Die Normalität des Irrsinns – Über schwer gestörte Politikerexistenzen und die Folgen

Foto: Durch Pablo Scapinachis/Shutterstock
Neulich im Bundeskanzleramt (Foto: Durch Pablo Scapinachis/Shutterstock)

Inzwischen gehört es zu einer Alltagserfahrung, dass Politiker von sich geben, was sie wollen und wie es ihnen gerade in den Kram passt. Sinnhaftigkeit und Wahrheitsgehalt spielen dabei keine Rolle. Da fährt man das historisch schlechteste Bundestagswahlergebnis ein und behauptet, man sei darüber „nicht enttäuscht“ (Bundeskanzlerin Merkel vor zweieinhalb Wochen in der Berliner Runde). Es sei sogar „ein Ergebnis, auf dem sich aufbauen lässt.“ Keiner der Anwesenden hält sich vor Lachen die Hand vor den Mund oder schlägt sich auf die Schenkel.

Von Klaus Barnstedt

Wieso beginnt der hundertprozentige Martin Schulz den Wahlkampf eigentlich erst am Abend der Bundestagswahl, als er mit geschwollenem Kamm aus heiterem Koalitionshimmel die völlig derangierte Kanzlerin ankachelt, dass ihr auch noch die restlichen Gesichtszüge entgleisen?

Da konstatiert man für sich und seine Partei „Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit und Transparenz als Stärken“ (derselbe Schulz beim Niedersachsen-Wahlkampfauftritt am Mittwoch letzter Woche in Cuxhaven), hat aber wenige Wochen zuvor in Interviews und verschiedenen Veranstaltungen eine Konkurrenzpartei ständig als „Schande für Deutschland“ und „Demokratiefeinde“ tituliert.

Oft ist genau das Gegenteil von dem, was hinausposaunt wird, der Fall. Doch damit nicht genug. Unqualifizierte pauschale Abwertungen auf niedrigstem Niveau gehören ebenfalls dazu. Man sieht bei verhassten demokratischen Mitbewerbern „rechte Drecksäcke“ (SPD-Stegner) und bezeichnet sie selbstredend als „Nazis“ und „Brut“ (Grünen-Özdemir).

 Debattier- und Diskussionsdefizit

Seit einigen Jahren muss man sich fragen, ob die Psychologen und Psychiater Deutschlands einer aussterbenden Zunft angehören. Vielleicht liegt ihre geringe Präsenz in der Öffentlichkeit auch daran, dass einflussreiche Kreise sie nicht zum Zuge kommen lassen. Es besteht nämlich kein Zweifel: Die meisten Politiker der Altparteien leben, sich selektiv asozial und aggressiv verhaltend, in einer Scheinwelt. Eigentlich müsste dieser Umstand für Seelenkundler ein dankenswertes Betätigungsfeld darstellen.

Wenn Realitätsverweigerung, Techniken der Verleumdung, Verschleierung und Diffamierung bei politisch Verantwortlichen vorliegen, dies alles im Dienste eines Machterhalts um jeden Preis, dann hätte für dieses objektiv nachweisbare Syndrom in einer verantwortungsbewussten Fernseh- und Mediendemokratie längst eine breite öffentliche Debatte zustande kommen müssen. Auch und gerade unter reger Beteiligung der oben erwähnten Berufsgruppe.

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Autor Hans-Joachim Maaz (74) ist einer der wenigen entsprechenden Fachwissenschaftler, die in den letzten Jahren mit einer Regierungs- und Parteienkritik in der Öffentlichkeit vernehmbar waren. Anfang letzten Jahres stellte er Folgendes fest:

Da ist die politische Klasse, die aus Gründen des Machterhalts (CDU) Kritik an der Kanzlerin dämpft, aber mit zehnminütigem Beifall bemüht ist, die Schwäche der Kanzlerin zu überklatschen, (jeder sollte mal versuchen, zehn Minuten zu applaudieren, um die Abnormität dieses Verhaltens zu erspüren) oder die SPD, die ihre eigene Regierungsposition nicht gefährden möchte oder … die eigene Ideologie („Multikulti“ bei den Grünen beziehungsweise die „soziale Ungerechtigkeit“ bei den Linken) nicht infrage stellen möchte.

