Schemata, Schablonen und Schubladen

Foto: Durch Glacee/Shutterstock
Linke Denke (Foto: Durch Glacee/Shutterstock)

– wie Menschen in kategorischen Verliesen ausharren…

Von Micha Schneider

„Der/die ist doch rechts, also muß er/sie auch dies oder jenes sein/tun/wollen!“ Ähnliche Sätze, meistens unreflektiert verlautbart oder von anderen Nichtreflektierenden abgekupfert, aufgesogen und weitergegeben, bilden leider heutzutage die Grundessenz im politischen oder gesellschaftlichen Miteinander, bzw. Gegeneinander. Die Schablone, in welche man Mitmenschen steckt, bedeutet, daß man die Nuancen und die Vielfältigkeit einer Person achtlos zur Seite schieben kann, ohne großartig über die Folgen solcher Werturteile nachdenken zu müssen. Denn offenbar gilt: Einfacher als das Nachdenken ist die schnelle Einstufung eines Menschen in die vermutete Kategorie, auch wenn diese der Zielperson nicht zur Gänze entspricht, vielleicht nur zu einem kleinen Teil, vielmehr – was häufiger geschieht – überhaupt nicht! So werden Menschen, denen eher eine konservative Grundhaltung innewohnt, mit dem inflationär gebrauchten Prädikat „rechts“ stigmatisiert, weil sich vor Jahren eine ausgebuffte Gruppe von Politpropagandisten mit niedrigsten Absichten zur abscheulichen Alltagsstrategie eines Massenmörders wie Josef Stalin entschieden hat, der mit frei erfundenen Schuldzuweisungen seine eigenen Verbrechen an den von ihm stigmatisierten Menschen legitimieren wollte.

Die heutigen Politstrategen verstoßen mit der gleichen Masche völlig gegen jegliche Grundprinzipien der Demokratie, indem sie zwar nicht mehr – wie Stalin und seine Anhänger – Menschen anderer politischen Richtungen erschießen lassen oder sie in Lager sperren, sondern ihre Opfer auf subtilere Weise mit Werturteilen richten, die aber dennoch jene große Gruppe Andersdenkender sozial zu ächten in der Lage sind, sie demnach gesellschaftlich und politisch ausgrenzen.

 Sie scheren alle Mitmenschen,

denen sie Übles unterstellen, über jenen Kamm,

den sie eigentlich selbst in Händen halten.

 Und sie vergessen dabei, daß z. B. ein eher „rechts“ denkender Mensch durchaus nicht „typisch deutsch“ aussehen muß, sogar von dunkler Hautfarbe, sozial engagiert, umweltbewußt sein und sehr viel Herz, Menschlichkeit und wunderbare Talente besitzen kann. Sie scheren alle Mitmenschen, denen sie Übles unterstellen, über jenen Kamm, den sie eigentlich selbst in Händen halten. Allerdings im irrigen Glauben verhaftet, zu den „Guten“ zu gehören, die über Abweichler aus der von ihnen gewählten Lebensweise urteilen dürfen. Und somit den verabscheuten Delinquenten geradewegs jene Taten unterstellen, derer sie sich selbst schuldig machen, wenn sie schablonenartige Urteile fällen oder mit pauschalen Griffen nach Schubladen selbstgerecht Unrecht verüben.

Die dazu benutzten, vielmehr mißbrauchten Schemata, Schablonen und Schubladen überläßt man dann sich selbst und ihren verheerenden Außenwirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Unwillkürlich fällt aber dem aufmerksamen Beobachter dieses mittlerweile zum ungeschriebenen Gesetz erhobenen Prozederes auf, daß die klugen Strategen einer solchermaßen perfiden Schändung der demokratischen Verfassungen in der freien Welt auch ihre Anhänger, also die eher nichtreflektierenden Wasserträger und Kopisten, in Schubladen stecken, damit man diese herausziehen und deren Inhalt ge- und mibrauchen kann, wann immer es einem gefällt.

So erwächst zwangsläufig ein unwürdiges System daraus, weil die den gefährlichen Ideologen und Phrasen-Tüftlern, den Denkern und Henkern nachplappernden und nachäffenden Schubladen-Menschen ihrerseits andere Mitmenschen ebenso in Schubladen verfrachten – in die „untersten“ allerdings –, ohne dabei bemerken zu wollen, daß sie ja selbst in einem Gedankenmobiliar festsitzen. Solange sitzen sie zufrieden in der eigenen gemütlich hergerichteten Schublade fest, bis einer daran zieht, der sie herauslassen und befreien, nicht aber mibrauchen will so wie die Politstrategen. Leider verbleiben aber gerade in solchen Momenten jene selbstzufriedenen (manipulierten) Schubladenbesetzer dann doch lieber in ihrem engen Gefängnis, weil sie Angst vor der eventuell aufrüttelnden Realität der anderen Möbel im Zimmer haben.

Lieber im Dunkel der aufgezwungenen Kategorie

zusammen mit anderen Gleichgesinnten kauern,

als der Freiheit und der frischen Luft des

analysierenden Geistes zu huldigen!

Deren Credo lautet demnach scheinbar: Lieber im Dunkel der aufgezwungenen Kategorie zusammen mit anderen Gleichgesinnten kauern, lieber im selbstgewählten Verlies darben, als der Freiheit und der frischen Luft des analysierenden Geistes zu huldigen! Anstatt in Freiheit und luftiger Frische die eigenen Vorurteile zu begründeten Urteilen umzubauen, frei von destruktiven Kategorien oder Schubladen, ganz so wie etwa das selbstdenkende Individuum, das die Möbel nach seinem Ermessen und Geschmack verschiebt und diese dann lieber von außen betrachtet, als daß es sie eingezwängt in deren Inneren wie ein dunkles Verlies selbst bewohne.

Ich bin deshalb immer recht amüsiert, wenn jemand gierig hechelnd vermutet, ich stecke in einer Schublade fest, die unterhalb seiner eigenen positioniert sei, an meiner (gemutmaßten) mit großer Mühe zieht, um mich beurteilen oder gar beschimpfen zu können, und dann verdutzt feststellen muß, daß die Lade klemmt. Zusätzlich hört er zu seiner eigenen Schande dann auch noch mein Hohngelächter, weil ich nämlich in Wirklichkeit auf dem behaglichen Sofa nebenan sitze. Dumm gelaufen!

Wandere aus, solange es noch geht!
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