in die Vorstellung einbezogen. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass es Mentalitätsunterschiede zwischen Völkern gibt.

Diese dreifache Verbindung, Kultur – Mentalität – Volk, wurde vom Bürgertum und vom Konservatismus in der alten BRD verschämt verschwiegen, es wurde andere Begriffe gesucht, andere Bedeutungen, um ja nicht auszusprechen was offensichtlich ist. Der wohl peinlichste Begriff in diese Richtung ist »Verfassungspatriotismus«. Diesen gibt es natürlich, gewissermaßen bin ich auch ein solcher Patriot, er ist aber nur ein kleiner Teil der Kultur. Genau genommen ist die Verfassung eine Urkunde, oder ein Gesetz, welches einer Gruppe, hier Volk, Souveränität garantiert und trotz aller sonstigen Unterschiede und Konflikte eine zivile Normalität schafft. Die Verfassung ist also das Produkt, die Frucht von Kultur, Mentalität und Volk, und nicht der Beginn davon.

Anhänger eines universalen Idealismus, von Linken über Liberale bis zum Großbürgertum, haben damit natürlich ihre Probleme, sie kommen ohne die Allgemeingültigkeit von Regeln und Idealen nicht aus, sie müssten sich vom Universalismus ihrer jeweiligen Prägung verabschieden. Doch diese Auseinandersetzungen darum sind nicht neu, dennoch müssen sie geführt werden, da Sinnfragen des Seins immer wieder im Spannungsfeld solcher Diskurse ausgehandelt werden.

Für die alte Bundesrepublik speziell, liegt die Sache noch mal anders. Nicht ein Befreiungskampf ging der Nationgründung voraus, sondern etwas von dem man sich distanzieren musste und wollte, der Nationalsozialismus. Die Selbstbeschreibung war dann hauptsächlich eine des Nichtseins. Nichtnazisein wurde zur Identität, erst danach, mit weitem Abstand, wurde die Frage des Seins behandelt: Wer wir sind. Und das war anfangs ein ziemlich diffuses Bild. Der Sieger wurde kopiert, oder die Sieger. Es war nur die Frage ob die frankophilen oder anglophilen die Oberhand gewinnen. Ob Adenauer oder Erhardt.

Diese Selbstbeschreibung des Nichtseins der Deutschen, als Nichtnazis, ging quer durch alle politischen Überzeugungen. Ob bürgerlich, liberal, konservativ, links, es konnten alle nicht anders. Es war pure Notwendigkeit im Chaos des Neuanfangs, der kleinste gemeinsame Nenner.

Darin richtete sich der Konservatismus ein, wie alle anderen auch, es wurde Teil des Sinnbildes, welches seine Bestätigung im Wirtschaftswunder bekam und im kalten Krieg. Werte wurden nicht mehr aus der Tradition, der Geschichte oder der Mentalität des Volkes abgeleitet, sondern mit Ideologien begründet. Diejenigen die sowieso in Ideologien zu Hause waren, wie die Linken, auch die Liberalen, waren dadurch den Konservativen immer einen Schritt voraus und konnten somit den Diskurs steuern.

Vielleicht ist dies aber kein spezifisch westdeutsches Problem des Konservatismus, denn da er seine Berechtigung im Gefühl findet, im Sinnbild, tut er sich in einem Diskurs mit klaren Argumenten sowieso schwer. Er müsste sein Gefühl schlüssig herleiten, was selten gelingt, und was dann auch so was wie eine Ideologie darstellen würde. Er müsste aus dem Dreiklang Mentalität, Kultur und Volk eine Begründung für sein Dasein finden, womit die Konservativen überall in der Welt schon Probleme haben, nur in Deutschland gerät der Konservative damit zusätzlich unter Naziverdacht.

Vor dieser Verdächtigung hatten die Konservativen Angst, sie konnten ihr nur entgegentreten indem sie ihre Identität als Nichtnazi unterstrichen. Der nächste Schritt, vom Nichtnazisein zum Deutschsein, wurde aber nie gegangen, es wurde einer zum Bundesbürger, zum Bürger der BRD. Freilich spielte Kultur, Mentalität und Volk noch eine gewisse Rolle, doch dies wurde eher lokal, im Raum des gesprochenen Dialekts, gesehen. Die pluralistische Struktur mit der Machtteilung und -verteilung zwischen Bund und Bundesländer erwies sich dabei als sehr hilfreich.

