Die Parabel vom Spiegelsaal (etwaige Ähnlichkeiten mit realen Verhältnissen sind rein zufällig)

Foto: Durch Autor vermittelt
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Der Schauplatz der Handlung

In diesem Gleichnis möchte ich meine Leser in eine – wie es in einem bekannten Film-Zyklus so schön heißt – ferne Zeit in einer fernen Galaxie entführen. Etwaige Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit der kontemporären Realität in unserem Lande sind absolut nicht zufällig und durchaus beabsichtigt. Die geschilderten Verhältnisse begleiten uns Bürger dieses, einst schönen Landes bereits seit geraumer Zeit, doch gewinnen sie in jüngerer Zeit  zunehmend an  Aktualität.

Von Quo usque tandem

Wir befinden uns in einem Saal von gewaltigen Dimensionen (s. Bild oben), welcher durch das Kraftfeld der Negation des Offensichtlichen freischwebend im Raum der Unwirklichkeit gehalten wird. Die Wände des Saals wie auch die Decke, sind mit großflächigen Spiegeln bedeckt; die restlichen Flächen ziert geschnitzter und vergoldeter Dekor aus edelsten Hölzern. Gewaltige Kristall-Lüster erfüllen den Saal mit strahlendem Licht; ich werde sogleich erklären, warum Kunstlicht auch zur Tageszeit erforderlich ist. Um nicht auszuufern: Allenthalben überwätigender Luxus;  zur Visualisierung stelle man sich den Spiegelsaal in Versailles vor – nur eben um einige Stufen größer und prächtiger.

Ein permanenter Ball und seine Regeln

Der Saal ist gefüllt mit Personen beiderlei Geschlechts, die sich, zu den Klängen eines verborgenen Orchesters, unaufhörlich in den gemessenen Figuren von Gavotten und Menuetts bewegen, sich drehend, knicksend und sich voreinander verneigend; wobei sie stets ihre eigenes Spiegelbild selbstverliebt im Auge behalten. Die Tanzschritte sind genau vorgeschrieben und abgezirkelt, nur an den Rändern der Tanzformationen ist ein gewisses Rangeln und Drängeln um Außenpositionen zu beobachten: Dort ist man nämlich den Spiegeln am nächsten und kann seine eigene Person beim Drehen und Spreizen des Gefieders am besten beobachten. Wäre ich bösartig veranlagt – was ich natürlich nicht bin – könnte ich zu dem Schluss gelangen, dass dieses Gerangel und Geschiebe um diese Außenpositionen die eigentliche raison-d’etre der ganzen Veranstaltung ist. Die Verständigung zwischen den Ballett-Teilnehmern wird durch einen Kodex geregelt, welcher u. a. direktes Antworten auf Fragen sowie das Anregen von bzw. die Zustimmung zu logischen und pragmatischen Lösungen zu realen Problemen absolut verbietet. Elliptische Diskussionen bedeutungsloser Themen bzw. von Punkten des internen Protokolls, werden hingegen ermutigt und erfreuen sich stets reger Beteiligung.

Absolute Abkoppelung von der Realität

Die Fenster des Saals sind mit Portieren aus schwerem Samt verhängt; darüber hinaus sind die Fensterscheiben von innen schwarz übermalt, sodass kein Blick nach außen möglich ist (daher die permanente Festbeleuchtung). Was das Akustische anbetrifft, so sind alle Fugen mit Isoliermasse behandelt, sodass auch kein Laut von außen in den Saal dringen kann. Aus diesem Grund entgeht der festlichen Schar völlig das zunehmend lauter werdende Gemurmel des Unmuts, der sich draußen unter den angestammten Bewohnern des Landes ausbreitet.  In gleicher Weise entgeht den Feiernden die stetig anschwellende Kakophonie fremder Sprachen, der Chor frecher „Teilhabe“-Forderungen ohne Gegenleistung, das Geifern von Hasspredigern sowie das ominöse Knirschen eines überforderten Sozialsicherungs-Gebäudes.

Was die Misere eines ständig wachsenden Segments der Rentner unseres imaginären Landes anbetrifft, das am Ende eines arbeitsreichen Lebens dem nackten Mangel ins Auge blickt, so kann die Fest-Gesellschaft unter den bestehenden Umständen der Abschottung zugegebenermaßen deren  leises Wimmern gar nicht wahrnehmen: Rentner sind – eben als Folge dieses Arbeitslebens – für lautstarken, wirksamen Protest zu verbraucht und müde. Um ihrer Not zu kennen, müsste man sich gezielt dafür interessieren

So schweben unsere Schönen und Privilegierten denn dahin, bewundern ihr Spiegelbild und sind mit sich und ihrer Welt zufrieden, und es bleibt uns nur übrig, ihnen zu wünschen, dass ihnen dieser paradiesische Zustand noch lange erhalten bleiben möge – ehe der ganze Laden endlich zusammenkracht.

Wandere aus, solange es noch geht!
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