Die Vorleserin

Foto: Bundesregierung
Foto: Bundesregierung

Angela Merkels spricht ja gerne direkt zum Volk, also per Bildschirm. Dazu hat sie einen Audio/Videopodcast, den sie auch auf youtube einspeist (Abrufzahlen unterirdisch): „Kanzlerin direkt“. Am 7. Oktober ließ sich die „Kaiserin Aller die hier leben“ anlässlich der Buchmesse in Frankfurt von Katrin Mirtschink, Inhaberin der Buchhandlung „Pankebuch“ in Berlin-Pankow interviewen.

Von Volker Kleinophorst

Dazu muss ich erst mal danke sagen. Danke liebe Bundesregierung, dass der Text zum Download vorliegt, man sich also nicht unbedingt das „Interview“ auch noch anhören muss. Reinhören reicht. Denn der monotone Merkel Sing Sang allein nervt ja schon, mit dem servilen Gefrage ist es gänzlich unerträglich. Frau Mirtschink, die schon viel Sachkompetenz zeigt, wenn sie die Digitalisierung als die zweite große Medienrevolution bezeichnet, als hätte es Radio, Fernsehen, Telefon und Internet nicht gegeben, fragt, wie Merkel es mag: „Literatur und Kunst leben von Austausch und Vielfalt. Welche Rolle kann Literatur Ihrer Meinung nach spielen in einem Europa , in dem nationalistische Kräfte erstarken.“ Das man so tut, als sei das ein journalistisches Format: dreist. Die Fragen kann man also schon mal vernachlässigen.

Aber was hat nun Angela Merkel zum Thema Buch zu sagen:

Lesen und damit auch Verstehen, das bedeutet natürlich einen Beitrag zur Völkerverständigung, zum Zusammenwachsen und auch zur Achtung von Unterschieden. Also Vielfalt ist nicht störend, sondern Vielfalt hilft auch, Stärke zu entwickeln.“

„Natürlich messe ich dem Lesen eine sehr, sehr große Bedeutung bei. Es bereichert, es erweitert den eigenen Horizont – und seit Kindheitstagen lese ich persönlich sehr gerne.“

„Wir achten und schätzen das Buch, aber auch die Buchhandlungen …die eben die Orte sind, an denen man auch Meinung bilden kann…“

Lesen, Schreiben, Rechnen sind die Dinge, die auch zukünftige und heutige Schülerinnen und Schüler brauchen. Und deshalb ist die Lesekompetenz von allergrößter Bedeutung. Und deshalb ist auch der Deutschunterricht von großer Bedeutung, der Literaturunterricht und zwar nicht nur für manche, sondern für alle.“

Was ich in dieser siebeneinhalb Minuten langen Ansammlung von Merkelismen vermisse? Ein Dank an die Buchhändler für die vorauseilende Zensur nicht hilfreicher Literatur und auch an die Medien, die Bestsellerlisten manipulieren, auf das man sich nicht etwa die falsche Meinung bildet. Oder an Amazon, die fleißig rausschmeißen, was verlangt wird. Und da sie ja auch so fürs Digitale ist: Danke Google, danke Facebook, das Meinungsfreiheit, die Freiheit ist, Merkels Meinung zu teilen.

Merkels eigene Lieblingsbücher: Jim Knopf und die Wilde 13 (Michael Ende), Max und Moritz (Wilhelm Busch), Emil und die Detektive (Erich Kästner), Krieg und Frieden (Leo Tolstoi) und Vierzig Jahre (Günter die Bruyn). Also drei Jugendbücher, einen Klassiker und eine DDR-Autobiografie eines Schriftstellers.

Falls Frau Merkel mal Lust hat, mal etwas Neues zu lesen, hier eine paar Tipps, was man „in diesen Zeiten“ so lesen könnte. Zuerst die „Nicht Hilfreichen“:

Thorsten Schulte, Kontrollverlust: Wer uns bedroht und wie wir uns schützen. Der Bestseller wird sowohl aus der Spiegelbestsellerliste, als auch aus den Bestsellerwänden des Buchhandels entfernt.

Rolf Peter Sieferle Finis Germania und Das Migrationsproblem. Auch Sieferle hat ja mit „Spiegel-Bestsellerliste Problemen“, was aber die Auflage wohl eher nach oben getrieben hat.

