Not gegen Elend… ARD gegen Verlage

Foto: Collage
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Haben Sie die letzte Panorama-Sendung auf ARD mit Anja Reschke komplett gesehen? Ich auch nicht. Sorgt nur für Sodbrennen und schlechten Schlaf. Doch bei der Inhaltsangabe der Sendung fiel mir die Überschrift „Die unheimliche Kampagne gegen die ARD“ auf. Dies machte mich neugierig.*

Von Nils Kröger

Mit ernster Miene schritt „Expertin“ Anja Reschke ins Bild und klagte den (hoffentlich wenigen) Zuschauern ihr Leid. Nicht nur die Lümmel von Pegida und AfD äußern Kritik an ARD bzw. ZDF sondern seit einigen Wochen auch die privaten Zeitungsverlage. Es wird sogar der Begriff „Staatsfunk“ verwendet. Ein Begriff, lt. Anja Reschke, auf den „wir (die öffentlich-rechlichen) recht empfindlich reagieren“ (min 00:18).

Ja, die Wahrheit schmerzt. Laut Prometheus, das Freiheitsinstitut mit Sitz in Berlin, sind etwa 1/3 der Rundfunkräte Politiker und ein knappes weiteres 1/3 staatliche oder staatsnahe Vertreter.* Euer Ehren, keine weiteren Fragen.

Dann aber klärt uns Frau Reschke auf, dass es in Wirklichkeit gar nicht um die Kritik an ARD / ZDF geht, sondern um „die Angst der Verlage vor der Zukunft. Wer wird im Netz gelesen und gesehen? Über Google und Facebook kann die Politik nicht entscheiden. Wohl aber über ARD / ZDF und genau das tut sie.“ (ab min 00:43)

Puh, erst mal sacken lassen. Frau Reschke hat im gebührenfinanzierten Elfenbeinturm natürlich leicht Reden. Denn während man die privaten Zeitungen und Zeitschriften für schlechten Journalismus einfach durch Nichtkauf abstrafen kann, entfällt dies bei den öffentlich-rechtlichen. Des Weiteren kann die Politik sehr wohl Einfluss auf Facebook und Co. nehmen, Frau Reschke. Das Netzdurchsetzungsgesetz sollte auch ihnen ein Begriff sein.

Dann aber endlich lässt sie das Spiel / Schlagabtausch (Beitrag) beginnen:

Ein Bild vom Ministerpräsidententreffen und gleich der Vorwurf, dass einige der ARD „nichts Gutes wünschen“ (ab min 01:01). Der Medienminister von Sachsen-Anhalt stellt die „Tagesschau“ für überregionale Nachrichten in Frage. Vor allem die „Tagesschau-App“ werde von den Verlagen kritisiert wegen ihrer Textlastigkeit und dafür seien die Zeitungen zuständig. Trotzdem nichts zwingendes…

Dann aber schießt Helmut Heinen , Herausgeber der Kölnischen Rundschau, das erste Eigentor in der Auseinandersetzung, in dem er erklärt, „dass die Angebote von ARD / ZDF ja kostenlos sind…“ (ab min 02:13).

Kapitaler Bock. Jeder Radiergummi, jeder Bleistift, jedes Klo von ARD / ZDF ist vom Gebührenzahler finanziert worden. Daher hat dieser ja wohl einen Anspruch darauf, sämtliche Inhalte nutzen zu können.

Sein Pendant, Springer-Chef Matthias Döpfner, wiederholt zwar den Fehler aber kann dann doch durch folgenden Zitatanhang ausgleichen: „… nichts anderes als eine gebührenfinanzierte digitale Staatspresse“ (ab min 02:37)

Wumm, das hat gesessen. Die Abwehr von ARD / ZDF wackelt bedrohlich und Döpfner setzt erneut an und zitiert: „Nur Staatsfernsehen und Staatspresse im Netz. Das wäre doch eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea.“ (min 02:58)

Treffer, versenkt, Führung. Panorama bietet jetzt einen erfahrenen Verteidiger, Ruprecht Polenz (CDU) Medienpolitiker (ja, das gibt´s anscheinend) und früheres Mitglied im ZDF-Fernsehrat (Staatsferne?), auf, um das Spiel wieder zu stabilisieren. Dieser agiert gewohnt abgeklärt und empfindet die Äußerungen des Springer-Chefs, „als Denunziation wider besseren Wissens, und der Vergleich zu Nordkorea ist völlig ab- und böswillig“ (ab min 03:18). Dann endlich wieder Angriff von Panorama, dass man oft keine Interviews bei Regierungspolitikern bekommt, weil man zu kritisch sei (min 03:37).

