Angela Merkel in Stade: Sie liebt es, wenn eine Wahl funktioniert

(Foto: Kleinophorst
Eine Raute geht rum (Foto: Kleinophorst)

Merkel ist wie Godzilla. Der kann sich von Giftmüll ernähren. Und so sahen wir in Stade eine durch das toxische Ergebnis der Bundestagswahl sichtlich belebte Kanzlerin. Verlieren sollte die CDU die Wahl allerdings nicht.

Von Volker Kleinophorst

Merkel in Stade hat so was von Bayern München muss im Pokal zum SV Sandhorst. Da ist die Champions League um Obama, Macron, Gipfel hier, Gipfel da ganz weit weg.

In Stade wird noch die Heimat beschworen. Die Vorsitzende der Landfrauen moderierte den Unterhaltungsteil: Orchester, Werbespots auf Großleinwand und lokale Politprominenz. Wenn Merkel und CDU-Spitzenkandidaten Althusmann kommen, ist die zahlreich vertreten, auch Ex-Ministerpräsident und Ex-Boss von Althusmann David McAllister, heute gut gepamperter Europapolitiker, gibt sich die Ehre. Althusmann war bei dem Wulff-Nachfolger von 2010 bis 2013 Kultusminister gewesen.

Man spürt das ländlicher Niedersachsen mit seinen Bauernpolitikern. Die Verwurzlung mit der Scholle ist hier spürbar, immer noch. Deutsche Provinz. Deutscher wird’s nicht, schon gar nicht „in diesen Tagen“. Rot/Grün besonders der grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat mit Agrar- und Energiewende die Landwirte gegen sich aufgebracht. Viele mussten aufgeben, fühlen sich als Wasserverschmutzer angeprangert. „Sogar die Kinder werden in der Schule beschimpft.“

Vor der Halle: Keinerlei Protest. Ist aber auch weitreichend abgesperrt, ordentliche Polizeipräsenz. Wenn Stade protestiert, dann nicht hier.

In der Halle: Voll, wohl 1000 Besucher. Klatschvieh, also gut sortiert. Ausgestattet mit Fan Artikeln wie A(lthusmann)–Team Pullover und Plakaten mit dem abgewandelten Running-Gag aus der Fernsehserie: „Ich liebe es, wenn eine Wahl funktioniert“. Fast ein bisschen zynisch, oder?

Einzug Merkel und Althusmann. Lakai Tauber ist auch dabei, bleibt aber im Hintergrund.

Man kann besonders die kleine Angela Merkel in dem Pulk von Leibwächtern kaum ausmachen, der sich da zur Bühne schiebt. Hat zwar fast was von Bad in der Menge. Ihre Sicherheit liegt Merkel aber offensichtlich sehr am Herzen. Ein ganz anderes Tohuwabohu auf der Bühne als in der Fischauktionshalle im eher steifen Hamburg am 20. März. Auch Merkel selbst deutlich aufgeräumter. Die scharwenzeln aber auch um sie rum. Das kriegen die arroganten Hamburger Politiker nicht hin. Das Ergebnis der Bundestagswahl scheint wie eine Adrenalinspritze auf Merkel zu wirken. Aber wenn keiner pfeift und trillert, hebt das sicher eh die Stimmung. Ich glaube mit Marktplatzauftritten vor jedermann ist sie durch.

Althusmann legt vor. Er mag es markig, spricht deutliche Worte, was die Bauern erwarten, das gerade die Region Stade eine Wachstumsregion sei, die immer an der Seite der Kanzlerin, aber auch Berlin müsse…

Der Pastorensohn ist so eine Art Bauertrump. Er möchte aufräumen, auch mal einen  aus dem Fenster werfen. Ok, so lange es nicht der Gauland sagt, ist das doch wohl immer noch drin in Niedersachsen? Er posiert mit dem 24 Jahre alten schwarzen Sänger Jeffrey Soederblom (schwedisch, afrikanische Wurzeln) in einer angedeuteten Box-Pose, wie Elvis bei Muhammed Ali für seinen Wahlsong: „Wir haben was Großes vor“, einem peinlichen Plattitüden-Mix a la „Wir schaffen das.“

Ignorieren kann auch er nicht, dass es bei „Asylrecht ist kein Einwanderungsrecht; Wer das Grundgesetz nicht achtet und in Parallelgesellschaften fliehen möchte, ist hier falsch; Keine Scharia für Deutschland“, überdeutlich den heftigsten Applaus gibt. Der größte Applaus übrigens während der ganzen Veranstaltung. Die Ablehnung der „offenen Grenzen“ kann man „spüren“. Hier ist man ja auch noch nicht so verblödet, dass man nicht merkt, dass Inklusion völliger Blödsinn ist. Althusmann geht noch weiter. Ja, die ganze Schulpolitik sei ja völlig schwachsinnig, betont er, als wäre er da nicht selbst für verantwortlich. Sogar von „Linkspopulisten“ ist die Rede. Populismus kann er natürlich auch, wenn er erzählt, wie ihn seine 7-Jährige Tochter nach der TV-Duell mit seinen Gegner Stephan Weil anrief und sagte: „Papi, ich würde dich wählen.“ Wie herzig.

