FDP: Lindners Selbstgespräche

Der Seher (Foto: FDP-Wahlplakat)

Christian Lindner, Dressman der FDP, hat letzten Mittwoch, zwei Tage nach der Wahl, der „Welt“ ein Interview gegeben, welches hinter einer Paywall versteckt wurde. Betitelt war die Veröffentlichung mit: „Ganz offensichtlich brodelt es im Land.“ Eine Medienkritik.

von Max Erdinger

Ist es nicht schön, in einer Demokratie zu leben, in der eine freie, unabhängige Presse demütigen Volksvertretern ohne jede Schüchternheit freche Fragen stellt? – Doch, ist es.  Deswegen ist es auch gar nicht schön, in keiner Demokratie zu leben, wo eine unfreie und abhängige Presse impertinenten Volksvertretern artige Fragen stellt. Genau das ist aber mit diesem Lindner-Interview in der Welt vorgekommen. Wie ärgerlich.

Wer interviewte wen? Journalisten den Politiker? So sollte es aussehen. Deshalb erfuhr man mit keinem Wort, um wen es sich bei den beiden Journalisten handelte, die Christian Lindner für die höchst unabhängige Welt so irre kritisch interviewt haben. Es waren zwei „Welt“ – Mitarbeiter , Adrian Arab und Thorsten Jungholt. Arab war früher Sprecher der FDP im nordrhein-westfälischen Jugend-Landtag. Letztes Jahr ist er studentischer Mitarbeiter von Christian Lindner gewesen. Der „Welt“ selbst ist diese Information keine Zeile wert. Womöglich könnte sie bei Teilen der Leserschaft zu Verunsicherung führen.

Daß Lindners Ehefrau, Dagmar Rosenfeld, stellvertretende Chefredakteurin bei der „Welt“ ist, darf man inzwischen als Gemeinwissen unterstellen, weswegen die Nichterwähnung dieses Sachverhalts als lässliche Sünde durchgeht.

So viel ist jedenfalls offensichtlich: Christian Lindner ist ein wahrer Tausendsassa, wenn er es schafft, sich in der „Welt“ der Kanzlerfreundin Friede Springer und der seiner eigenen Frau von einem eigenen Mitarbeiter interviewen zu lassen, obwohl die Kanzlerin ernsthaft befürchten muß, Lindner würde sie, wie angekündigt, vor einen parlamentarischen „Untersuchungsausschuß Merkel“ zerren.

Ob Tausendsassa oder nicht: Mir sind schon seit langem diese Lindner-Fotos verdächtig. Ich glaube, es gibt keinen anderen Politiker, der so stylish in Szene gesetzt wird. Auch bei diesem Welt-Interview wieder: Lindner blickt dem Leser nicht in die Augen, auch ist er nicht mit seinen Interviewpartnern in der Runde abgebildet, sondern er ist mehr aus dem Verborgenen, aus der Voyeursposition heraus fotografiert wie ein Prophet, der mit der Vorsehung auf Du & Du ist. Im Bild ist Lindner nicht Teil von etwas, er wendet sich auch nicht direkt uns zu, sondern wir betrachten ihn dabei, wie er seinen Blick in die Zukunft schweifen lässt. Ich finde diese Art der Inszenierung Lindners höchst verdächtig. Da wird gerade eine ganze Partei auf eine einzige Person zugeschnitten. Wenn Lindner nicht Politiker sondern FDP-Maler wäre, könnte man fast von einem Dürerprinzip reden.

Aber ich bin schon seit langem davon überzeugt, daß Lindner ein Produkt ist, eine (Identifikations) – Figur, die zielbewußt aufgebaut wird, keinesfalls aber eine authentische Politikerpersönlichkeit. Ich halte ihn für eine „Monstranz des Systems“, ähnlich wie Macron in Frankreich und Kurz in Österreich. Alle drei jung, alle drei mit „Parteien“ im Hintergrund, die entweder keine Partei mehr, sondern „Bewegung“ (En marche!) sind, oder aber als Partei dermaßen kastriert wurden (ÖVP/Liste Sebastian Kurz), daß sie an ihrer Dürerpersönlichkeit hängen wie der Junkie an der Nadel. Das sind keine Volksvertreter im herkömmlichen Sinn mehr, sondern Angestellte einer Agenda, denen die Aufgabe zufallen soll, das Zusammenleben riesiger Menschenmassen in geographisch umrissenen Gebieten auf lange Sicht zu managen. Bei diesen Politentertainern ist Demokratie nur noch die unerlässliche Fassade, hinter der sie ihre Ränke schmieden können. Gebe der Herr, daß ich mich getäuscht habe.

Zum Schluß noch ein Schmankerl aus dem Interview, die „Mutter aller kritischen Fragen“ sozusagen – Zitat: „Haben Sie Angst vor der eigenen Courage?“ – kleine Lachpause. Pause … immer noch Pause … Pause zu Ende.

Ja, das ist einfach zu lächerlich. Hier geht es nicht darum, ob Lindner „Angst“ hat. Das ist nur eine vorgeschobene Frage, die Lindners stylish-neumaskulines Sensibelchentum recht zeitgeistkompatibel herausstreichen soll. Und das auch nur nebenbei. Im Kern geht es darum, die Aussage zu transportieren: „Lindner hat Courage.“ Zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen, die wie ein Fragezeichen aussieht, das ist alles. Auf so etwas kann man doch nicht reinfallen, Leute! Das darf doch alles nicht mehr wahr sein …

 

 

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