Zeichen, setzen, sechs!

Foto: Durch Wayne0216/Shutterstock
Viel Platz zum Zeichensetzen (Foto: Durch Wayne0216/Shutterstock)

Jan Fleischhauer gestern im Spiegel mit einer lesenswerten Kolumne zur „Pastoralisierung der Politik“. Beten sollen wir, daß die Grünen nicht mit in die Regierung kommen. Wegen der frommen Frau Katrin Göring-Eckhardt und ihren Binsenweisheiten, die sie im „hohen pastoralen Ton“ verkündet. Da hat Fleischhauer recht. Also Fahrradhelmchen ab zum Gebet.

Von Max Erdinger

Es sind so Sätze wie der hier, mit dem einem die grüne Predigerin maximal auf den heiligen Geist geht: „Nächstenliebe kennt keine Obergrenze.“ – Man ist versucht, ihr lakonisch zu erwidern: „Na und? Olafs Porsche kennt keine Geschwindigkeitsbegrenzung! Sind wir die Bundesrepublik Deutschland oder die Bunte Republik Nächstenliebe? Ersetzt Nächstenliebe sämtliche Gesetze? Warum bekommt Olaf dann dauernd Strafzettel? Ist Olaf nicht unser Nächster?“ Meine Verachtung für dieses pastorale Dahergerede kennt ebenfalls keine Obergrenze.

Fleischhauer: „Katrin Göring-Eckardt ist die Art von Politiker, die herauskommt, wenn man den Prenzlauer Berg mit dem protestantischen Pfarrhaus kreuzt: So unbedingt dafür, das Gute und Richtige zu tun, dass man gar nicht anders kann, als die Hände zum Gebet zu falten – aber dabei immer so im Ungefähren, dass niemand widersprechen kann. Manchen Leuten gefällt das. Bei mir führt die Pastoralisierung von Politik leider zu allergischen Anfällen.“ – Gut beschrieben. Fleischhauer geht es also auch nicht viel anders als mir.

Heinrich Bedford-Strohm von der EKD neulich: „Ich fordere einen friedlichen Islam.“ Wir lernen: Völlig schwachsinnige Forderungen kennen auch keine Obergrenze. Sollte der Islam Ohren haben, dann hat er wahrscheinlich auch einen Mund und würde sagen: „Mir doch wurscht, was der Bedford-Strohm den lieben langen Tag fordert.“

Wenn man jetzt hergeht und die Göring-Eckardt oder den Bedford-Strohm fragt, was ihr salbungsvolles Geschwätz sein soll, – ein Plan, eine Vision, ein Ziel vielleicht – und wie sie das umsetzen wollen, dann kommt als nächstes garantiert: „Wir wollten nur ein Zeichen setzen.“  – Zeichen müssen nämlich gesetzt werden. Dauernd.

Der Zeichensetzer ist ein Durchblicker. Schließlich setzt er das Zeichen und die Anderen müssen es beachten, was wiederum bedeutet, daß der Zeichensetzer vorher schon klüger gewesen ist. In Wahrheit ist der Zeichensetzer aber so etwas wie ein dummer Abiturient, der sich sein Reifezeugnis selber ausstellt. Leider kommen aber alle diese salbungsvollen Prediger durch mit ihrer Zeichensetzerei. Wenn einer der Schwallaffen ein Zeichen gesetzt hat, verstummen alle ehrfurchtsvoll und bestaunen das Zeichen. Oh, ein gesetztes Zeichen! Was für ein kluger Mensch es wohl gesetzt hat?

Wenn sich die Zeichensetzer massenhaft zusammenrotten, um ein gemeinsames Zeichen zu setzen, dann setzt jeder mit einer Kerze sein persönliches Zeichen. Alle Zeichen zusammen nennt man dann eine Lichterkette. Lichterketten zählen zu den gesetzten Großzeichen.

Daß die Zeichensetzerei in Deutschland ein Hit ist, erkennt man daran, daß sie bereits in der Werbung Einzug gehalten hat. Was macht jemand, der sich ein Elektrowägelchen kauft? Klar, er setzt ein Zeichen: „Setzen Sie ein Zeichen für die Zukunft der Mobilität – kaufen Sie das Elektrowägelchen und sparen Sie!“ Sparen durch Geldausgeben ist übrigens auch so eine schwachsinnige Erfindung wie die Zeichensetzerei.

Noch mehr Zeichen gefällig? Sie stehen an der Fußgängerampel. Die ist rot. Weit und breit kein Auto zu sehen. Bleiben Sie trotzdem stehen und setzen Sie ein „Zeichen für mehr Gelassenheit im Verkehr.“ Daß Vernünftige Sie für bescheuert halten könnten, ist nur ein böses Gerücht. Geben Sie nichts darauf. Ihren Kaffee sollten Sie ebenfalls im fairen Handel kaufen. Wenn nicht, lassen Sie eine gute Gelegenheit aus, ein wertvolles Zeichen zu setzen.

Wir lernen also: Es gibt nicht nur Leute, die Zeichen setzen, sondern auch noch welche, die uns fordern, daß wir selbst welche setzen! Olaf denkt bereits daran, sich im Setzzeichenhandel selbständig zu machen. Sein Problem ist, ein Gebäude zu finden, das groß genug ist, um alle populären Setzzeichen vorrätig zu halten.

Der zeitgeistige Schwaller fordert im Zweifelsfalle auch einmal nur, um ein Zeichen zu setzen in seinem Kampf. Das ist das nächste: Kampf. Immer kämpfen die Guten den Kampf der Gerechten. Für die Forderung nach einem Zeichen für die nachhaltige Teilhabe der setzerisch Diskriminierten an der Zeichensetzerei, zum Beispiel. Die ganze Politik, ein einziger Kampf mit Forderungen und Setzzeichen von Toleranz und Nächstenliebe.

Noch einmal zurück zu Olaf. Der musste sich neulich vor Gericht verantworten, weil sein Porsche 180 gefahren ist, wo nur 60 erlaubt waren. Er hat sich sauber herausgeredet: Er hätte ein Zeichen gegen die Raserei setzen wollen, sagte er, indem er auf drastische Weise darauf aufmerksam machte, wie gräßlich es ist, ein gesetztes Zeichen nicht zu beachten. Er habe im Dienste der Verkehrssicherheit ein Risiko auf sich genommen, um einmal aufzuzeigen, wie man es auf gar keinen Fall machen soll. Damit die Anderen etwas lernen. Schließlich habe nicht jeder einen Porsche, mit dem er Zeichen setzen könnte. Also sei es an ihm gewesen, ein längst fälliges Zeichen zu setzen – und er könne partout nicht verstehen, was der Staatsanwalt von ihm will.

Der Richter setzte daraufhin ein Zeichen für die Freiheit der Zeichensetzung und verurteilte die Staatskasse dazu, Olafs nächsten Ölwechsel zu bezahlen.

Wenn irgend jemand der Ansicht sein sollte, daß wir, die wir schon länger hier leben, in immer mehr Ländern dieser Welt dastehen wie Vollidioten, über die man nur noch verständnislos den Kopf schüttelt, in Polen etwa oder in Ungarn, dann sollte er als Ursache dafür in Betracht ziehen, daß es auch an der kämpferischen Zeichensetzerei samt ihrer folgenlosen Forderei liegen könnte.

 

 

 

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