Merkel bei Freunden zu Haus

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Wenn die Kanzlerin redet wird es dunkel (Foto: Autor)

Ihre Wahlkampftour führt Angela Merkel in die Stadt, in der sie aufgewachsen wäre, wenn ihr Vater der „rote Kasner“ sie nicht als Baby in die DDR verschleppt hätte. Hamburg. Der Protest muss draußen bleiben, seit Merkel lieber in Hallen zu ihren Gläubigen spricht.

Von Volker Kleinophorst

Angela Merkel im Wahlkampfendspurt, das ist erst einmal so was von unspektakulär, das man sich fragt, was man schreiben soll. Sie redet, wie sie redet und auch der härteste Fan fällt schnell in so eine Art Zuhör-Koma, das mich an die Reden früherer Arbeitgeber auf den Weihnachtsfeiern erinnert. Genau wie ich mich damals immer fragte, in was für einer Firma unsere Chefs wohl arbeiteten, frage ich mich: In welchem Land lebt Angela Merkel? Jedenfalls nicht in dem vor der Tür, wo sich eine überschaubare Anzahl von Kritikern eingefunden hat, die sie mit einem Halbsatz abqualifiziert. Seit Merkel „witterungsbedingt“ in Hallen ausweicht, hat die Zahl der Protestler abgenommen. Rein kommen sie eh nicht und draußen vor einer Halle eine Videoleinwand anzupfeifen, bringt es ja auch nicht so. Dennoch sind sie gut zu hören.

Dabei ist reinkommen easy. Ein Kollege und ich hatten Visitenkarten und einen abgelaufenen Presseausweis. Man braucht den sonst eigentlich nie. Akkreditiert waren wir nicht. Wir wurden dann drinnen mit Personalausweis überprüft, also einer rief an, ob wir wirklich Journalisten seien. Dann war alles in Ordnung und wir durften rein. Ich schätze die haben uns einfach gegoogelt.

Hier möchte ich mal was zum Thema Sicherheit sagen. Erst hieß es, die Kamera müsse überprüft werden. Da war ein bisschen Gedränge, plötzlich war man auch so drin. Niemand hat einen abgetastet. Ich kam bis auf drei Meter an die Bühne, konnte mich frei bewegen, ging raus und rein. Jeder der ein paar Krimis gesehen hat, hätte da wohl Ideen. Natürlich war viel Polizei da, sicher auch in Zivil. Aber hinter mir stand eine Polizisten, die mir auffiel, weil sie so martialisch guckte. Ich hielt sie erst für eine Kollegin. Um ihren Anstecker Polizei auf der Jacke zu sehen, musste ich mein Haupt ziemlich senken. Ich wusste nicht, dass es so kleine Polizisten gibt.

Draußen ein Schild: Garderobenzwang. Mantel und Taschen abgeben. Rucksäcke sind ja eh aus der Mode. Ein muslimischer Langmantel ist aber wohl kein Mantel, denn in so einem habe ich zwei Zuschauerinnen gesehen. Die waren allerdings schon weiter von der Bühne weg, als Edel-Fans mit Sitzplatz und Presse.

Drinnen ist es voll, wobei die ersten Reihen hingekarrt wirken, ausgestattet mit viel Fan-Material. Damit man die Bilder hat, die man braucht. Die Fischauktionshalle ist voll. 3000 Leute. Eine Anheizer-Band macht Stimmung. Die örtlichen CDU-Kandidaten zwei Milchtüten und zwei vom alten Schrot und Korn durften mit eigene Worten darstellen, welche der Merkelschen Lieblingsthemen ihnen denn am wichtigsten sind: Digitalisierung, Elbvertiefung, Familie, Elbvertiefung und ganz wichtig: Digitalisierung. Und, weil nur da geklatscht wird: Die Familien nicht vergessen!

Dann kommt die Maus. Plötzlich ist Merkel auf der Bühne, stellt sich dazu und geht auch gleich ganz lokal auf die Elbvertiefung zu, denn sie spricht ja „des Öfteren“ mit dem Präsidenten von Panama. Die Elbvertiefung müsse kommen, sonst kommen die großen Schiffe nicht mehr nach Hamburg. Diese bescheidene Großmannssucht. Da ist sie jedem Mann überlegen. Kein „Ich bin die mächtigste Frau der Welt“ sondern eine unterschwellige Denkhilfe. Ach kuck die Merkel.

