Nach Spanien kehrt der Bürgerkrieg zurück

(Bild:Assemblea.cat; Via2014_LILLA_46; CC BY-NC 2.0: siehe Link)
Katalanen gehen für ihre Unabhängigkeit auf die Strasse (Bild:Assemblea.cat; Via2014_LILLA_46; CC BY-NC 2.0: siehe Link)

Katalanien hatte sich bereits vor über hundert Jahren mental aus Spanien verabschiedet. Während im spanischen Kernland noch um 1900 ein manchmal etwas zu stringenter und in sich gekehrter Traditionalismus herrschte, wurde Katalanien, insbesondere die Industriestädte an der Küste, von der europäischen Jugendbewegung erfaßt. Die von der Vereinigung Jove Catalunya (‚Junges Katalanien‘) herausgegebene Zeitschrift La Renaixença gab der zunächst kulturell-literarischen Bewegung den Namen. Besonders augenfällig für den Touri ist diese Eigenständigkeit heutzutage noch an der Architekturkulisse der Jahrhundertwende in Barcelona ablesbar.

Von Wolfgang Prabel

Diese lebensreformerische Bewegung, die vor allem Deutschland, Österreich, Rußland, Frankreich, Belgien und Norditalien erfaßte, wird in der Kunstgeschichte der Moderne zugerechnet, sie hatte jedoch auch ihre politischen Schatten- und Kehrseiten.  Es war eine Zeit der Gewalt- und Kriegsverherrlichung, des Bluts und des Bodens, des Elitarismus und des spiegelbildlichen Antidemokratismus, der Naturvergötzung, des aggressiven Atheismus, der diesseitigen Heilserwartungen sowie der politischen und kulturellen Erlösungssysteme. Nicht zufällig wurden fast alle von der Kulturrevolution betroffenen Regionen ab den zwanziger bzw. dreißiger Jahren totalitär regiert. Die elitäre Kultur war der Vorläufer autoritärer Machtzelebrierung, ob in Italien, Rußland oder Deutschland.

Der reformistische Fluch der dreißiger Jahre ging auch an Katalanien nicht vorbei. Bei der Wahl der aus verschiedenen politischen Strömungen zusammengesetzten Volksfrontregierung 1936 waren die katalanischen Stimmen entscheidend. George Orwell hat die anarchistische Revolution und die Entwicklung des anschließenden Bürgerkriegs in Spanien als Augenzeuge in seinem Buch „Mein Katalanien“ sicher etwas durch die rosarote Brille und mit nahezu kindlicher Begeisterung beschrieben:

Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig, aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, dass man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, dass die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich.

Als Mitglied der linken, von den Stalinisten als trotzkistisch diffamierten POUM, kämpfte er auf Seiten der Volksfront, bis die Moskauer Kommissare mit der Ausrottung konkurrierender linker Gruppen begannen. Orwell konnte vor den Häschern Stalins mit knapper Not nach England entkommen und wurde Antikommunist.

Wikipedia beschreibt den Kampf zwischen Anarchisten und Stalinisten:

Kommunisten und „Liberale“ auf der republikanischen Seite trugen in erheblichem Maße dazu bei, die anarchistische Revolution zu zerstören. Ein Kommunist proklamierte hart in einem Interview, dass Kommunisten „nach der Vertreibung Francos kurzen Prozess mit den Anarchisten machen werden“. Ihre Anstrengungen zur Schwächung der Revolution waren schlussendlich erfolgreich: Die Hierarchie wurde in vielen der kollektivierten Zonen teilweise wiederhergestellt, und die Macht wurde den Arbeitern und Gewerkschaften entrissen, um durch die „Volksfront“ monopolisiert zu werden. (…) Bei dem Ereignis, das später unter dem Namen Maiereignisse bekannt wurde, gab es die dramatischste Unterdrückung gegen die Anarchisten im Mai 1937. Kommunistisch geführte Polizeikräfte versuchten ein CNT-geführtes Telefongebäude in Barcelona zu nehmen. Die Telefonarbeiter kämpften, errichteten Barrikaden und umzingelten die kommunistischen „Lenin-Baracken“. Fünf Tage Straßenkampf fordert 500 Tote. Diese tragische Serie von Ereignissen demoralisierte die Arbeiter von Barcelona.

Am wichtigsten vielleicht waren die Maßnahmen zur Zerstörung der Milizen, die die Kriegsanstrengungen in Geist und Handlung trugen. Die Milizen wurden teilweise für illegal erklärt und technisch verschmolzen mit der republikanischen Armee. Dies hatte die Auswirkung einer Demoralisierung der Soldaten, und es war eine Beraubung um das, wofür sie ultimativ gekämpft hatten: nicht für die Sowjetunion, sondern für sich und die Freiheit.

Das von Moskau unterwanderte und zuletzt innerlich zerstrittene und durch Tötung der Anarchisten geschwächte Volksfrontregime brach unter dem Ansturm konservativer spanischer Kräfte um General Franco zusammen.

Soweit ein Blick in die Geschichte der anarchistischen katalanischen Revolution von 1936 bis 1937. Unsere Lügenmedien machen aus den Unabhängigkeitsbestrebungen eine eindimensionale Neidgeschichte. Die Katalanen wöllten das in ihrer Heimat erwirtschaftete Geld selbst behalten, statt es in Madrid abzuliefern. Die geschichtliche und kulturelle Dimension des Referendums wird uns verschwiegen. Aber wenn die Lügenmedien nicht lügen würden, wären es ja keine Lügenmedien.

Es folgte nach dem Sieg Francos in ganz Spanien eine korporatistische Rechtsregierung, die bis 1975 andauerte und mit der Unterdrückung des katalanischen Nationalismus und der katalanischen Sprache einherging. Nach der Demokratisierung erkämpften sich die Katalanen einige Autonomierechte. So wie die Sachsen immer das wählen, was die Berliner ärgert – in der konservativen Kaiserzeit war Sachsen die rote Hochburg, in der dunkelgrünen Berliner Republik, ist Sachsen blau geworden – so taten das auch die Katalanen. Während der sozialistischen Regierungen in Madrid wählten sie bürgerlich, seitdem die Volkspartei an der Macht ist, entschieden sie sich für die Linksnationalisten.

Für unsere gehirngewaschenen „Euliten“ ist das alles unübersichtlich: In ihrem simplen Weltbild gibt es normalerweise nur Nationalismus von Rechten. In Katalanien ist er jedoch traditionell eher links oder er ist anarchistisch, sowohl heute wie im spanischen Bürgerkrieg.

Man muß die katalanische Linke nicht unbedingt lieben. Es ist jedoch sinnvoll sie in einen historischen Kontext einzuordnen. Und das Selbstbestimmungerecht der Völker sollte man respektieren. Der spanische Zentralstaat stellt sich beim angesetzten Referendum mit Polizeigewalt gegen den Souverän, das Volk. Eine Volksabstimmung ist das demokratische Hochamt. Wer es nicht mag, ist definitiv kein Demokrat.
Wenn Spanien sich nicht mehr zu demokratischen Prinzipien bekennt, sollte es aus der EU ausgeschlossen werden. Die EU ist doch eine Wertegemeinschaft? Oder nicht?

Mal sehen, wie die selbsternannten Hüter der westlichen Freiheit – Merkel, Lindner, Özdemir, Schulz – mit der Problematik umgehen.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...