Alles von Akif Pirincci besonders: Der Übergang, Die Umvolkung, Deutschland von Sinnen und falls man mal wieder zurück ins Jahr 2015 muss, um Fehler zu korrigieren: Die Damalstür. Gibt es zur Zeit nur gebraucht (Medimops, Amazon), da auch die belletristischen Bücher des verfemte Autors ja nicht mehr ausgeliefert werden, weil man ihn wirtschaftlich zerstören möchte..

Stefan Schubert, No-Go-Areas, Platz 3 Spiegelbestellerliste

Alles von Udo Ulfkotte, unbedingt Mekka Deutschland, Die Asylindustrie und Grenzenlos kriminell (zusammen mit Stefan Schubert)

Auch die „nicht hilfreichen“ Bücher von Thilo Sarrazin besonders Wunschdenken und Deutschland schafft sich ab

Markus Vahlefeld, Mal eben kurz die Welt retten

Michel Houllebecq, Unterwerfung

Jean Raspail Heerlager der Heiligen

Jelena Tschdinowa Die Moschee Notre-Dame

Und falls Merkel sich mal fragt, was rede ich da eigentlich? Manfred Kleine-Hartlage, Die Sprache der BRD, 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung.

Jugendbücher scheinen Merkel ja zu liegen. Ein Blick in Gesamtwerk von Mark Twain ist für sie sicher erhellend. Hier nur ein Zitat aus Bummel durch Europa: „Ich fange am falschen Ende an, das muss so sein, denn das ist die deutsche Idee.“ Könnte sie sich doch auf ein Kissen sticken lassen.

Merkels Lieblingsfilm sei übrigens „Jenseits von Afrika“, weiß das Internet.

Je länger ich an der Stelle über eine Pointe nachdenke, komm ich dazu: Das ist die Pointe.

Zu diesem Merkel-Geschwafel passt noch eine aktuelle Meldung, die belegt, dass die Bundeskanzlerin im Wolkenkuckucksheim lebt und von der Realität keine Ahnung mehr hat:

Kulturgut Lesen vom Aussterben bedroht“

Kurz vor der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg vor einem Aussterben des „Kulturgutes Lesen“ gewarnt. „Uns allen brechen die Leser weg. Noch 2012 hat sich jeder Mensch hierzulande statistisch gesehen mindestens einmal pro Jahr ein Buch gekauft. Diese Reichweite hat sich praktisch halbiert“, sagte Lovenberg dem „Handelsblatt“ (Montagsausgabe). Es gehe „gar nicht mehr so sehr um die Frage Papier oder digital, sondern um die Vermittlung von Inhalten, von Wissen generell“. Das Buch verlange „einen Leser, der bereit ist, sich in einen Stoff zu versenken“.
Dagegen spreche heute schon der chronische Druck, „dem jeder von uns unterliegt, alle zehn Minuten Mails und Messages checken zu müssen“. Smartphones lockten die Menschen „in eine Abhängigkeit bis hin zur Sucht“, so Lovenberg. „Insofern müssten wir Verlage da eigentlich eine viel größere Allianz schmieden.“

Auf die Frage, ob die Digitalisierung nicht auch helfen könnte, warnte Lovenberg vor zu viel Optimismus: „Ganz ehrlich: In den vergangenen Jahren haben viele Verlage in digitale Geschäftsfelder Unsummen von Geld investiert, das sie eher nicht mehr wiedersehen werden. Und diese Erkenntnis ereilt uns zu einem Zeitpunkt, da wir merken: Käufer und Leser kommen uns in erschreckendem Maß abhanden“, so die Verlagschefin. „Uns geht es also nicht mehr so sehr um die Frage: Auf welchen Kanälen wollen die Leute lesen? Das bedienen wir alles. Es geht vielmehr darum, das Kulturgut Lesen vorm Aussterben zu bewahren.“ Lovenberg, die bis 2016 Literatur-Chefin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ war, sieht aber auch in der deutschen Literaturkritik keine Hilfe: „Sie gefällt sich oft in einer Nische. Nur: Wenn drum herum nichts mehr ist, verschwindet auch die Nische irgendwann.“ Ebenso kritisierte sie das Prozedere des Deutschen Buchpreises: „Dort werden – anders als beim großen Vorbild, dem britischen Booker Prize – oft vor allem schwergängige Werke nominiert. Schon die Shortlist ist dann so anspruchsvoll, dass viele Buchhändler die Titel kaum mehr bestellen, weil sie dafür kaum Käufer finden.“ Lovenbergs Fazit: „Kein Land vergibt so viele Literaturpreise wie Deutschland – und schafft es dabei so ausdauernd, den Lesern die Freude zu verderben.“ (dts)

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