Weinstein-Skandal: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“

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Noch bleibt vieles im Dunkeln beim Weinstein-Skandal (Foto: Durch oneinchpunch/Shutterstock)

Der Missbrauchsskandal um Harvey Weinstein zieht immer weitere Kreise. Weinstein-Vertraute wie Ben Affleck, Matt Damon, George Clooney und Oliver Stone geraten jetzt ins Zwielicht.

von Collin McMahon

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Der Jurist Ronan Farrow ist der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Als solcher kennt er sich nicht nur mit Hollywood aus, sondern auch mit Missbrauchsskandalen. Seit 2015 arbeitet er als Journalist für die NBCToday Show“ mit der Investigativreihe „Undercover mit Robin Farrow.“ Dort recherchierte er monatelang die Geschichte um Hollywood-Mogul Harvey Weinstein (JouWatch berichtete), die aber von NBC abgelehnt wurde weil sie „noch nicht gründlich recherchiert“ sei.

Farrow ging stattdessen zum New Yorker Magazine, das die Brisanz des Materials erkannte und am 10.10. publizierte, fünf Tage nachdem die New York Times die Bombe schon hatte platzen lassen. Seitdem muss NBC, dem auch das Hollywood-Studio und Weinstein-Partner Universal gehört, sich unangenehme Fragen bezüglich journalistischer Integrität stellen lassen. Oder wie Weinstein mal einer lästigen Reporterin sagte, „Ich bin der furchterregendste Motherfucker, den man sich in dieser Stadt zum Feind machen kann.“

Mit einer Mischung aus Macht, Geld, Oscar-Gespür und Ruchlosigkeit hielt sich Weinstein jahrzehntelang alle Anschuldigungen vom Leibe. „Ein offenes Geheimnis ist gar kein Geheimnis“, sagte Juan Williams bei Fox, „sondern eine Vertuschung.“ Nun zieht der Skandal weitere Kreise und erfasst immer mehr Hollywood-Größen aus dem Umfeld von Weinstein. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Oscar-Gewinnerin Emma Thompson in der BBC. „Das überrascht mich überhaupt nicht, das ist das ganze System.“

Ben Affleck wurde mit Matt Damon 1997 von Weinstein mit ihrem oscarreifen Drehbuch Good Will Hunting entdeckt, die beiden verbindet seitdem eine lange Freundschaft. Nun tauchte ein Video aus dem Jahr 2003 auf, in dem Affleck in der MTV-Sendung TRL die Interviewerin Hilarie Burton (damals 21) begrapscht und darüber scherzt, „Warum machst du das Interview nicht nackt? … Du willst doch immer nur Sex haben.“ Affleck hat sich auf Facebook von Weinstein distanziert und gesagt, bei den Anschuldigungen des Missbrauchs werde ihm „übel.“ Schauspielerin Rose McGowan, eine der Kronzeugen unter den Weinstein-Opfern, reagierte wütend auf Twitter: „Fuck off, Ben Affleck… du lügst.“ Affleck engagiert sich seit Jahren für die Demokratische Partei und warb für Barack Obama und Hillary Clintion im Wahlkampf. Legendär sein wütender Ausbruch bei Bill Maher, als er dessen Islamkritik „widerlich und rassistisch“ nannte.

McGowan beschuldigte auch Matt Damon, vom Missbrauch gewusst zu haben: „Hey @mattdamon, wie ist das so ein rückgratloser Profiteur zu sein, der den Mund hält?“, twitterte sie am 9.10. Damon hat 2004 angeblich zusammen mit Russell Crowe dazu beigetragen, eine Enthüllungsgeschichte der Reporterin Sharon Waxman über Weinsteins Sexmissbrauch abzuschießen, die in der New York Times erscheinen sollte.

George Clooney inszeniert sich gerne als Gutmensch, der mit Menschenrechtsanwältin Amal Clooney verheiratet ist und sich mit Angela Merkel zur Flüchtlingsfrage trifft. „Dafür gibt es keine Rechtfertigung“, sagte Clooney am 10.10. über Weinstein. „Ich kenne Harvey seit 20 Jahren… aber so ein Verhalten habe ich nie gesehen.“ Die Schauspielerin Vanessa Marquez, die mit Clooney in seiner ersten großen Rolle in der Serie Emergency Room spielte, beschuldigte ihn auf Twitter: „Das ist Bullshit. Clooney hat mich auf die schwarze Liste setzen lassen, als ich über sexuelle Belästigung am Set sprechen wollte. Frauen, die nicht mitspielen, verlieren ihre Karriere, bei mir war das so… Er ist eine Art Monster… alle sollten die Wahrheit über Clooney erfahren.“

