Ist die AfD antisemitisch?

Seit dem Wahlsieg der AfD werden die deutschen Medien und offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde nicht müde vor einem Erstarken des Antisemitismus zu warnen. Doch viele deutsche Juden fühlen sich ausgerechnet in der angeblichen Nazi-Partei wohl.

Von Collin McMahon

„Ich habe … das Gefühl, dass die AfD keine Hemmungen hätte, auch gegen jüdische Menschen zu hetzen, wenn es opportun wäre,“ sagte der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster im Juli in der ZEIT ohne Nennung von Gründen. Der Deutschlandfunk konnte sich gar nicht entscheiden: „Jüdische Wähler: Sympathien gegenüber der AfD“, schrieben die Staatsfunker am 21.9., nach dem Wahlsieg am 24.9. hieß es „Bundestagswahl – Juden äußern Besorgnis über AfD-Wahlerfolg“. Ja, was denn nun?

Frauke Petry hatte im April die AfD als „einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland“ bezeichnet, die AfD hatte im Wahlkampf gezielt um jüdische Mitglieder geworben.

Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der als Student einst Marxist und Maoist gewesen war, hatte in seinem 2012 erschienenen Buch „Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“ das Judentum als „der vormals innere geistige Feind des Abendlandes“ und einen „dominierenden Machtfaktor“ bezeichnet und kurzzeitig eine Spaltung der Fraktion um Jörg Meuthen herbeigeführt.

Henryk M. Broder als „Mobiles Mahnmal“ Quelle: YouTube / Screenshot
Henryk M. Broder als „Mobiles Mahnmal“ Quelle: YouTube / Screenshot

Björn Höcke hatte das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Aber auch prominente jüdische Kommentatoren wie Henryk M. Broder haben sich jedoch immer wieder kritisch zum Stelenfeld in Berlin-Tiergarten geäußert: „Das einzige wirkliche „Verdienst“, das man dem Denkmal zuschreiben kann, ist: Es zentralisiert das Gedenken und zieht einen tonnenschweren Schlussstrich unter die Erinnerung. Es dient der kollektiven Entlastung, nicht der individuellen Gewissensprüfung“, so Broder 2010 im Spiegel.

Wenn man alle heimlichen Antisemiten und zwanghaften „Israel-Kritiker“ aus den Fraktionen der Linken, Grünen und SPD ausschließen würde, würde es im Bundestag vermutlich sehr leer werden. Ohne israelfeindliche „Nahostexperten“ wie Michael Lüders und Jürgen Todenhöfer würde die Tagesschau deutlich kürzer ausfallen. Alle großen antisemitischen Terroranschläge in Deutschland, von der Münchener Synagoge 1970 über das Olympiaattentat 1972 bis Mogadischu 1977 waren linksradikalen Ursprungs. Das Problem des Antisemitismus hat die AfD sicher nicht für sich gepachtet, auch die FDP mit Jürgen Möllemann und die ehemals konservative CDU haben damit zu kämpfen.

Gibt es in der AfD nun Antisemiten? Gibt es Juden? Wir fragten den Blogger Gerd Buurmann (FDP), der in seinem Blog Tapfer im Nirgendwo und der Jüdischen Rundschau häufig zum Thema Israel und Judentum schreibt: „Die Frage zeugt schon von der gewissen Hysterie, die gerade in Deutschland herrscht. Denn die Antwort ist ganz einfach. Natürlich gibt es in der AfD Antisemitismus, denn Antisemitismus gibt es überall, auch bei der CDU, der FDP, der SPD, den Grünen, den Linken, eben überall. Genauso ist die zweite Antwort leicht zu geben: Natürlich gibt es in der AfD auch Juden. Juden sind nicht besser oder schlechter als alle anderen Menschen. Ich würde mal schätzen, dass unter all den Juden ebenfalls umgerechnet 12,6 % AfD gewählt haben.“

Die Europaabgeordnete Beatrix von Storch (AfD) ist Mitbegründerin der „Freunde von Judea und Samaria im Europaparlament“, das sich gegen die Finanzierung palästinenischer Terroristen durch EU-Gelder und gegen den Boykott israelischer Waren einsetzt. „Judea und Samaria“ ist der Begriff, der in pro-Israel-Kreisen für das „Westjordanland“ verwendet wird. In der Tagesschau würde man vermutlich „die besetzten Gebiete“ sagen. Ko-Leiter der „Freunde von Judea und Samaria“ ist Yossi Dagan, Vorsitzender des Gemeiderats Samaria, in Tagesschau-Deutsch also ein „Siedler“ in einem Gebiet, das seit 3000 Jahren von Juden besiedelt ist. Das EU-Parlament ist sonst eher dafür bekannt, Boykottforderungen gegen die einzige Demokratie im Mittleren Osten zu stellen und palästinensische Terroristen wie Leila Chaled einzuladen.

„Aus historischen und kulturellen Gründen werden wir immer gute Beziehungen und enge Zusammenarbeit mit Israel suchen“, zitiert die Jerusalem Post Beatrix von Storch. „Antisemitismus und Antizionismus sind in der islamischen Gemeinde und der Linken am stärksten ausgeprägt. Beide lehnen die grundlegende Bedeutung der jüdisch-christlichen Kultur für die europäische Zivilisation ab. Wir (die AfD) erkennen die Bedrohung, die sie für Israel und die jüdische Gemeinde in Deutschland darstellen. Deren Sicherheit hat für uns sehr hohe Priorität“, so von Storch in der Jerusalem Post. „Israel könnte ein Vorbild für Deutschland sein. Israel ist eine Demokratie mit einer freien, pluralistischen Gesellschaft, die versucht ihre einzigartige Kultur und Traditionen zu bewahren. Das sollte auch für Deutschland und jede andere Nation möglich sein.“ Sieht so also die „antisemitische“ AfD aus?

Viele Juden in Deutschland unterstützen die AfD, weil sie die unregulierte Masseneinwanderung militanter, antisemitischer junger Moslems fürchten, in ein Land das gerade dabei war wieder eine blühende jüdische Kultur zu entwickeln. „Ich war schon seit 2015 gegen die unkontrollierte und völlig illegale Masseneinwanderung“, sagt uns ein junger jüdischer Facebook-Aktivist, der aus Angst um seinen Job nicht genannt werden will, „weil ich genau weiß was das bedeutet. Nur die „deutschen Gutmenschen“ scheinen es nicht zu kapieren. Deshalb unterstütze ich die AfD, weil sie die einzige Partei ist, die die Bedrohung erkannt hat. Ich bin da nicht alleine – viele Juden fühlen sich heutzutage in Deutschland bedroht. Die haben nur Angst das zu sagen, weil sie sonst als Nazis beschimpft werden. Es ist völlig absurd.“

Am Wochenende beging die jüdische Gemeinde in Deutschland Jom Kippur, den höchsten Feiertag im jüdischen Kalender, mit 25 Stunden Fasten und Beten in der Synagoge. Unser Gesprächspartner gibt uns den traditionellen Gruß mit auf den Weg: „Mögest du im Buch des Lebens besiegelt sein“, denn an Jom Kippur führt Gott eine Liste der Rechtschaffenen, die in den Himmel kommen. Manche davon kommen auch in den Bundestag.“

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Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump. Bei Verlagsinteresse bitte Zuschrift.

 

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