Sehr durchsichtiges Spiel, vor allem weil die Taktik seit September 2015 nicht erneuert wurde. So setzt man keine Treffer. Zum Glück hat der Gegner eine schwache Abwehr in Form von Herrn Heinen.

Auf die Frage, ob Herr Döpfner auch wie die AfD vom Staatsfunk spricht, sich also in guter Gesellschaft befindet, antwortet Heinen: „Der Verlegerverband macht sich den Vorwurf der AfD nicht zu eigen.“ (min 04:10)

Wieder ein Eigentor der Verlage und der Trainer kann es nicht fassen. Aber anscheinend hat man keinen guten Ersatzmann. Pause. Jetzt kommt das Halbzeitprogramm in Form von Herrn Stefan Niggemeier (Medienjournalist) der lediglich zur Erheiterung beträgt (ab min 04:15). Die zweite Halbzeit beginnt und Panorama sofort mit einem Konter, in dem man auf eine Studie verweist, dass ARD / ZDF bei den Nachrichten-Apps eher „im unteren Mittelfeld“ sind (min 04:50).

Natürlich attackiert Panorama die Schwachstelle, Herrn Heinen, und gibt zu bedenken, dass ARD / ZDF nicht die große Konkurrenz sind. Dieser kriegt den Ball nicht aus der Gefahrenzone und fabuliert irgendwas „man könne sich ja verständigen und solle doch nicht Platz 10 überschreiten…“ (min 05:00) und setzt somit zu einem taktischen Foul im Strafraum an. Bis der Elfmeter verwandelt wird erzählt nochmal Stefan Niggemeier, woran es bei den Verlagen wirklich krankt (Werbetreibende zu Facebook und Co. abgewandert, Bezahlformate werden nicht akzeptiert etc. ab min 05:26).

Dass der wichtigste Punkt, der schlechte Journalismus, nicht erwähnt wird, spricht Bände (weniger Auflage, weniger Werbetreibende, weniger Einnahmen und somit das drohende Ende). Denn es gibt auch Zeitungen, deren Auflagen steigen.

Zurück zum Spiel. Nach dem Panorama-Treffer werfen die Verlage jetzt alles nach vorne und setzen auf den Schiedsrichter (die Politik) und fordern, ARD / ZDF textliche Inhalte zu verbieten (min 06:06). Da die Politik beide „Vereine“ braucht und niemanden brüskieren will, wird den Verlagen auch ein Strafstoß zuerkannt. Der Schiedsrichter begründet dies mit „Verständnis für die Not der Verlage und denkt tatsächlich über ein Verbot ausführlicher Onlinetexte in öffentlich-rechtlichen Angeboten nach“. (ab min 06:20)

Panorama protestiert heftig, doch ohne Erfolg. Schiedsrichterentscheidung. Er pfeift ab, unentschieden. Panoramas Verteidiger Ruprecht Polenz, kommentiert zum Schluss: „Wir brauchen eine vielfältige private Presse, auch im Internet. Aber jetzt kann ich doch nicht, weil ich das Problem noch nicht gelöst habe, hergehen und sagen, dann nehm ich das öffentlich-rechtliche auch da raus. Dann haben wir nämlich gar nichts.“ (min 06:50). Großes Gelächter auf den Rängen.

Was „Expertin“ Anja Reschke im Abspann von sich gibt, ist unbedeutend. Immerhin war es ein abwechslungsreiches aber auch zähes Spiel. Denn die Verlage hätten den Sack frühzeitig zumachen können, wenn nur die alles entscheidende Frage gestellt worden wäre: „Wieso fordern wir nicht die Abschaffung der Rundfunkgebühren?“

Dann könnte man auch aus eigener Kraft den Klassenerhalt schaffen.

* Quellen:

http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2017/Verleger-Die-unheimliche-Kampagne-gegen-die-ARD,ard1814.html

http://www.tagesspiegel.de/medien/rundfunkraete-in-den-oeffentlich-rechtlichen-sendern-politik-und-parteien-bleiben-am-druecker/12265726.html

 

 

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