In Stade wird eine CDU beschworen, die es ja in Berlin nur noch eingeschränkt und beim Schäkern und Dealen mit den Mächtigen der Welt gar nicht mehr gibt. Aber solange man Merkel eben nicht zur Kaiserin Europa kürt, braucht sie halt die Stimmen, denn ohne die Länder ist nicht gut regieren.

Und da kommt auch schon die Meisterin aller Klassen. Und überrascht. Vor gut drei Wochen in Hamburg kam sie müde und lustlos rüber. Merkelte ihre Rede in ihrem schwunglosen SingSang runter. Jetzt stellt sich raus. Opposition kann sie besser.

Endlich mal Attacke statt immer nur Verteidigung:

Man die SPD und die Grünen seien so was von unfähig. Die würden Niedersachsen kaputt regieren. Sie verspielen die Zukunft. Niedersachsen sei ein Hort der Salafisten. Null Toleranz für die Verletzung des Rechtes. Terroristen muss man habhaft werden.

Dazwischen auch mal wieder „Dieses Internet ist Neuland“-Blödsinn: „Denn die kommunizieren ja nicht mehr mit Festnetz und Handy sondern in ihren eigenen Netzwerken.“ Das sollte sie sich vielleicht noch mal etwas genauer erklären lassen.

Die Masse spielt mit. Niemand fragt sich in dem Moment, hä? Mit denen einen will sie demnächst, mit den anderen hat sie gerade. Und eigentlich alles gemacht, was die wollen, nicht das wofür die CDU eigentlich immer stand: Solide Finanzen, keine Experimente, Sicherheit.

Unbekümmert haut Merkel weiter drauf: Auch die Sache mit den sicheren Herkunftsländer, wäre längst gelaufen ohne SPD und Grüne, die heute mal die AfD geben dürfen, denn von der ist nichts zu hören, und zwar so was von deutlich. Auch Merkel liege ja das Land, die Menschen, das bäuerliche Milieu am Herzen. Es kommt Stimmung auf, Plakate werden gewedelt. Sicher auch weil vor und in der Halle keiner die Laune verdarb und Stade eben nicht Hamburg ist. Aber in Stade ist Merkel ja auch entsetzt, das SPD und Grüne den Diesel abschaffen wollen. Eigentlich will sie das aber auch.

Richtig konkret wird es nie, aber man muss natürlich jedem im Land klar machen, das man sich an die Gesetze halten müsse. Danke Polizei.

Und natürlich: Die Wahl ist noch nicht entschieden. Kämpfen sie, liebe Parteifreunde, bis zum Sonntag um jede Stimme…

Interessant ist immer, was nicht kommt: Asyl, Obergrenze, Wir schaffen das, Islam, Teilhabe, Vielfalt, CSU, Österreich, EU, Brexit… all ihre Lieblingsthemen.

Auch Althusmann sprach natürlich nicht von seinen Problemen mit der staatlichen Rentenversicherung (13,4 Milliarden) und einem diesbezüglichen Gefälligkeitsgutachten (208.369), das nur einen Zahlungsaufschub bewirkte. Auch wie es in Namibia und Angola war, wo er nach seiner Abwahl für die Konrad-Adenauer-Stiftung getummelt hat, erwähnt er nicht. Dabei muss er da doch Afrika aus erster Hand kennengelernt haben.

Am Ende noch eine Korb mit Boskoop für die Kanzlerin, überreicht durch die Apfelkönigin. Reichlich Händeschütteln, Winken. Das Deutschlandlied. Standing Ovations.

Mir tun diese Leute leid. Sie wollen glauben, die CDU wird Ihnen helfen. Das Erwachen wird fürchterlich sein.

Als ich auf dem Parkplatz zu meinem Wagen kam, war eine Visitenkarte oben in die Fahrertür gesteckt. Ich nahm sie raus, ohne genau hinzugucken, schaute über meinen Wagen, wo eine Frau ebenfalls eine Visitenkarte in der Hand hielt. Ich wollte gerade sagen, ja immer diese „Ich will ihr Auto kaufen Visitenkarten“, als die Frau ihre Karte umdrehte. Sie war blau, trug das AfD Logo. Sie hob leicht die Braue, schmunzelte, ich lächelte, nickte.

Protest gab es also doch.

Wandere aus, solange es noch geht!
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