Dem Heinerhofbauern sein Knecht über die Demokratie

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Demokratie ist die beste aller denkbaren Regierungsformen. Das sagt man in Deutschland, weil man in der Demokratie über die Demokratie nichts anderes sagen darf. Kaum jemand sagt etwas anderes. Wer doch etwas anderes sagt, ist Mitglied einer Minderheit, die keinerlei demokratischen Minderheitenschutz genießt. Die Reportage vom Land.

Von Max Erdinger

Dem Heinerhofbauern sein Knecht lebt auf einem einsamen Bauernhof in den Hügeln zwischen den Wäldern mitten in den Feldern. Er hat täglich Umgang mit zwei anderen Leuten. Das sind der Heinerhofbauer und seine Frau, die Bäuerin. Eine Demokratie gibt es im Alltag vom Heinerhofbauern seinem Knecht nicht. Der Bauer macht die Ansagen, die Bäuerin und der Knecht gehorchen.

Manchmal aber gibt es Tage, sagt der Knecht, an denen er nicht weiß, ob´s hormonell ist oder wie´s kommt, – da widerspricht die Bäuerin dem Bauern laufend. Dann ist dicke Luft auf dem Heinerhof, sagt er. Und daß er deswegen den Verdacht hat, demokratische Anwandlungen könnten ursächlich für dicke Luft sein. Das Dicke in der Luft läge nur daran, so der Knecht, daß die Bäuerin ab und zu nicht mehr ganz rund läuft und einen demokratischen Wahn bekommt. Deswegen habe er diesen Verdacht.

Abgeschieden von der Welt, wie der Heinerhof nun einmal ist, liest man dort immerhin den Kreisboten, in dem oft einmal beschrieben ist, wie es in der demokratischen Stadt zugeht. Attentate, Überfälle, Demonstrationen, Terroranschläge und perfide Theaterinszenierungen, – alles das bekommt der Knecht auch in der Abgeschiedenheit mit. Er sieht die Welt quasi durch die Brille des Kreisboten. Deswegen hat dem Heinerhofbauern sein Knecht auch eine umfassendere Meinung zur Demokratie. Im Winter, als es wenig zu tun gab, hat er sogar ein paar Heiligenfiguren weniger geschnitzt, weil ihn das mit der Demokratie, der Aufklärung und dem Idealismus interessiert hat –  und hat dafür ein paar Klassiker gelesen. Kant, Hegel, Feuerbach, Jerry Cotton, Heiko Maas, Nietzsche, Marx, die alten Griechen – und besonders intensiv natürlich den Kreisboten.

Der größte Fehler, den man in der Demokratie machen kann, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, ist der, daß man alle wählen läßt, nur weil sie achtzehn Jahre alt sind. Ohne jede Prüfung. Für banale Angelegenheiten wie das Traktorfahren braucht man aber einen amtlichen Erlaubnissschein, für das Melken einer Kuh sogar einen Melkschein, sagt der Knecht. Es sei kein Wunder, daß er während des Wahlkampfes Bilder von Plakaten im Kreisboten gesehen habe, auf denen entweder zu lesen stand „Gemeinsam für ein neues Miteinander!“, „Zukunft wird aus Mut gemacht!“, „Reichtum für alle!“ oder „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit.“

Es ist offensichtlich, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, daß sich solche Wahlwerbesprüche an demokratisch Verblödete richten. Weil es studierte Köpfe gibt, sagt er, die ganz genau wissen, woraus das Wahlvolk besteht. Die entwerfen solche Plakate unter Strapazierung ihres gesamten Hirnschmalzes, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Wenn jetzt nur noch so kluge Leute wie der Heinerhofbauer wählen dürften, sagt der Knecht, dann gäbe es auch keine saublöden Wahlplakate mehr und die Politiker müssten sich viel genauer überlegen, was sie sagen, sagt der Knecht, weil ihnen die Stimmen der Blöden sowieso nichts bringen würden. Weil die gar nicht wählen dürfen.

Nicht, daß er jetzt ein großer Freund von amtlichen Erlaubnisscheinen wäre, sagt der Knecht, aber auffällig sei es schon, daß man nicht jeden Deppen ungeprüft Traktor fahren läßt, ohne Melkschein noch nicht einmal ein Mann eine Kuh melken darf, daß aber beim Wichtigsten in der Demokratie, der Wahl, jeder Depp ohne jeden Erlaubnisschein mitwählen darf. Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, daran, daß keiner daran denkt, diesbezüglich ein Faß aufzumachen, könne man sehr schön erkennen, wie wurscht den Leuten ihre angeblich so heilige Demokratie ist. Die wollen sich bloß keinen Stress einhandeln, sagt er.

