AfD-Wähler wider Willen?

Alternative für Deutschland (AfD) (Bild: JouWatch)

Bei einem meiner liebsten Blogs, der „Achse des Guten“ (Achgut), ist ein Artikel von Ulli Kulke erschienen, in dem er sich mit „AfD-Wählern wider Willen“ beschäftigt. Zwar stimmt wohl vieles von dem, was Kulke schreibt, dennoch ist auffallend, wie sehr ihm seine eigenen Ressentiments die Feder geführt haben. Eine Medienkritik.

von Max Erdinger

Daß die Prognosen über das Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl am Sonntag übertroffen werden könnten, liegt auf der Hand. Die Blauen sind derartig dämonisiert worden, daß sich in Umfragen eine so große Zahl wie bei keiner anderen Partei gescheut haben könnte, ehrliche Antworten zu geben, um die Alternative für Deutschland in der diskreten Abgeschiedenheit einer Wahlkabine dennoch zu wählen. Damit hat Kulke wahrscheinlich recht. Damit hat es sich aber auch schon. Der Rest ist viel Blödsinn.

Zitat: „In der Tat, es ist eine Zumutung, was viele AfD-Mitglieder auf Parteiversammlungen, im Internet und auf diversen Veranstaltungen gerade in letzter Zeit von sich geben. Nicht nur notorisch Rechtsradikale, Unverbesserliche wie Höcke, sondern auch einst so besonnene Köpfe wie Alexander Gauland, der jetzt über die Wehrmacht redet, als habe er als Wähler besonders die Stahlhelm bewehrten schwarzen Krad-Melder im Visier, die heute mit ihren Gespannen durch Brandenburg geistern. Schauder. Gerade für das vergangene halbe Jahr gilt zunehmend: Das akzeptable Wahlprogramm der AfD wird durch unakzeptable völkische Sprüche, durch Relativierungen der Vergangenheit, durch halbgare Dementis verschwörungstheoretischer und rassistischer Emails in den Hintergrund gerückt. Es wird unappetitlich.“ – Zitatende.

„In der Tat, es ist eine Zumutung“,  – was Kulke hier von sich gibt. Bar jeglicher Selbstreflexion tut Kulke so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, für das Nachdenken über die AfD das begriffliche Instrumentarium derjenigen zu verwenden, derentwegen es die AfD überhaupt gibt. Was soll ein notorisch Rechtsradikaler sein? Versteht Kulke unter einem Rechtsradikalen ebenfalls einen Braunlinken? Es sieht ganz danach aus. Das wäre der erste Fehler. Braunlinke sind Linke, keine Rechten. Noch vor fünfzig Jahren haben sich FDP-Funktionäre dem rechten Teil des Parteienspektrums (das es damals noch gab) zugerechnet. Und zwar widerspruchslos und mit der größten Selbstverständlichkeit. Daß heute alles, was nicht explizit links ist, als „rechts“ bezeichnet wird, – dafür kann der wahre Rechte nichts.

Kulke führt Björn Höcke an, den „Unverbesserlichen“. Wer könnte Höcke verbessern? Kulke? Da sind Zweifel angesagt. Wer Höcke als einen unverbesserlichen Braunlinken bezeichnet, weiß entweder nicht, was Höcke gesagt hat, oder er weiß nicht, was ein Rechter ist. Daß Gauland rede, als ob er schwarze Krad-Melder als Wähler gewinnen wolle, ist eine Frechheit. Eine sinnlose, weil unwahrhaftige, obendrein. Gauland hat in der jüngsten Pressekonferenz der AfD nocheinmal darauf verwiesen, daß er bezüglich des Mutes von Wehrmachtssoldaten nichts anderes gesagt habe, als Francois Mitterand vor dreißig Jahren schon. Hat irgendjemand Francois Mitterand, den Sozialisten, deswegen einen „Rechten“ genannt? Wenn nicht, warum nennt Kulke dann Gauland so? Höckes Einlassungen zum „Mahnmal der Schande“, – waren die objektiv zutreffend oder nicht? Muß man die etikettieren? Und wenn man sie etikettiert, warum etikettiert man dann den verstorbenen SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein nicht gleich mit? Der hatte sich 1998 zum „Mahnmal der Schande“ keinen Deut anders positioniert als Höcke heute. War Augstein ein „Rechter“?

