Abt. Igel: Flüchtlingsherz aus Gold

Demokratie: Titelbild interessiert mehr Leser als das Bild des durstigen Igels (Foto: Pixabay)

„Heute at“ mit einer Geschichte, die mein Leben verändert hat. Seit ich sie gelesen habe, könnte ich syrische Flüchtlinge knutschen. Einer von ihnen hat einem Igel das Leben gerettet, indem er dem possierlichen Stacheltier Wasser zu trinken gab. So hocherfreut bin ich darüber, daß ich die Geschichte des Mediengenies recherchiert habe, dem diese ungeheuer menschliche Nettigkeit eingefallen ist. Eine satirische Reportage.

von Max Erdinger

Hinterobergurgl – Kalt und schneidig ist die Gebirgsluft im hinteren Ötztal. Josef Schleimleitner, (49), sitzt fröstelnd an einen Felsbrocken gelehnt. Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gegessen. Er wurde fristlos gefeuert. Von seinem Arbeitgeber, dem „Hinterobergurgler Gebirgsboten“. Was war geschehen? Schleimleitner hatte eine Story auf den Titel gesetzt, die sensationell gewesen ist: „Maria Theresia, (8),  rettet Igel. Schülerin der Volksschule Deixgasse in Wien gibt durstigem Igel Wasser zu trinken.“ Nicht ein einziges Exemplar des „Hinterobergurgler Gebirgsboten“ wurde im freien Handel verkauft. Das ist die Sensation. Schleimleitner, (49), blickt in Agonie dem baldigen Tod durch Erfrieren oder Verhungern entgegen. Er hat sich in sein Schicksal gefügt und stiert  fatalistisch hinunter ins mediterran anmutende Meran …. stop.

Diese Meldung gibt es nicht. Wir fangen noch einmal von vorne an.

Hinterobergurgl – Warm und behaglich ist es im Chefsessel der auch international renommierten „Hinterobergurgler Gebirgsbote Sympathy-News“. Durch ein großes Panoramafenster im Süden der Konzernzentrale schaut Josef Schleimleitner, (49), voller Stolz auf die Italiener im mediterran anmutenden Meran hinab. Schleimleitner ist der international führende Produzent von „Sympathy News“, einer neuartigen Nachrichtensparte, die Josef Schleimleitner selbst erfunden hat.

Unsympathische Chefredaktionen aus aller Herren Länder überschütten aus Hubschraubern heraus Schleimleitners Gebirsgipfel mit Geld für die „Hinterobergurgler Gebirgsbote Sympathy-News“, die ihrer unübertrefflichen Qualität wegen in sechzig Sprachen auf dem gesamten Globus gern gelesen werden. Schleimleitner selbst sieht sich weniger als Zeitungsmann, sondern mehr als Nachrichtenproduzenten. Sein Aufstieg begann im Herbst 2015, als er kurz davor stand, wegen einer gähnend langweiligen Titelstory gefeuert zu werden. Schleimleitners neuester Medienhit: Flüchtlinge, die armen Tieren Gutes tun.

Angefangen hat der kometenhafte Aufstieg des „Hinterobergurgler Gebirgsboten“ mit der Story von einem syrischen Flüchtling, der einen Geldbeutel mit 50 Euro gefunden hatte und ihn bei der Polizei abgab. Die Story wurde gekauft wie verrückt und in -zig Zeitungen in ganz Deutschland abgedruckt. Ein Grundstein war gelegt. Dann der nächste Coup: Flüchtlinge, nicht notwendigerweise aus Syrien, die Geldbeutel mit 500 Euro Inhalt finden und bei der Polizei abgeben. Die Deutschen wurden hellhörig und kauften seine „Sympathy-News“ wie die Wahnsinigen. 500 Euro! Da werden im heutigen Deutschland bereits Begehrlichkeiten wach. Die Story lief noch besser als die 50er Geschichte. Letztes Jahr dann die endgültige Umbenennung des „Hinterobergurgler Gebirgsboten“ in „Hinterobergurgler Gebirgsbote Sympathy-News“. Schleimleitner hat erst vor kurzem wieder fünf Fernsehsender übernommen, zwei davon in Australien. Ebenfalls letztes Jahr dann das Herausmeißeln der Konzernzentrale aus den Felsen des hinteren Ötztals.

