Weinstein-Skandal auch in Deutschland: „Dann wird man eben nicht besetzt“

Foto: Collage
Foto: Collage

Der Sexskandal um Harvey Weinstein zieht immer weitere Kreise. Nun scheint ein Damm gebrochen, immer mehr Künstlerinnen berichten von Missbrauch und Demütigung in der Branche. Auch in Europa trauen sich erste Opfer aus der Deckung.

von Collin McMahon

„Das erste Mal als ich sexuell missbraucht wurde, war ich 9. Ich habe es keinem gesagt und mir selber vorgeworfen, ich sei irgendwie dran schuld,“ schrieb die Schauspielerin America Ferrara gestern auf Instagram. „Ich musste noch jahrelang mit diesem Typen zu tun haben. Er winkte und lächelte, während ich an ihm vorbeieilte, mein Blut gefror und mein Magen sich umdrehte wegen dem, was nur er und ich wussten – er erwartete, dass ich den Mund halte und zurücklächele.“

Ferrara teilte ihr Erlebnis unter dem hashtag #MeToo, der von Alyssa Milano für die Opfer sexuellen Missbrauchs ins Leben gerufen wurde. Seitdem gaben sich u.a. die Schauspielerinnen Debra Messing, Anna Paquin, Patricia Arquette, Evan Rachel Wood, Rosario Dawson, Natasha Lyonne, Tatiana Maslany, Jenny Slate, Lady Gaga und Gabrielle Union als Missbrauchsopfer zu erkennen. Auch männliche Schauspieler wie Corey Feldman, Corey Haim und Elijah Wood berichteten bereits von Missbrauch.

Jennifer Lawrence sprach davon, wie sie als Teenager 15 Pfund abnehmen und sich nackt bei einem Besetzungsgespräch zeigen musste. „Der Produzent sagte ich sei vollkommen fickbar… Ich wollte keinen verpfeifen, ich wollte nur eine Karriere haben.“

Molly Ringwald (The Breakfast Club) berichtete im New Yorker wie sie mit 13 in der Branche schon sexuell belästigt wurde. „Als ich dreizehn war wollte mir ein Crewmitglied das Tanzen beibringen und drückte seinen Ständer gegen mich. Als ich 14 war schob ein verheirateter Regisseur mitten am Set seine Zunge in mein Ohr.“

Oscargewinnerin Reese Witherspoon erklärte, dass sie mit 16 von einem Regisseur vergewaltigt wurde, und das nicht zum letzten Mal. „Seit dieser Woche fühle ich mich zum ersten Mal nicht alleine gelassen damit.“

Nun erreicht der Besetzungscouch-Skandal auch Europa. Die isländische Sängerin Björk schrieb am 15.10. auf Facebook: „Als ich als Schaupielerin begann, war es ganz klar, dass die Demütigung und Herabwürdigung als minderwertiges Wesen die Norm war, in Stein gemeißelt, und der Regisseur und die ganze Crew standen dahinter. Mir wurde klar, dass das ganz normal ist, dass der Regisseur die Schauspielerinnen angrapschen und misshandeln kann wie er will, das gehört zum Filmbusiness dazu. Als ich diesen Regisseur wiederholt abgewiesen hab, wurde er pampig und hat mich bestraft, indem er mich geschickt vor dem Team als die ‚Schwierige’ inszeniert hat. Ich war jedoch stark und hatte ein tolles eigenes Team im Rücken, und hatte auch keine Ambitionen in der Filmwelt, deshalb konnte ich dem Ganzen den Rücken kehren und mich über die Jahre davon erholen. Aber ich mache mir Sorgen, dass das anderen Schauspielerinnen nicht so gelingt, die mit diesem Mann arbeiten. Ich glaube dieser Mann war sich dieses Spiels auch bewusst, und sein nächster Film handelte auch davon. Ich war die Erste, die sich ihm widersetzte und die ihm das nicht hat durchgehen lassen. Ich glaube, er hat seitdem einem faireren Umgang mit seinen Schauspierinnen gelernt, also gibt es Hoffnung. Ich hoffe mein Statement hilft den Schauspielerinnen und Schauspielern auf der ganzen Welt. Lasst uns dem ein Ende bereiten. Eine Welle der Veränderung erfasst die Welt. Liebe, Björk“

Obwohl sie seinen Namen nicht nannte ist es in der Branche allgemein bekannt, dass Björk vom dänischen „Kunstfilmer“ Lars von Trier spricht, mit dem sie Dancer in the Dark drehte.

Ist es in der deutschen Filmbranche soviel anders als in Hollywood? JouWatch sprach mit einer Schauspielerin, die anonym bleiben wollte: „Ich kann gar nicht sagen wie viele eindeutige Angebote ich in der Richtung schon bekommen habe! Wenn man klarmacht, dass man kein Interesse hat, dann wird man eben auch nicht besetzt…. und ich hatte und habe definitiv kein Interesse! Zum Glück bin ich nie in die Situation gekommen, dass ich zu etwas Schlimmerem gezwungen worden bin, zum Glück waren es nur Andeutungen, Angebote oder mal der ein oder andere der vergessen hat, dass man einer Frau nicht einfach auf den Arsch langen darf beim Umarmen! Ich hab solche Dinge sofort unterbunden und klar gemacht, dass mein Arsch mein Arsch ist und seine Hände darauf nichts verloren haben, auch wenn es nur „aus Versehen“ war. Und da war es mir immer total egal in welcher Position mein gegenüber ist. Aber ich denke viele andere Kolleginnen trauen sich nicht oder machen eben alles für die Karriere…. Man darf auch nicht vergessen, es gibt eben zwei Typen Frauen: die, die darunter leiden, wenn so etwas passiert und die, denen das total egal ist, weil sie eben alles für die Karriere machen würden. Diesen Typus Frau gibt es aber in allen Branchen, nicht nur bei uns. Ich denke, die wenigsten reden darüber. Ich habe zum Beispiel eine junge Schauspielerin kennen gelernt, die sich extrem über einen Redakteur aufgeregt hat, der sie ständig angegrapscht hat. Sie hat gesagt, sie würde das gerne unterbinden. Traute sich aber nicht. Drei Monate später spielte sie im Tatort mit. Er hat sie besetzt. Ich denke nicht, dass sie jetzt noch etwas sagen würde.“

Lesen Sie auch:
Interview mit einem deutschen Opfer – „Es war eine Massenvergewaltigung“

 

Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Medizinskandal Herzinfarkt

TEILEN
Vorheriger ArtikelKein Street-Food für „rassistische“ Sachsen
Nächster ArtikelKrätze bei Bereitschaftspolizei