Und was sollen „unakzeptable völkische Sprüche“ sein? – Es tut mir leid, Ulli Kulke: Etwas Wahres von sich zu geben ist schlechterdings unmöglich, wenn man sich dabei des verlogenen begrifflichen Instrumentariums bedient, mit welchem dem Volk derartig das Hirn gewaschen worden ist, daß eine AfD nötig wurde. Die AfD steht gottlob wenigstens zu Teilen für ein Ende dieser Verlogenheit in der öffentlichen Debatte. Vollkommen rätselhaft muß einem außerdem bleiben, wie Kulke auf das schmale Brett kommt, zu insinuieren, es gebe Zeiten, zu denen es geboten sei, zu sagen was man denkt – und solche, in denen man es besser bleiben lassen sollte. Es ist genau dieses taktische, strategische und opportunistische Verhältnis zur Wahrheit, das die Altparteien dahin geführt hat, wo sie heute stehen: In der Schandecke der notorischen Lügner und Opportunisten. Die Wahrheit, lieber Ulli Kulke, sagt man am besten immer. Ob Wahlkampf ist oder nicht. Für seine Geradlinigkeit muß man Gauland nicht kritisieren, sondern man muß ihm applaudieren.

Zitat: „Ein weiterer Grund, warum die letzten, durchaus rechtsradikalen Ausfälle der Partei nicht negativ zu Buche schlagen, liegt nämlich in der Hilflosigkeit, in der sich jetzt viele Wähler sehen. Wo soll derjenige sein Kreuz machen, der dafür ist, dass die Bestimmungen beim Euro eingehalten und keine weiteren nationalen Kompetenzen an die EU abgegeben werden, der den Ehe-Begriff so erhalten wissen will, wie er war, dem das – auch im Behördenverkehr – um sich greifende Gendersprech auf die Nerven geht und der (oder auch die) wehmütig an die früher differenzierteren Geschlechterrollen zurück denkt, der Angst vor einer Islamisierung hat, der sich bei dem Gedanken an weitere Hunderttausende Flüchtlinge im Land nicht wohl fühlt und der ohne sichere Grenzen nach Recht und Gesetz nicht schlafen kann, für den der Begriff des „Deutschen Volkes“ nicht von den Nazis erfunden wurde, der skeptisch gegenüber der Geschwindigkeit bei der Energiewende ist und vielleicht sogar die Atomkraft erhalten will, dem sich der Staat in viel zu viele Angelegenheiten einmischt – dem aber die Sprache, das Milieu und das Umfeld der AfD und ihre schwindende Abgrenzung nach rechtsaußen zuwider ist? Was soll dieser Mensch wählen?“ – Zitatende.

Der soll die Alternative für Deutschland wählen. Nicht so schwierig. Es hat einen Grund, warum AfD das Kürzel für „Alternative für Deutschland“ ist. Nicht jeder teilt die Hysterie eines Herrn Ulli Kulke von wegen „völkisch“, „unverbesserlich“, „Krad-Melder“, „rechtsaußen“, „unappetitlich“, „Abgrenzung“ usw.usf. – auch wenn weite Teile der AfD selbst von dieser Hysterie infiziert sind und ihren parteiinternen „Flügel“ im Rahmen ihrer subjektiv als anständig empfundenen Distanzitis am liebsten auf den Mond schießen würden. Daß es in der AfD eine nennenswerte Zahl „Braunlinker“ gibt, darf man getrost für ein übles Gerücht halten, das überhaupt nur deswegen eines sein kann, weil Leute wie Herr Kulke kritiklos die historisch falsche Gleichsetzung von „rechts“ und „nationalsozialistisch“ übernommen haben, welche während der letzten Jahrzehnte peu a peu durchgesetzt worden ist. Wer den Nationalstaat befürwortet, weil er der einzige denkbare Rahmen für eine Demokratie überhaupt ist, wer das Subsidiaritätsprinzip hochhält, weil er Eigenverantwortung vor die Bevormundung setzt – und wer in seinem eigenen Land lieber mit Seinesgleichen zusammenlebt als mit irgendwem, muß sich wahrhaftig nicht von einem Herrn Kulke als „unverbesserlich“ oder „notorisch rechtsradikal“ bezeichnen lassen.

Und Franz Josef Strauß´Diktum, nach dem es rechts neben der Union keinen Raum für eine weitere rechte Partei geben dürfe, kann keinesfalls so verstanden werden, als habe Strauß gemeint, es dürfe rechts neben der Union niemanden geben, der „noch nationalsozialistischer“ ticke als die Union. Strauß war ein Rechter, kein Braunlinker. Rechte sind genau das, was diese Republik braucht – und zwar unabhängig davon, ob ein Ulli Kulke „rechts“ und „braunlinks“ auseinanderhalten kann oder nicht.

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