So entsteht auch unter demokratischen Verhältnissen eine „narzisstische Normopathie“, die mit „Wir schaffen das!“ einen Größenwahn mehrheitlich akzeptiert, mit „Es gibt keine Obergrenze!“ die Realität verleugnet und mit abwertenden Diffamierungen aller Kritiker bemüht ist, diese zum Schweigen zu bringen.

Was die Scheinwelt infrage stellt, muß tabuisiert werden

In den aktuellen Koalitionsverhandlungen ist die „Obergrenze“ das alte neue Thema. Die einen haben sich angeblich darüber geeinigt, die anderen lehnen jede Begrenzung von „Zuwanderung“ ab. Und weiterhin gilt die Aussage von Maaz: „Notwendiges politisches Handeln wird durch falsche Argumente verhindert.“ (ebda.)

Schon gar nicht will man die Begrifflichkeiten klären. Wie wird bei dem veranschlagten Menschenkontingent von 200.000 unterschieden zwischen Asylsuchenden per se, Asylberechtigten, illegaler Migration, vielbeschworenen Opfern von Flucht und Vertreibung und aussichtsreichen Kandidaten für eine geregelte Einwanderung?

Wie lässt sich eine derartige willkürliche Zahl von 200.000 überhaupt rechtfertigen? Darf es auch deutlich weniger oder etwas mehr sein? Lässt sich ein mit der Zielvorgabe einhergehender Familiennachzug überschaubar gestalten oder sprengt er vielleicht völlig den Rahmen der anvisierten Obergrenze? Wie begründen diejenigen, die für eine unbegrenzte „Zuwanderung“ sind, im Detail ihre Position?

Was Maaz als persönlichkeitsgestörte „Normopathie“ bezeichnet, ist der zwanghafte, krankhafte Versuch, realitätsfremdes Denken und Handeln – teilweise mit höchstem moralischen Anspruch – als Normalzustand zu definieren und dauerhaft installieren zu wollen.

Horst Eberhard Richter (1923-2011), ein Mentor der bundesdeutschen Friedensbewegung, ebenfalls Psychoanalytiker sowie Sozialphilosoph und Autor zahlreicher Bücher, schrieb vor mehr als zehn Jahren:

„Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist. Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d. h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.“

(„Psychoanalyse und Politik“; Vorwort, 2003)

Nur allzu leicht unterliegen Denken und Handeln der meisten Politiker einer Taktik, die sie ins völlige Abseits manövriert. Ganz aktuell, gerade in der sogenannten Flüchtlingskrise, befinden sie sich ironischerweise auf einer ständigen Flucht, nämlich vor den politisch notwendigen Maßnahmen. Drohender Verlust von (verkraftbaren) Privilegien lässt viele zu rücksichtslosen Egoisten mutieren, denen Land und Leute egal sind. De facto scheren sie sich nicht darum, wie rasant sich die sozialen Verhältnisse der von ihnen Regierten verändern. Dennoch fordern, ja erzwingen sie als selbstgefällige Volksvertreter die Anpassung an ihre Vorgaben und die eigenen fragwürdigen Denkstrukturen: „Nimm einfach nicht wahr, was um dich herum geschieht, dann brauchst du auch nichts dagegen zu tun!“ Auf diese Weise verwandelt sich eine bedrohliche Situation in einen (scheinbaren) Normalzustand.

Ohne die von regierungskonformen Medien betriebene manipulative Einflussnahme, besonders die der öffentlich-rechtlichen, wäre es kaum denkbar, dass große Teile der Bevölkerung sich an diesem Irrsinn beteiligen.

 

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