Der Tag an dem Deutschland souverän wurde

Jubelnde Revolutionäre am 18. März 1848 in der Breiten Straße in Berlin Quelle: Wikipedia
Jubelnde Revolutionäre am 18. März 1848 in der Breiten Straße in Berlin Quelle: Wikipedia

„Deutschland ist nicht souverän.“ Diese Behauptung hört man immer wieder aus rechten wie linken Kreisen in Deutschland. Für einen Amerikaner wie mich ist das sehr schwer nachzuvollziehen. Es klingt wie ein pubertierender Teenager, der sich beklagt, weil er zuhause wohnt. „Ja, dann zieht halt aus, zefix!“ denkt sich der Vater. „Werde erwachsen! Werdet souverän!“

von Collin McMahon

„Die letzte und erste Instanz demokratischer Souveränität ist das Volk. Der Bundestag ist seine ständige Vertretung. Wir, die Mitglieder des Bundestages, haben unser Mandat als Lehen der Bürger empfangen, und so haben wir es wahrzunehmen. Unser Auftrag ist auf Zeit erteilt.“

Alterspräsident Willy Brandt in der ersten Sitzung des 10. Bundestages am 29. März 1983, der ersten Sitzung, nachdem die GRÜNEN es mit 5,5 % (!) in den Bundestag geschafft hatten (Dank an Steffi Schloe)

Ich bin als Amerikaner in Deutschland groß geworden. Ich fühle mich diesem Land genauso verbunden wie dem Land, das meinen Pass ausstellt. Und doch gibt es einige deutsche Angewohnheiten, die mich als Amerikaner zutiefst verstören und beunruhigen. Die eine ist, wie oft man in Deutschland schlaue und sympathische Menschen trifft, die aber die Demokratie in Frage stellen – vielleicht weil sie als von außen aufgestülpt wahrgenommen wird – als gäbe es eigentlich ein viel besseres System, nach dem man regiert werden könnte. Was das ist, kann mir leider keiner sagen. Ich antworte dann immer mit dem berühmten Churchill-Spruch, „Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – außer allen anderen.“

Die andere zutiefst befremdliche Überzeugung der Teutonen ist jene, wonach Deutschland gar keine Souveränität besitze, jüngst aufgefrischt von Reichsbürgern und anderen wunderlichen, Miraculix-artigen Wesen, die man auch auf einer Cosplay-Konferenz vermuten könnte. Ähnliches hört man aber auch von schlauen linken Köpfen wie Gregor Gysi, der noch 2013 allen Ernstes behauptet hat, der Besatzungsstatut gelte immer noch weiter.

Ich bin unter diesem „Besatzungstatut“ groß geworden, wir nannten es Status of Forces Agreement, und er sorgte dafür, dass ich mit 16 Jahren unbelästigt nach Ostberlin rein- und wieder rausspazieren durfte und mit 17 so manch ein Strafzettel, der sonst wegen angetrunkenem 80er-Fahren im Naturschutzgebiet angefallen wäre, nie ausgestellt wurde. Aber seid versichert, lieber Herr Mannheimer, dieses Besatzungsstatut ist am 15.3.1991 vom Zwei-Plus-Vier Vertrag aufgehoben worden und Deutschland hat seine Souveränität wieder. Margaret Thatcher und François Mitterrand waren damals strikt dagegen, weil sie ein von Deutschland dominiertes Europa fürchteten. Absurd, gell?

Nur die Deutschen scheinen das nicht begriffen zu haben.

Wir Amerikaner haben uns unsere Souveränität genommen, am Tag als ein paar wütende Kolonisten sich als Rothäute verkleidet haben und – als eine dieser viel diskutierten False Flag Attacken – den hochverzollten Tee des Königs in den Hafen von Boston gekippt haben. Es war der 16. 12.1773. Zweieinhalb Jahre später, am 4. Juli 1776, haben ein paar tote weiße cis-hetero-Patriarchen in einem Saal in Philadelphia auf ein Stück Papier geschrieben: „Wenn es im Laufe der menschlichen Ereignisse notwendig wird, dass ein Volke die Bande löst, die es mit einem anderen Volk verbunden haben um unter den Mächten der Erde jene Stellung einzunehmen, die ihnen die Gesetze Gottes und der Natur zuteil werden lässt, verlangt es die Achtung vor den Ansichten der Menschheit, dass sie ihre Gründe hierfür darlegen…“

Ähnlich erging es den Engländern 90 Jahre zuvor, als sie in der Glorreichen Revolution von 1688 König Jakob II. vom Thron stießen, und ebenfalls auf einem Stück Papier die Rechte und Pflichten von weißen cis-hetero-Patriarchen festhielten. Oder den Franzosen 13 Jahre später , als sie am 14.7.1789 die Bastille stürmten und jede Menge Rechte festhielten und Köpfe abschnitten.

Souveränität bekommt man nicht von irgendeinem Amt zugeteilt, Leute. Nicht von der UNO, der EU oder irgendwelchen ominösen Besatzermächten. (Als würden die Deutschen so auf Trump und die USA hören. Klar.)

Souveränität nimmt man sich.

Das ist die Definition, verdammt.

Es gab verschiedene Anläufe der Deutschen, souverän zu werden. 1817 auf der Wartburg, bei der Märzrevolution 1848, 1871 in Versailles, 1919 bei der Novemberrevolution und – unter einem düsteren Stern – 1923 und 1933 durch die Nazis.

Vielleicht haben die Deutschen die Revolution einfach nicht im Blut. Wie Lenin schon sagte, „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen sie sich erst eine Bahnsteigkarte!“

Aber ich glaube das nicht. Es gab in Deutschland genug Revolutionen, nur mit bisher mäßigem Erfolg. Mittlerweile gibt es in Deutschland sogar Berufsrevolutionäre, nicht nur in der Rigaer Straße, der Roten Flora oder dem Kafe Marat, sondern in den Lehrerzimmern, Kulturreferaten und Gender-Studies-Fakultäten. Deutschland kann Revolution, da bin ich mir sicher. Ihr müsst es nur machen.

Und nun sprecht mir nach: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Der 24.9.2017 ist der Tag, an dem Deutschland souverän wird!

Nimm es dir, Deutschland! Nur du hast es in der Hand!

Werdet souverän!

Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump. Bei Verlagsinteresse bitte Zuschrift.

 

 

 

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