Deutschland verblödet!

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Deutschland, Deine Zukunft (Foto: Durch AlenD/Shutterstock)

Die ZEIT berichtete gestern von einer neuen Grundschulstudie, der zufolge das Bildungsniveau von Viertklässlern innerhalb von fünf Jahren dramatisch abgesackt ist. Eine Medienkritik.

von Max Erdinger

Es ist nicht so, daß es Grund gäbe, am dargelegten Sachverhalt zu zweifeln. Der ist wahrscheinlich zutreffend und daher auch alarmierend. Es gibt aber einen Grund, den ZEIT-Autoren Martin Spiewak dafür zu kritisieren, daß er die Ursachen relativiert. Es ist nicht hinnehmbar, daß einem jemand einen, von einer herrschenden Gesinnungselite verursachten Schlamassel als kollektive „Herausforderung“ andienen will. Allein das Wort „Herausforderung“ (im Angesicht der Misere) kommt in Spiewaks Artikel mindestens zehn Mal vor. Per se sind Herausforderungen etwas, vor das man von außen gestellt wird. Ich fordere Sie heraus, Sie fordern mich heraus, er fordert ihn heraus usw.usf. Hausgemachte Probleme sind keine Herausforderungen, sondern eben hausgemachte Probleme. Ich lehne es ab, mir die – aus rein ideologischen Gründen – hausgemachten Probleme sehr genau zu bestimmender Verantwortlicher als kollektive Herausforderung unterjubeln zu lassen, um so aus dem Auge zu verlieren, wer das Grundproblem ist: Die Verantwortlichen nämlich.

Zitat: „Jahrelang haben sich die Leistungen deutscher Schüler verbessert. Nun dreht sich der Trend – in einigen Bundesländern sogar deutlich. Liegt es an den Migranten?“ – Zitatende.

Selbst Spiewak kommt nicht umhin, den Begriff „Migranten“ ins Spiel zu bringen. Zunächst fragt er bloß scheinheilig, ob das Absacken des Grundschulniveaus etwas damit zu tun haben könnte, daß ihre Kinder in „deutschen“ Grundschulklassen mit bis zu 99 Prozent vertreten sind. Weiter unten gibt er zu, daß es so sei. Und daß wir deswegen vor „Herausforderungen“ stünden, die mit diesen Migrantenkindern und dem bildungsfernen Milieu zu tun hätten, in dem sie oft aufwachsen, fügt er mahnend an. Das ist eindeutig zu kurz gegriffen. Das Hauptproblem ist nicht, daß es diese aus außerschulischen Gründen „Bildungsbenachteiligten“ gibt. Das Hauptproblem ist, daß der Gedanke von Integration und Gleichheit nicht in frage gestellt werden darf. Und das betrifft bei weitem nicht nur die Kinder von Migranten, sondern oft genug die Migranten selbst – und nicht nur die. Es gibt auch Kinder von Autochthonen, die lernbehindert sind, über wenig Intelligenz verfügen, zuhause keine Förderung erhalten können und die das meßbare Bildungsniveau einer gesamten Schulklasse drücken, wenn man sie in normale Schulklassen integriert. Stichwort Inklusion. Der Integrations-, sowie der Inklusionsgedanke sind ja der grundlosen Unterstellung geschuldet, daß alle Menschen gleich seien und daß alles „gemeinsam“ zu erreichen sei. Das ist ein Dogma, das auch in diesem ZEIT-Artikel keinesfalls kritisch beleuchtet werden darf. Deswegen unterbleibt es auch. Stattdessen wird die kollektive Herausforderung behauptet.

