Fang das Nazi-Stöckchen

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Überall Nazis, oder was?(Foto: Collage)

Journalisten sind wie Hunde. Wirft man ein Stöckchen, rennen alle los. Journalisten besonders, wenn Nazi auf dem Stöckchen steht.

Von Volker Kleinophorst

Wie komme ich am schnellsten in die Zeitung? Wenn ich was finde, das voll Nazi ist. Auch wenn man dafür um acht Ecken denken muss. Einen Blöden, der die Steigbügel hält, findet man schon in dieser Welt. So gelang es einem gewissen Sascha mit einem Kommentar auf dem Web-Portal t3n.de eine kleine Medienlawine loszutreten.

Darum geht’s: Das Kaufhaus Hertie ist nach Insolvenz als Hertie.de im Internet wiederauferstanden. Das Osnabrücker Unternehmen HDK von Jan und Nils Klöker hatte die Namensrechte 2012 erworben. Um den Laden wieder anzukurbeln, hatte man bei Hertie.de bereits 2016 eine Idee. Da in Deutschland immer noch D-Mark (angeblich Milliarden) gehortet wird, konnten die Kunden damit im online-Shop bezahlen. Ein Werbegag.

Zum offiziellen Wechselkurs von 1,95583 bekommt man für 100 D-Mark 51 Euro und 13 Cent. Um einen Anreiz zu schaffen, rundete Hertie auf, für 100 D-Mark gab es 55 Euro.

Nach über einem Jahr hat dann Nazijäger Sascha mit einem Kommentar zum Artikel „Online mit D-Mark bezahlen: Das steckt hinter der Aktion von Hertie.de“ auf tn3.de die finstere Wahrheit offenbart:

„Hallo …, was den Hertie-Umtauschkurs anbelangt, frage ich mich ernsthaft, ob wirklich niemandem in der T3N-Redaktion auffallen möchte, was dem dort für eine widerliche Intention zugrunde liegen könnte. Die Zahlen 1 und 8 die im Umtauschkurs nebeneinander sich ständig wiederholen, stehen vermutlich für den Ersten und Achten Buchstaben im Alphabet und könnten damit die Initialen eines toten Diktatoren darstellen. Löscht doch einfach euren Propaganda-Artikel. Der ist widerlich. Ciao, Sascha.“

Nazi-Jäger Sascha hatte rausgefunden, das 100 geteilt durch 55 1,81818 ergibt (Stimmt, hab es überprüft). Da die 1 im Alphabet gleich A, 8 gleich H, ist das der Nazi-Code für Adolf Hitler. An einen Zufall mag Sascha nicht glauben.

Und er bekommt seine großen fünf Minuten. Welt, Focus berichten darüber, als wäre das wirklich ernsthaft diskutabel, dass hier „Ewig Gestrige“ den Stift geschwungen haben. Das finden Welt und Focus zwar nicht, aber Nazi, eine Schlagzeile mit Hitler? Immer eine gute Story. Und kann man „in diesen Zeiten“ bei dem Thema zu sensibel sein?

Sascha, um alle Verschwörungstheoretiker zu beleidigen als solcher präsentiert, legte noch mal nach: „Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht … ! Ich glaube nicht an Zufälle … ! Wer naiv genug ist ggf. schon. Es hilft absolut, paranoid zu sein.“

Die Firma HDK sah sich zu einer Reaktion gezwungen: Mitte September änderte man den „Hertie-Wechselkurs“, um solchen Anfeindungen einen Riegel vorzuschieben. Für 100 DM gibt es jetzt 56 Euro, also einen Euro mehr.

Die Welt erklärt: „Hinzu komme der Ursprung der Marke Hertie. Die Familie Tietz war jüdisch, eine solche Unterstellung hätten sie deshalb als besonders ungerecht und unverschämt empfunden, so die Erklärung von HDK. Oder hätte sich nicht vielleicht gerade diese ehrbare Kaufmannsfamilie, die den Grausamkeiten des Nationalsozialismus ausgesetzt war, besser von solchen irren Kundenbeschwerden unbeeindruckt gezeigt?“ Die Firma HDK hat natürlich mit der Familie Tietz, den von den Nazis enteigneten Gründern von Hertie, nichts zu tun. Die haben den Namen gekauft.

Die HDK erklärte dazu: „Wir hätten natürlich drüberstehen können, doch aufgrund der eigenen Biografien fühlte sich der eine oder andere Mitarbeiter angegriffen.“

Da gehe ich noch weiter. Da hätte man drüber stehen müssen. Das mit diesen Nazi-Codes ist doch an Albernheit nicht zu überbieten. Neben der 18 steht da ganz besonders die 88, also HH für Heil Hitler, im Blickpunkt. Neuerdings!

Ich hatte früher einen kleinen Asienfimmel, wollte immer gerne die 888, dreimal die chinesischer Glückszahl 8, auch meinem Nummernschild. Die war aber immer weg. So kam ich zwei Mal auf Vorschlag des Straßenverkehrsamtes zur 88 (also HH für Heil Hitler). Keiner hat mich da jemals drauf angesprochen, bis 2012 bin ich damit rumgefahren. Geht heute nicht mehr.

1988 habe ich für Springer ein Testheft gemacht für ein Magazin, das aufgrund der Jahreszahl und weil wir uns im Team uns auf keinen Namen einigen konnten, 88 genannt wurde. Weil man das Heft im Hause so gelungen fand, hingen im Hamburger Springer Haus jahrelang Prints des Heftes im 6. Stock direkt gegenüber des Bild-Produktionsraums. Da sind endlos Leute vorbeigelatscht, sicherlich auch einige jüdischen Gäste, oder Redakteure der Welt. Keinem ist dieser „unglaubliche Fauxpas“ aufgefallen.

Aber da war ja der Nazi-Wahn noch nicht voll ausgefahren.

Was kommt als nächstes: Muss 1988 aus dem Kalender verschwinden? Entdeckt jemand die mit „18 volljährig“-Verschwörung? Oder das es in jedem Monat einen 18ten gibt, also quasi einen Hitler-Gedenktag? Von 18ten Etagen in Hochhäusern und mit Hausnummer will ich gar nicht anfangen. Muss 1988 aus dem Kalender verschwinden?

Hitler ist ja überall. Unsere Qualitätsmedien werden berichten und für Sascha gibt es viel zu tun.

Bis dahin: Immer schön bescheuert bleiben.

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