Oliver Stone, der linke Regisseur und Freund von Fidel Castro und Edward Snowden, nahm Weinstein in Schutz, mit dem er eine Serie zum Thema Guantanamo produzierte: „Es ist nicht leicht, was er durchmachen muss… wir sollten abwarten, ob das vor Gericht geht.“ Doch bald holten das Enfant terrible Hollywoods selber die Missbrauchsvorwürfe ein: Playboy-Model Carrie Stevens sagte Stone habe ihr vor 20 Jahren auf einer Hollywood-Party aus heiterem Himmel den Busen begrapscht: „Er war sich in seiner Sache total sicher. Er hat so breit gegrinst, als wenn keiner ihn aufhalten würde… So ist das andauernd in Hollywood. Deshalb muss sich das ändern. Aber niemand sagt etwas. Er ist schließlich Oliver Stone.“ Die Schauspielerin Patricia Arquette hat außerdem auf Twitter eine Geschichte veröffentlicht, nach der Stone sie für eine Rolle in einem „sehr sexuellen Film“ casten wollten. Das Casting sei professionell verlaufen, aber sie hatte ein merkwürdiges Gefühl als Stone ihr rote Rosen schickte und sie zu einem Privatscreening von „Natural Born Killers“ einlud. „Ich kam aus dem Klo, da hat er mich konfrontiert und gefragt, ‚Wieso hast du deinen Freund mitgebracht?‘ Ich sagte, ‚Warum sollte das ein Problem sein, Oliver? Denk mal drüber nach.‘ Von der Rolle habe ich nie wieder etwas gehört.“ Stone hat sich inzwischen auf Facebook von Weinstein distanziert und angekündigt, das „Guantanamo“ Projekt ruhen zu lassen.

Quentin Tarantino ist seit „Reservoir Dogs“ 1992 ein enger Freund von Weinstein, der alle seine Filme produziert hat und im September sogar Tarantinos Verlobungsfeier mit der israelischen Sängerin Danielle Pick ausgerichtet hat. Nach langem Schweigen twitterte Tarantino am 13.10. über das Konto seiner Freundin Amber Tamblyn, „Ich bin seit einer Woche erschüttert über die Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein, die mir das Herz brechen, und mit dem mich eine 25-jährige Freundschaft verbindet. Ich brauche noch ein paar Tage, um meinen Schmerz, Emotionen, Wut und Erinnerungen zu verarbeiten und werde mich dann öffentlich äußern“. Tamblyn sagte, sie habe Tarantino dazu gebracht, sich dazu zu äußern und versprach „er wird bald viel offenlegen“. Tarantino beschäftigte sich in seinen letzten Filmen gerne mit blutrünstigen Rachefantasien gegen weiße Unterdrücker, deutsche Nazis und böse Südstaaten-Sklaventreiber, um sich und seine Killerhelden als vermeintlich moralisch überlegen zu inszenieren. Ob er in den 25 Jahren ihrer Männerfreundschaft, in denen er u.a. mit einem der Weinstein-Opfer Mira Sorvino zusammen war, wirklich nichts von Weinsteins Treiben mitbekommen haben kann, ist offen.

Rose McGowan hat außerdem Amazon-Chef Jeff Bezos beschuldigt, ihre Anschuldigungen gegen Weinstein ignoriert zu haben. „Ich habe deinem Studiochef gesagt, dass HW (Weinstein) mich vergewaltigt hat. Immer wieder habe ich das gesagt. Er sagte, es gebe keine Beweise. Ich sagte, ich bin der Beweis.“ Und weiter: „@jeffbezos, ich rufe dich dazu auf, keine Vergewaltiger, Pädophile und Sextäter mehr zu finanzieren. Ich liebe @Amazon, aber in Hollywood ist etwas sehr faul.“ Die Produzentin Isa Hackett, Tochter des legendären Science-Fiction Autors Philipp K. Dick („Blade Runner“, „The Man in the High Castle“) berichtete wie Amazon Studiochef Roy Price ihr immer wieder obszöne Bemerkungen machte, obwohl sie lesbisch ist und verheiratet: „Du wirst meinen Schwanz lieben, sagte er mir in der Limousine“, sagte Hackett dem Hollywood Reporter. „Während der Party kam er immer wieder zu mir her und flüsterte mir ‚Analsex!’ ins Ohr.“ Price ist gestern zurückgetreten. Amazon hat seine Produktionen mit der Weinstein Company storniert.

Schaupielerin Alyssa Milano, eine Freundin von McGowan seit der Serie Charmed, rief vorgestern auf Twitter unter dem Hashtag #metoo Menschen die sexuell missbraucht wurden auf, sich mitzuteilen. Der Tweet wurde an einem Tag über 500.000 Mal geteilt. Oscargewinner Reese Witherspoon erklärte, dass sie mit 16 von einem Regisseur vergewaltigt wurde, und das nicht zum letzten Mal. „Seit dieser Woche fühle ich mich zum ersten Mal nicht alleine gelassen damit.“

Inzwischen wird auch Harveys Bruder Bob Weinstein des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Der Verwaltungsrat der Weinstein Company hat Harvey Weinstein zum Rücktritt gezwungen.

Asia Argento hat 1999 ihre Begegnung mit Weinstein in einem Video nachgestellt.

 

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Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump.

Der Autor distanziert sich von allen antisemitischen Kommentaren.

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