Es gibt keinen Grund, nicht alles zu versuchen, um auch bei ungünstigen Voraussetzungen das Ziel eines möglichst hohen Bildungsniveaus zu erreichen. Man sollte lediglich die Normalbegabten damit nicht belasten, weil das deren Entwicklung behindert. Das heißt, man müsste unterschiedliche Bildungsziele definieren, die sich an dem orientieren, was Einzelne realiter leisten können – und nicht daran, was sie leisten können sollen. Die Kröte, die dabei zu schlucken wäre, ist die, daß man sich dadurch auf den Weg in eine Zwei- bzw. Mehrklassengesellschaft begibt. Wenn man sich die Entwicklung anschaut, ist deutlich zu erkennen, daß es das Ziel der vergangenen Jahrzehnte ausdrücklich nicht gewesen ist, Kinder anhand ihrer Ausbildungsfähigkeit an das Maximum dessen heranzuführen, was ihnen gemäß ist, sondern daß eine Nivellierung nach unten erfolgt ist, welcher das Ziel zugrunde liegt, möglichst jedem ein Reifezeugnis zu verschaffen. Und zwar im Namen der „Chancengleichheit“. Für ein normalbegabtes Kind – und diese Kinder dürften nach wie vor die überwältigende Mehrheit stellen – gilt schon lange, daß es im Namen von Kollektivismus und Gleichheit weit unter seinen Möglichkeiten bleiben muß. Dem hochbegabten Kind werden u.U. sogar die minderbegabten vorgezogen. Hätte man sich um die Elitenförderung in dem Umfang gekümmert, in dem man sich um das „Mitnehmen Aller im gemeinsamen Boot“ sorgte, – das Problem würde sich in der gegenwärtigen Dramatik nicht stellen.

Was bräuchte es also? Eine genauere Differenzierung bei der Zusammensetzung von Schulklassen. Die Krux an der Sache ist aber ebenfalls durch Studien belegt: Minderbegabte Kinder und Kinder mit ungünstigen familiären Voraussetzungen, die in sog. Förderklassen zusammengefasst werden, werden dort nicht etwa klüger, sondern sie verblöden von Jahr zu Jahr immer mehr. Das war auch einer der Gründe, warum dann die Inklusion als Allheilmittel angepriesen worden ist. Richtig wäre gewesen, sich den Kopf über die Ausgestaltung der Bildung in diesen Förderklassen zu zerbrechen und die Normalbegabten einfach Normalbegabte sein zu lassen, anstatt wegen der realitätsfern als kollektivem Problem begriffenen Chancenungleichheit die Gesamtheit aller Kinder zu belasten. Tatsächlich geht es im Kern nicht um familiär chancenbenachteiligte Kinder, sondern um den Gleichheitsgedanken. Der ist das grundsätzliche Problem und er ist sakrosankt. Der Gleichheitsgedanke darf nicht infrage gestellt werden und sei er noch so realitätsfern. Ausschließlich um Migrantenkinder geht es also keinesfalls, zumal auch die nicht alle über einen Kamm zu scheren sind, so, wie übrigens nicht alle Migranten über einen Kamm zu scheren sind. Die Integration vietnamesischer Boatpeople und ihrer Kinder Ende der Siebziger Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Ich habe es damals selbst erlebt, daß vietnamesische Kinder nach drei Monaten (!) in Deutschland besser Deutsch konnten, als Einwanderer aus dem islamischen Kulturkreis nach Jahrzehnten. Sie wollten sich integrieren, sie wollten sich bilden und in Deutschland etwas werden – und sie sind überproportional häufig auch etwas geworden. Hut ab!

Zitat: „Im Bundesschnitt können die 2016 getesteten Viertklässler schlechter lesen, zuhören und rechnen als Gleichaltrige fünf Jahre zuvor, in einigen Bundesländern deutlich schlechter. Bei der Rechtschreibung zeigt sich der Kompetenzverlust besonders deutlich: Hier hinken die heutigen Schüler um 24 Leistungspunkte hinterher, das entspricht ungefähr dem, was sie in vier Grundschulmonaten lernen. Von einer „ungünstigen Entwicklung“ sprechen die IQB-Forscher in der nüchternen Sprache ihres Berichts. Man darf es getrost als Alarmsignal übersetzen.“ – Zitatende.

Ein Alarmsignal ist in aller Regel etwas, das einen vor Unvorhersehbarem warnt. Wer die Gefahr kommen sieht, braucht nicht mehr alarmiert zu werden. Es hat wahrhaftig genug Leute gegeben, die gesagt haben, was sie da auf uns zukommen sehen. Dafür wurden sie diffamiert als Rassisten, als Chauvinisten, als asoziale Elitenfreunde und was-weiß-ich als was noch alles.