Das mit der Geburtsstadt kommt ihr allerdings langsam zu den Ohren raus, hat sie wohl ein paar Mal zu oft gehört. Nun ist sie ja eh nicht der emotionalsten eine. Wärme kommt bei ihr auch aus dem Heizkörper. Aber das ihr das was bedeutet, kann sie nicht mal simulieren.

Am Rednerpult dann das Übliche: Ein Merkel ist der kürzeste Abstand zwischen zwei Floskeln. Stimmung kommt selten auf, weil sie keine macht.

Dennoch ist sie zufrieden mit ihrer Arbeit. Die Arbeitslosenzahlen hat sie gesenkt. Europa auf Kurs gehalten. Steuererhöhungen nach der Wahl wird es mit ihr nicht geben. Keiner lacht. Auch nicht, als sie Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen verspricht. Dann wird es wieder echt Merkel. Landwirte sollen Land zur Verfügung stellen, damit Wohnraum entstehen kann. Für wen sie den braucht, sagt sie aber nicht. G 20 ein lokales Hamburger Problem, da möchte sie sich nicht einmischen. Alle Staatschefs hätten ihr gesagt, wie toll es war.

Die Arbeitslosigkeit, die Merkel ja halbiert hat, wird sie noch mal halbieren. Man ist also mit den statistischen Tricks noch nicht am Ende, die hier Vollbeschäftigung simulieren sollen.

Doch dann wird es ernst. „Viele technische Neuerungen kommen nicht mehr aus Europa“, hat sie erkannt. Wie sie das ändern will. Höchstwahrscheinlich hat sie einen Plan.

Und so schwurbelt es weiter. 2015 wird sich nicht wiederholen, verspricht sie. Wir hätten halt ein „Rendezvous mit der Globalisierung“ gehabt, denn die Menschen würden sehen, wie wir leben und wollen das auch. Aber Flüchtlinge müssten begreifen, Gewalt dürfen in der BRD nur einige Rechtsorgane ausüben. Und Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

Und was macht uns aus als Deutsche? Das Grundgesetz. In der Nationalhymne heiß es „Einigkeit und Recht und Freiheit“ Einigkeit aber baut auf Vielfalt auf, Hamburger hier Bayer dort usw. jeder hat eine Geschichte. Es gibt ganz viele Wurzeln. Und diese Vielfalt sei Deutschland. „All das pflegen wir auf kommunaler Ebene, zum Beispiel die deutsche Orchesterlandschaft.“

Überfremdung, Vergewaltigungen, Unsicherheit auf den Straßen, Familiennachzug der Scheinasylanten? Das Wort Islam fällt nicht ein Mal. Ja, der Islamismus der sei schon ein Problem. Aber weltweit. Hatte ihr nicht unlängst erst Erdogan erklärt, das es keinen Islamismus, sondern allein den Islam gibt? Aber da ist sie schon weiter.

Sie möchte, dass die Sicherheitsbehörden so gut ausgerüstet werden wie die Terroristen.

Kein: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Einfach nicht der Bringer, wenn der Applaus ja eh hanseatisch dünn ausfällt. Auch kein Wort zur AFD, zu Trump, aber wohl zu Nordkorea. Denn auch da müssen wir Flagge zeigen. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Am Schluss noch ein bisschen Adenauer: „Keine Experimente.“ Auch da lacht keiner.

Merkel ist kein Volkstribun, sie diskutiert nicht, spricht nie mit, nur zum Volk. Sie gibt eigentlich keine echten Interviews schon gar nicht mit „echten“ Journalisten. Die Themen, die unser Land bewegen kommen in ihrer Rede nicht vor. Die Deutschen auch nicht, nur als Helfer, Ehrenamtler und Polizisten.

Draußen vor der Tür könnte man in einem kleine Spaziergang am Hafen vorbei, über den Kiez, rüber zu Schanze, kleiner Rundgang bis zur „Roten Flora“ ganz leicht aufzeigen, woran Deutschland genesen muss. Aber dieses Land kennt Angela Merkel nicht, genau so wenig, wie das Land sie. Und in diesen Leben wird das auch nix mehr.

Wandere aus, solange es noch geht!
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