Dennoch wirkte die BRD letztlich identitär, schuf sich ihren eigenen Humus durch den wirtschaftlichen Erfolg, in dem dann eine gewisse Verwurzelung entstehen konnte. Zwei Voraussetzung dafür waren aber notwendig, sie bildeten sozusagen das Klima, die äußeren Umstände, unter denen diese neue Identität der Deutschen als Bürger der Bundesrepublik entstehen konnte: Der kalte Krieg, der die Zuordnung in der Welt sicher stellte, und die deutsche Teilung, sie verdeutlichte auf dem richtigen Weg zu sein, indem sie mit der DDR den falschen Weg aufzeigte.

Mit der Wiedervereinigung haben sich die inneren Zusammenhänge geändert, zum Sinnbild Wiederaufbau kam das Sinnbild friedliche Revolution, und ermöglichte somit ein Zeitsprung über den Nationalsozialismus hinweg, hin zu 1848. Es machte die Selbstbeschreibung als Nichtnazi überflüssig, Geschichte wurde erlebt, damit begann das Sinnbild der Westdeutschen zu verblassen. Am wenigsten Probleme hatten dabei die Konservativen, denen die Fokussierung auf das Nichtsein, das Nichtnazisein, sowieso immer als eine Art Selbstkastration vorgekommen sein mag.

Nun konnte der Schritt vom Nichtnazi zum Deutschsein gegangen werden. Damit wurde allerdings die Identität als Bundesbürger, als Bürger der BRD, relativiert. Es ist dieses Paradoxon, dass der Sieger der Geschichte mit dem Sieg seine eigene Legitimation verliert, was den Westlern so bitter aufstößt und sie so aggressiv auf völkische Sinnbilder macht.

Im Grunde haben wir nun zwei konkurrierende Sinnbilder im Konservatismus Deutschlands. Zum einen die, die ihre Identität als Bürger der BRD erfahren haben, mit Wiederaufbau, DMark und Ludwig Erhard als gefühlte Identitätsgeber, zum anderen die nun durch die friedliche Revolution an ältere deutsche Tradition und Geschichte anknüpfen können, solchen die mit Befreiung zu tun haben, sprich die Zeit nach Napoléon hin zu 1848. Für letztere ist die Selbstbeschreibung als Nichtnazi nicht mehr notwendig, die Zeit von 1933-45 ist nur noch eine sehr unrühmliche Episode in der Geschichte Deutschlands, eher ein Ausrutscher, denn eine Zwangsläufigkeit.

Um es noch mal zu wiederholen: Es geht um gefühlte Sinnbilder, nicht solche die als Dekoration verwendet werden, oder die auf ein Gefühl aufgeklebt werden, ohne dass sie in diesem entstanden sind und meist von der Propaganda der Gegner des Konservatismus benutzt werden, um die Konservativen in eine bestimmte Richtung zu locken. Der Konservatismus ist dafür anfällig, da er immer nach einer Begründung für sein gefühltes Sein ist, um im Diskurs wenigstens das eine oder andere Argument vorbringen zu können.

Eines dieser dem Konservatismus aufgeklebten Sinnblilder ist die europäische Einigung. Selbstverständlich waren die Konservativen nicht gegen sie, vor allem nicht gegen die Aussöhnung nach dem Krieg, sowie allem was mit Erleichterungen im Leben und in der Wirtschaft zu tun hatte. Dies aber aus pragmatischen Gründen, nicht weil es in den Dreiklang von Kultur, Volk und Mentalität entsprungen war. Die EU sprach nicht gegen diesen Dreiklang, solange sie nicht in Konkurrenz zu den gefühlten Bildern trat. Das geschah allerdings mit dem Euro, der mit dem aufgeklebten Bild einer nun noch besseren und größeren DMark versehen wurde. Ein typisches Zeichen, dass die Gegner des Konservatismus diesen besser verstanden haben als er sich selbst. „Wir müssen die Menschen mitnehmern”, so heißt es wohl im neudeutschen politischen Kauderwelsch, also klebt man eben ein entsprechendes Etikett auf ein Vorhaben mit gänzlich anderem Inhalt.

