Fieser Angriff: „Beheimatete …“

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Beheimatete Bayern (Foto: Pixabay)

Deutsch ist eine wundervolle Sprache. Es lassen sich sehr komplexe Sachverhalte in einen einzigen, ellenlangen Satz gießen. Aber ey, Alder: Ellenlange Sätze geraten immer mehr aus der Mode. Neue Substantive sind gefragt, für die komplexe Inhalte, – keineswegs „unumstrittene“ übrigens – einfach als „ausdiskutiert“ festgelegt werden. Neuester Angriff: „Beheimatete“. Nicht mit mir, aber …

von Max Erdinger

Das Bundesamt für Integration und Flüchtlinge hat das Substantiv in die Welt geworfen wie die Wildsau den Frischling: „Beheimatete“.

Bescheuerte, Bekloppte, Behinderte, Benachteiligte und Beheimatete. – Meine Fresse. Daß jemand irgendwo beheimatet sei, war mir geläufig, wenngleich mir auch das schon nicht gefallen hat. In meiner Heimat „beheimatet“ zu sein, ist eine Kröte, die ich einfach nicht schlucke. Es geht um das „be-„. Jemand, der „be- irgendwas“ ist, befugt, berechtigt oder beschnitten zum Beispiel, dem wurde etwas erlaubt oder gegeben, beziehungsweise als Passivem etwas angetan. Meine Heimat hat mir aber niemand zu erlauben. Ich bin nicht beheimatet. Ich habe einfach eine.

Man sieht: Deutsch kann auch typisch deutsch sein. Nichts ist der Deutsche nämlich lieber, als berechtigt. Die Berechtigung macht ihn stolz. Sie erhebt ihn förmlich. Deswegen stört er sich auch nicht daran, daß man sagt, er sei beheimatet. Vor kreatürlicher, gänzlich unberechtigter Heimatliebe strotzt er jedenfalls in den selteneren Fällen. Bei mir ist das anders. Meinereiner würde jeden Syrer in teilnahmsvollem Tonfall fragen, ob er denn nicht lieber in seiner Heimat leben wolle – und ihm vorsorglich schon einmal ein Taschentuch hinhalten. So sehr liebe ich die Heimat. Und so viel Mitgefühl hat meinereiner mit den temporär Heimatlosen. Einfach so.

Aber „beheimatet“ in das Substantiv „Beheimateter“ zu verwandeln, ist schon eine Dreistigkeit, vor allem, wenn es in einen Gegensatz zu „Geflüchteter“ gestellt wird. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge möchte ja „Beheimatete“ und „Geflüchtete“ dort zusammen bringen, wo Kuschelmuschel sein Hauptquartier hat: „Am Küchentisch“. Das Bundesamt hätte stattdessen auch „beim Sandmännchen“ nehmen können. Infantil ist aber auch schon der Küchentisch. Geschenkt. Wenn ich mich über sämtliche Infantilitäten der Medien und der politischen Klasse Deutschlands aufregen wollte, käme ich hier hier nie zu einem Ende. „Zusammenbringen“ ist der Knackpunkt!

Zusammenbringen kann man logischerweise nur etwas, das vorher getrennt gewesen ist. Diese Trennung gibt es aber nicht. Der Geflüchtete ist nämlich ebenfalls ein „Beheimateter“. Lediglich nicht in Deutschland. Aber eine Heimat hat er zweifellos. Das freut mich ganz ungemein für ihn und ich finde es schade, daß er nicht dort ist. Außerdem frage ich mich, warum ein Geflüchteter (aktiv) im Gegensatz zum Beheimateten (passiv) eigentlich kein „Beflüchteter“ sein soll, wenn schon traute Zweisamkeit in der gemeinsamen Passivität jedweden Berechtigtseins gefragt ist. Der Geflüchtete wurde schließlich durch irgendwelche Ursachen zur Flucht getrieben, kurz „beflüchtet“.

Jedenfalls ergreift mich angesichts aller dieser Beheimateten und Beflüchteten die Befürchtung, ich könnte befürchtet worden sein. Kein schönes Gefühl. Obwohl: Ich kenne jemanden, die sich Horrorfilme anschaut. Mit Vorliebe die Rosamunde Pilcher-Verfilmungen im „normales Fernseh´“. Sie sagt, daß sie es genieße, befürchtet zu werden. Tatsächlich glaube ich, daß sie bekloppt worden ist. Weiß der Geier, von wem. Vom Beklopper vielleicht.

 

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