Wenn alle ohne irgendeinen Befähigungsnachweis wählen dürfen, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, dann sei das auch nicht viel anders, als wenn er den Säuen erlauben würde, sich ihr Futter auf der Speisekarte herauszusuchen. Da hat keiner was davon, sagt er. Die Sau wird auch vom Bauern seiner Futterwahl fett, sagt er, und weder er, der Bauer oder die Bäuerin hätten etwas davon, daß die Sau nur noch frißt, was ihr schmeckt. Der Schinken wird davon auch nicht feiner, sagt er.

Daß die Grünen in der Demokratie, so der Knecht, überhaupt in irgendwelchen Parlamenten sitzen, liege nur daran, daß Hinz und Kunz bar jeglicher Eignungsprüfung wählen dürfen. Mit der CDU, der SPD und der FDP sei es nicht viel anders. Nur nicht so extrem. Er könne sich schon vorstellen, daß jemand sich auskennt mit der Demokratie und ihren Regeln und trotzdem beispielsweise die CDU wählt, sagt er, aber nicht, weil er von irgendetwas überzeugt wäre, sondern weil er etwas erreichen will. Und zwar für sich selber. Vielleicht, weil er von der CDU Aufträge erhält. Prospekte und Wahlplakate drucken, zum Beispiel. Wenn es aber erst einmal so weit ist, sagt der Knecht, daß jemand die Grünen wegen persönlicher Vorteile wählt, dann ist es mit der Demokratie nicht mehr weit her. Wie man demokratisch den ganzen Planeten und die ganze Menschheit retten will, ohne daß klar ist, wovor überhaupt, außer vor der grünen Einbildung, sei ihm ein völliges Rätsel, sollte es die grüne Einbildung nicht sein.

Neulich ist er beim Doktor zur gesundheitsamtlich angeordneten Jahresuntersuchung für Werktätige in der Landwirtschaft gewesen, erzählt der Knecht, um sich die Unbedenklichkeit seines Knechtszustandes bescheinigen zu lassen. Im Wartezimmer sei er dabei Zeuge eines Gesprächs unter Patienten geworden, sagt er. Zwei alte Stadtmänner seien es gewesen, die sich über den Tesla, dieses Elektroauto aus Amerika, unterhalten haben. Der eine hätte gesagt, so der Knecht, daß der Tesla die Zukunft sei, eine Riesenbatterie unter der Motorhaube habe und über 100.000 Euro kostet, worauf der andere geantwortet habe, die Deutschen seien halt wieder einmal noch nicht so weit. Daran kann man sehen, sagt der Knecht, daß das allgemeine Wahlrecht ohne jede amtliche Prüfbescheinigung eine Farce ist in einem Land, in dem man Angel -, Melk – und Führerscheine braucht. Er wüsste genau, was man bei einer solchen Prüfung abfragen müsste, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht.

Wenn man die Demokratie stärken will, so der Knecht, dann schafft man eine ganze Menge überflüssiger Erlaubnisscheine einfach ab und führt dafür den geprüften Wähler ein. Schon hätten die Halunken, die sich einen Spaß daraus machen, Deppen zum Zwecke der Stimmerschleichung zu verarschen, völlig ausgespielt, müssten fürderhin aufpassen, was sie sagen – und der Schwachsinn wäre aus der Demokratie verbannt. Keine saublöden Wahlplakate mehr auf den Bildern im Kreisboten, sagt er. Davon, daß man alle fähigen und unfähigen Demokraten wild durcheinanderwürfelt, als „die Menschen“ bezeichnet und jeden wählen läßt, verschwindet die Blödheit nicht aus der Welt, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Genau die müsste aber verschwinden, wenn das mit der Demokratie mehr als ein scheinheiliges Gerede sein soll.

Der Bauer sagt das auch, sagt der Knecht, und daß es die Bäuerin nicht interessiert, weil sie nicht weiß, was sie von solchen Diskussionen hat.

Ich weiß nicht so recht, was ich von dem Heinerhofbauern seinem Knecht seinen Ansichten zur Demokratie halten soll. Aber ich habe sie einmal aufgeschrieben, damit der Knecht in der Öffentlichkeit gehört wird. Solange der Knecht wählen darf, hat auch die Stimme aus der Abgeschiedenheit ihre demokratische Berechtigung.

 

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