„Der Mensch muß von elementaren Stufen an als Kulturgeschöpf begriffen werden“, meint Sloterdijk in einer auch als Aufsatz erschienen Rede zur „Domestikation des Menschen zur Zivilisierung der Kulturen“, und, dass dies eine Einsicht der Kulturanthropologen sei. Ohne jetzt weiter auf diese wirklich lesenswerte Rede einzugehen, so muss der Begriff „Kulturgeschöpf“ noch mal genauer angeschaut werden. Der Mensch ist ohne seine Kultur nicht denkbar, ja mehr noch, er ist in ihr erst entstanden, seine Identität entsteht in seiner Kultur.

Freilich kann er auch die Kultur, in der er aufwuchs, als widernatürlich empfinden, so wie ich das tat in der DDR, dennoch wurde auch ich von ihr geprägt, wurde gewissermaßen ein DDRler, was zuzugeben mir wirklich schwer fällt. Als Oppositioneller gehört man auch dazu, wie in der Bundesrepublik die dazu gehören, die das „Schweinesystem“ ablehnten. Um diese Feinheiten und Differenzierungen müssen wir uns hier aber nicht weiter kümmern, es genügt von ihnen zu wissen, und, dass Opposition zur Kultur gehört, auch Teil der Kultur ist. Der Oppositionelle ist selbst ein Teil dessen was er bekämpft.

Kommen wir zurück zu den Sinnbildern der alten Bundesrepublik, insbesondere diesen die vom Konservatismus gefühlt wurden. Dadurch dass völkisches Denken geradezu mit einem Verbot versehen war, nahmen die Konservativen die neue Verortung als Teil des Westens nur zu gerne an, mit dem Wirtschaftswunder wurde das neue Sinnbild endgültig identitär. Und genau hier beginnt nun das Problem mit den durch das Ende des kalten Krieges entstandenen neuen Weltordnungen. Sie wirken als Angriff auf die Identität, somit auf das eigene Sein in der Welt. Die Westbindung steht zwar nicht zur Disposition, braucht aber nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums eine neue Begründung.

Von aufgeklebten dekorativen Sinnbildern kann sich der Konservatismus schnell befreien, sie wurden nie gefühlt. Da aber die Selbstbeschreibung als Bürger der BRD, mit eben dieser identitären Wirkung durch die gefühlten Sinnbilder, immer weniger der gegenwärtigen politischen Situation, insbesondere im Außenverhältnis in Europa und im Westbündnis, entspricht, drängen sich neue und gleichzeitig alte Bilder in den Vordergrund. Das 19. Jahrhundert wird wieder aktuell, gleichzeitig verliert die Nichtidentität als Nichtnazi ihre dominierende Rolle.

Große Teile der Konservativen haben damit ihre Probleme, nicht nur aus Überzeugung, sondern vor allem wegen dem gefühlten Sein als Bundesbürger. Es bedeutet für sie, im Spiegel zu erkennen, dass sie einer von äußeren politischen Umständen abhängigen konstruierten Identität geglaubt haben. In das Dilemma hätten sie nicht kommen müssen, hätten sie ihren Gründungsmythos mit Wiederaufbauf, jenem „Auferstanden aus Ruinen“, weiter gepflegt und die DMark nicht aufgegeben.

„Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes – erstellt ein Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildern,“ so Norbert Bolz in seiner »kurzen Geschichte des Scheins«. Ein neuer Mythos, eine neue Matrix des Selbstbildes, wird wieder auf den Dreiklang von Kultur, Mentalität und Volk zurück greifen müssen, also ein völkischer Mythos sein.

Diejenigen Konservativen die der jahrzehntelangen linken Indoktrination auf dem Leim gegangen sind, und beim Wort völkisch einen Beißreflex bekommen, können ja das Wort bürgerlich verwenden und an das erstarkende Bürgertum nach dem Ende der napoleonischen Befreiungskriege denken. Hauptsache sie fühlen im neuen Sinnbild den Dreiklang Kultur, Mentalität und Volk. Falls nicht, wird der Konservatismus in Deutschland marginalisiert werden. Eine Deutschland ohne starken auf sich bezogenen Konservatismus mag ich mir besser nicht vorstellen, es wäre eines, das von brillant ausformulierten Ideologien, das können die Deutschen gut, beherrscht würde.

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