Will man die „Neger“ etwa im Regen stehen lassen?

Symbolfoto: Durch Vitaly Korovin/Shutterstock
Symbolfoto: Durch Vitaly Korovin/Shutterstock

Wenn es schon ein Unwort des Jahres gibt, sollte man vielleicht auch das Tabuwort des Jahres einführen. Das Wort „Neger“ hätte zur Zeit beste Chancen, auf Platz eins zu gelangen. Und das, obwohl oder vielmehr weil immer mehr extrem dunkelhäutige Personen zum Straßenbild deutscher Städte gehören.

Von Klaus Barnstedt

„Neger“ sagt man nicht! Oder besser: „Neger“ sagt oder schreibt man nicht mehr.

Es gibt Wörter, die man in bestimmten Situationen und bei bestimmten Anlässen nicht verwendet. Dazu gehören derbe und obszöne Wörter, die von vielen hin und wieder ausschließlich in sehr vertrautem Kreise gebraucht werden, sei es aus Verärgerung oder in humorvoller Absicht. Wie es etwa bei der Frage „Was soll der Scheiß?“ der Fall ist. Gibt es irgendwelche Bestrebungen, derartige Wörter aus dem Wortschatz zu verbannen? Natürlich nicht! Sie werden einfach als Begriffe einer niederen Stilebene eingeordnet. Damit hat es sich dann auch schon.

Anders sieht es aus bei Wörtern, die von Meinungsführern und Gesinnungswächtern als unaussprechlich und unschreibbar eingestuft, also zwangstabuisiert werden. Bestimmte Wörter müssen angeblich unbedingt aus dem Wortschatz verbannt werden. Am besten wäre es, es hätte sie nie gegeben. So ein Wort ist das Wort „Neger“. Auch wenn es, wie jeder inzwischen weiß, völlig harmlos daherkommend von dem lateinischen Wort „nigra“ (schwarz) abgeleitet ist.

Mit den Tabuwörtern ist es so eine Sache, sofern ein Ersatzwort dafür eingeführt werden muß. Auch das Wort „Schwarzer“ für „Neger“ ist inzwischen verpönt, obwohl es für einen dunkelhäutigen Menschen genauso zutreffend und gleichzeitig falsch ist wie das Wort Weißer für einen hellhäutigen Menschen.

(Ein Schwarzer ist nicht so schwarz wie ein Schornsteinfeger und ein Weißer nicht so weiß wie ein Arztkittel.)

Zu unserem Ausdruck „Schwarzer“ kam es, weil in den USA die Negroes für eine längere Zeit zu Blacks geadelt wurden. Dies geschah so lange, bis sich einflußreiche Kreise in den USA daran störten, dass dieser Ausdruck ebenfalls einen negativen Beigeschmack erhalten hat. Was aber, wie gesagt, nicht im Geringsten etwas mit dem Wort selbst zu tun hat. Die aktuellen Ausdrücke Afro-Americans / African Americans können genauso negativ besetzt werden, wenn man sie geringschätzig verwendet oder ausschließlich als Schimpfwörter ansieht.

Wie merkwürdig kann es klingen, analog zu den Afroamerikanern von Afrodeutschen zu sprechen! Wie ergeht es den Afroitalienern, Afrofranzosen, Afroschweden und Afrodänen, die bereits zahlenmäßig die Afroungarn, Afrotschechen, Afroslowaken und Afropolen weit hinter sich gelassen haben?

Empfiehlt sich für alle oben Genannten der Ausdruck Afro-Europäer?

Ich komme vom Thema ab. Es gibt tatsächlich Versuche, das Wort „Neger“ auszulöschen. Eine Besonderheit des Wortgebildes „Neger“ besteht darin, dass es als sogenanntes Palindrom rückwärts gelesen das Wort „Regen“ ergibt.

Bei Wikipedia taucht in der Liste deutscher Palindrome das Wort „Neger“ im alphabetischen Verzeichnis – hoppla – nicht auf. Zwischen „Neffen“ und „Nellen“ hätte es, rein sprachlich gesehen, hingehört. Und jetzt halten Sie sich fest: Unter dem Buchstaben „R“ fehlt das Wort „Regen“!

Ob wir noch dahin kommen, dass im Wetterbericht bei Aussicht auf Regen ausschließlich von wässrigem Niederschlag (im Unterschied zum Schneefall) die Rede sein wird, weil „Regen“ rückwärts gelesen „Neger“ ergibt?

Die Verunsicherung scheint groß zu sein. Auch bei Wikipedia. Ein beliebtes und spaßiges Satzfragmentpalindrom (rückwärts gelesen die gleiche Buchstabenfolge und dieselbe Satzaussage) lautet:

Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.

Erstens kommen hier Neger und Regen Im Doppelpack vor. Und zweitens steht der Neger zivilisatorisch noch auf der Stufe des Freiwildjägers. Wenn das nicht rassistisch ist!

 

 

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