Eine kleine Delle gab es in der Umsatzentwicklung zu Beginn des Jahres 2017, als selbst fünfstellige Eurobeträge in gefundenen Geldbeuteln keine Nachrichtenrenner mehr waren. Es war zur Selbstverständlichkeit geworden, daß Geldbeutel, die für futsch gehalten wurden, von Re-futschis zurückgebracht worden sind. Die Geldbeutel-News galten als ausgelutscht und erlebten noch einmal eine kurze Blüte, als Schleimleitner den Findeflüchtling auf den Finderlohn verzichten ließ. Er hatte fünf Millionen in einem Geldbeutel unter der Sitzbank einer frequentierten Bushaltestelle entdeckt, glaube ich. Der prall gefüllte Geldbeutel war schon vierzehn Tage da gelegen.

Wenn Sie, liebe Leser, seit etlichen Monaten nichts mehr von gefundenen Geldbeuteln gelesen haben, dann liegt das nicht daran, daß keine mehr gefunden worden wären, sondern daran, daß es ein paar Monate gedauert hat, bis Josef Schleimleitner sein Konzept der sympathischen Expansion entwickelt hatte, mit welchem er den Markt bei den „Sympathy-News“ endgültig gar dominieren wird.

Schleimleitner über die sympathische Expansion: Sehen Sie, Tiergeschichten sind immer etwas fürs Herz. Tiergeschichten werden gerne gekauft. Katze, Hund, Pferd, Mädchen, Reiten, Delphine- das Ganze auf aktuell getrimmt wie bei „Jaqueline (12) fiel vom Pferd, weil ihre Mutter (26) mit dem Reitlehrer (30) turtelte.“ – und die Story wird ein Renner. Bei allem Hass in der Welt: Es gibt auch viele Tiere und viel Liebe auf der Welt. Und Flüchtlinge gibt es auch viele. Das muß man zusammenbringen, damit sich die Liebe des Lesers zum Tier auf den Flüchtling erweitert. Geldbeutel ist Geldbeutel. Aber Tiere! Da gibt es viele. Viele Tiere, viele Flüchtlinge – unendlich viele Sympathy News. „12-jähriger Syrer rettet Krokodil vor dem Kasperletheater“, „Marokkaner rettet goldiges Küken vor AfD-Funktionär“, „Irakische Familie kauft Zigarettenhersteller altersschwaches Kamel ab“,“Allahhand Tierliebe: Metzger Ahmed, (27), liest Ziegen vor dem Schächten aus Heidi vor.“ Der Markt ist unendlich. Unsere heutige Story geht wie verrückt: „Syrischer Flüchtling gibt Igel Wasser zu trinken.“

Der Flüchting macht´s! Sehen Sie, das ist der Unterschied: Wenn Maria-Theresia, (8), aus der Volksschule Deixgasse in Wien einem Igel Wasser zu trinken gibt – und wenn Sie das als Story bringen – , dann werden Sie gefeuert. Sie müssen schutzlos im Gebirge erfrieren und nach Meran hinunterschauen. Oder verhungern. Wenn Sie aber schreiben, daß ein Flüchtling den Igel vor dem Verdursten gerettet hat, dann leiten Sie ein erfolgreiches österreichisches Unternehmen wie die „Hinterobergurgler Gebirgsbote Sympathie-News“.

So weit also Josef Schleimleitner, (49), liebe Leser.

Wir bei Jouwatch dachten, daß wir diese Meldung auch bringen könnten, ohne uns Schleimleitners Weisheiten, sein Geprotze und Geprahle noch länger anzuhören und sind deshalb noch während seines auskunftsfreudigen Redeschwalls mit der Seilbahn wieder zu Tal gefahren. Dort ist unser Sendewagen geparkt, von dem aus Sie, liebe Leser, diese Live-Reportage aus Hinterobergurgl erreicht.

 

 

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