Harvey Weinstein: Das Schweigen der üblichen Verdächtiger

Foto: Screenshot
Foto: Screenshot

Ganz Hollywood distanziert sich von Seriensextäter Harvey Weinstein, jetzt da es nicht mehr politisch korrekt ist zu schweigen. Doch warum brauchten gerade die größten Ankläger der männlichen Gewalt am längsten, ihn zu verurteilen?

von Collin McMahon

Als am 6. 10. 2016 die Washington Post im Wahlkampf 2016 enthüllte, dass Donald Trump in einem privaten Männergespräch davon geredet hat, wie leicht es sei Frauen aufzureißen, wenn man berühmt ist, „sie lassen dich sogar ihre Pussy anfassen“, war der Aufschrei in der linken Politik und in Hollywood groß.

Michelle Obama: „Dieses Gefühl der Angst und des Missbrauchs, das zuviele Frauen kennen“ / YouTube/Screenshot

Michelle Obama brach das traditionelle Schweigen einer First Lady im Wahlkampf und sagte am 13.10. in einer emotionalen Rede in New Hampshire, „Das ist nichts, was wir ignorieren können… und das ist nicht nur ein vereinzelter Vorfall. Es ist nur eines von unzähligen Beispielen, wie er sein Leben lang Frauen behandelt hat… Es ist grausam. Es ist erschreckend. Und die Wahrheit ist, es tut weh. Sehr weh.“ 24 Minuten redete Michelle Obama fast in Tränen so weiter, über ihre Kinder, über andere Kinder, sehr viel über Kinder und Mädchen und Frauen. Und über Trump, der bisher keines Verbrechens bezichtigt wurde. (Üblicherweise sollte die Frau des scheidenden Präsidenten sich gar nicht in den Wahlkampf einmischen.)

Hillary Clinton thematisierte Trumps Kommentare, für die er sich entschuldigt hatte, in der zweiten Präsidentschaftsdebatte: „Donald greift die Würde der Frauen an, ihr Selbstwertgefühl. Ich glaube jede Frau kennt dieses Erlebnis.“ Clinton versuchte den Rest des Wahlkampfs die Missbrauchsvorwürfe auszunutzen. Vor vier Tagen, am 13.10.2017 nannte sie den Präsidenten immer noch einen „Sextäter“.

Meryl Streep thematisierte die schrecklichen Vergehen des gewählten 45. U.S.-Präsidenten bei den Golden Globes am 8.1.2016: „Respektlosigkeit gebiert Respektlosigkeit, Gewalt führt zu Gewalt. Wenn die Mächtigen ihre Stellung ausnutzen, um andere zu demütigen, verlieren wir alle.“

Soviel Entrüstung, soviel hehre Worte, soviel Aufrichtigkeit und Rückgrat vor den Augen der ganzen Welt! Doch als die New York Times am 5.10.2017 berichtete, dass Rekord-Oscar-Produzent Harvey Weinstein ein Seriensextäter ist, der seit 1984 über 30 Frauen missbraucht hat, darunter Ashley Judd, Kate Beckinsale, Rosanna Arquette, Asia Argento, Rose McGowan, Lauren Sivan, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow und Mira Sorvino, war das Schweigen von Clinton, Obama und Streep ohrenbetäubend.

Kein Wunder: Wie der New Yorker am 10.10. berichtete war Weinstein jahrelang einer der Hauptspender der Demokraten und unterstützte Kandidaten wie Bill Clinton, Barack Obama und Hillary Clinton mit seinem Geld und dem anderer Leute. Seit 2000 hat Weinstein $894.373 direkt gespendet und weitere $1.422.683 an Spenden von Dritten organisiert, meldet Business Insider. Er organisierte Spendengalas für Obama und Hillary Clinton und sammelte in Hollywood Geld für die Demokraten. Als Bill Clinton 1998 seinen eigenen Sexskandal hatte, spendete Weinstein $10.000 für dessen Verteidigung und half mit, eine Gruppe von 62 Stars zum Spenden zu bewegen, darunter Tom Hanks, Barbra Streisand, Steven Spielberg und Jeffrey Katzenberg.

Quelle: Business Insider

Die Clintons machen gerne Urlaub neben Weinstein in den Hamptons, New York. Michelle Obama ließ ihre Tochter Malia dieses Jahr ein Praktikum in der Weinstein Company in New York machen.

Fünf Tage dauerte es bis Hillary Clinton, Michelle Obama und Meryl Streep sich öffentlich von Weinstein distanzierten und den Seriensextäter verurteilten. Während viele Demokraten sich beeilten, ihre Weinstein-Spenden zurückzugeben oder an wohltätige Zwecke zu spenden, ließ die Clinton Foundation wissen, dass sie die $250.000 behalten werde, die sie von Weinstein erhalten habe.

Ähnlich erdrückend war das Schweigen der Late-Night-Komiker wie Jimmy Kimmel und Saturday Night Live, die sonst keine Gelegenheit auslassen, Trump ohne Beweise als „Serienvergewaltiger“ dazustellen.

Zunehmend wird klar, dass das Verhalten von Harvey Weinstein und die sexuelle Ausbeutung in Hollywood allgemein jahrelang ein offenes Geheimnis waren. Linksaktivistin Jane Fonda gab zu, dass sie schon vor einem Jahr von den Vorwürfen wusste und nichts gesagt hatte. „SNL“ Star Tina Fey schrieb sogar Gags in ihre Show 30 Rock hinein: „Ich kann auf mich aufpassen. Ich habe sogar Sex mit Harvey Weinstein abgelehnt. 3 von 5 Mal“, scherzt Darstellerin Jane Krakowski in einer Szene aus der 6. Staffel 2012.

Schauspielerin Rose McGowan warf Weinstein-Intimus Ben Affleck auf Twitter vor, von allem gewusst zu haben und wurde dafür vom Kurznachrichtendienst geblockt.

Inzwischen ermittelt die New Yorker Polizei gegen Weinstein. Die Polizei von Los Angeles hat einen Zeugenaufruf gestartet, aber noch keine Ermittlungen. Die Weinstein Company hat sich von Weinstein getrennt, der Produzentenverband, die Oscar-Academy und die französische Ehrenlegion haben ihm die Mitgliedschaft gekündigt.

Timeline der Missbrauchsvorwürfe gegen Harvey Weinstein seit 1984

Enthüllungsporträt in der New York Times vom 10.10.2017

Enthüllungsporträt im New Yorker vom 10.10.2017

Lesen Sie auch:

Weinstein-Skandal: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“ – Ben Affleck, George Clooney und Oliver Stone

Weinstein-Skandal auch in Deutschland: „Dann wird man eben nicht besetzt“

 

Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump.

Der Autor distanziert sich von allen antisemitischen Kommentaren.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...