Es gibt einen grundsätzlichen Gedanken hinsichtlich der Bildung, der ebenfalls ziemlich sakrosankt ist. Man sollte sich einmal überlegen, ob eine staatliche Definition von Bildungszielen und Lehrinhalten in der Rigorosität, mit der sie heute noch vorhanden ist, wirklich noch zielführend sein kann. Egal, welche Voraussetzungen ein Kind mitbringt: Es will immer wissen. Es hat immer Fragen. Weil nun ein Mensch immer selbst am besten weiß, warum er etwas Bestimmtes wissen will, weil er also mit seinen Fragen einer Absicht folgt, die ihm selbst gemäß ist, könnte es sinnvoll sein, ihm Antworten auf die Fragen zu geben, die er selbst stellt, anstatt ihm ungefragt Lehrinhalte zu präsentieren, an denen er (noch?) kein Interesse hat.

Rigoros müsste man deswegen nicht werden. Einen grundlegenden Wissenskanon bräuchte man nicht zu vernachlässigen. Daß Viertklässler zum Ende des Schuljahres lesen können – und möglichst die Rechtschreibung beherrschen sollten, steht außer frage. Daß sie außerdem die Grundrechenarten beherrschen sollten, darf man getrost als Ziel im Auge behalten. Mit dem Lesen ist es halt so wie mit allen anderen Dingen: Wenn es etwas ist, das Erwachsene häufig tun und wenn es von Kindern als ein konstituierendes Merkmal des Erwachsenseins begriffen wird, dann wollen sie es auch möglichst schnell selbst lernen. Daß Kinder aus Familien, in denen nicht gelesen wird, sondern die Informationsaufnahme – wenn überhaupt – ausschließlich noch über Bilder und gesprochenen Text erfolgt, selbst kein Interesse am Lesenlernen entwickeln, liegt auf der Hand.

Insofern ist das dramatische Absacken des Bildungsniveaus bei Grundschülern nicht ausschließlich ein bildungspolitisches oder bildungstechnisches Problem, sondern eines einer Gesellschaft, in der Bildung schon länger mit Ausbildung verwechselt wird. Es sind Ausbildungsinhalte, die normiert festgelegt werden, nicht Bildungsinhalte. Die zunächst nicht zweckgerichtete Bildung erfolgt aus vielen Quellen, nicht ausschließlich in der Schule. Ein grundsätzliches Bildungsinteresse der Kinder aus sich heraus ist aber die erste Voraussetzung für Ausbildungsfähigkeit überhaupt. Es ist für das urmenschliche Bildungsinteresse kontraproduktiv, wenn bereits kleine Kinder lernen, daß man sein Leben auch bei einem bedingungslosen Grundeinkommen oder dem Bezug lebenslanger Sozialleistungen vor der Glotze fristen kann, weil man schließlich ein Recht auf Alimentierung habe. Das bedingungslose Grundeinkommen ist daher keineswegs nur eine Frage der heiligen „sozialen Gerechtigkeit“, sondern eine Kulturfrage – und zwar so, wie generell das tonangebende Linkentum eine Kulturfrage ist.

Es geht im Kern um die Verursacher des Problems und man sollte nicht auf den billigen Trick mit der „Herausforderung“ hereinfallen, den sie zum Zwecke ihrer Selbstexkulpation der Allgemeinheit aufs Auge drücken wollen. So lange Linke „Bildungspolitik“ machen, wird es keine Lösung des Problems geben, sondern es wird sich immer weiter verstärken. Differenzierung bei den individuellen Bildungspotentialen ist gefragt, nicht die Kollektivierung individueller Problemlagen. Außerdem muß der Realitätssinn geschärft werden, anstatt weiterhin die Illusion von der „besseren Zukunft für alle“ zu perpetuieren. Es gibt bedauerlicherweise Kinder, die ihr Potential wegen ihrer Herkunft nicht entwickeln können. Ob das gerecht ist oder nicht, spielt angesichts der zweifellos zu erfolgenden Bildung eine weit untergeordnete Rolle. Wer ein weit abgehängtes Prekariat auch in Zukunft alimentierenwill, braucht eine Elite, die das leisten kann, so unerfreulich auch dieser Sachverhalt für sich genommen ist. Deswegen ist es höchste Zeit, sich endlich verstärkt auf diejenigen zu konzentrieren, die diese Potentiale mitbringen, ungeachtet der Frage, ob es gerecht oder ungerecht ist, daß sie diese Potentiale mitbringen und andere nicht.

 

 

 

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