Ich zähle die Tage

Foto: Collage/Shutterstock
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Ich halte ihn nämlich kaum noch aus, diesen „Bundestagswahlkampf“. Zunehmend werden Bilder und Töne produziert, die mir physische Schmerzen bereiten. Der farb- und chancenlose Herausforderer bedankt sich im „Kanzlerduell“ vor laufenden Kameras bei seiner Kontrahentin und bietet ihr wenige Tage später sogar generös die Vizekanzlerschaft an – Erde an „Fred vom Jupiter“, jemand zu hause?

Von Roger Letsch

Öffentlich rechtliche Bedürfnisanstalten senden epische Kanzlerinnengesänge mit handverlesenem Publikum über die Erfolge der Regierung, wie es selbst Putin in seinem „Direkten Draht“ nicht besser hinbekommt. Peter Altmaier feuert unterdessen weiter wirre Tweets wie berstende Hemdenknöpfe ab und alle Parteien, Kommentatoren und Kaffeesatzleser sind sich darüber einig, dass das einzig Richtige, was die zur Paria erklärte AfD tun könnte, die komplette eigenhändige Ersäufung der ganzen Partei samt Anhängerschaft im Mittelmeer sei, damit sich an ihren sonst nutzlosen Leibern die wirklich Schutzbedürftigen und guten Menschen solange festhalten können, bis sie von selbstlosen Rettern nach Europa gebracht werden können. (Wer bei diesem Bild innerlich jubiliert, dem ist allerdings längst die mentale Steuerkette gerissen.)

Andere Probleme haben wir im Grunde nicht, denn Deutschland gehe es „so gut wie nie“. Ich kann die ganzen Scheingefechte nicht mehr ertragen, denn „so gut wie wahrscheinlich nie wieder“ halte ich für zutreffender. Nur noch eine Woche…, dann ist es endlich überstanden! Oder etwa nicht? Was meinst du, liebe Kristallkugel? Schau nicht so trüb und berichte mir Erhellendes aus der Zukunft hinter dem Wahlsonntag!

Ein Blick in den Nebel

In einem letzten Aufbäumen von Selbstachtung gesteht Martin Schulz am 25.9. seine Niederlage ein, knapp über 20% lassen sich beim besten Willen nicht mehr als Sieg und Regierungsauftrag verkaufen. Als letzten Liebesdienst vor seinem Rücktritt als Parteivorsitzender und Ehrenamtlicher Bademeister des Spaßbades Würselen erklärt er, dass die SPD die Legislaturperiode dazu nutzen wolle, alles in ihrer Macht stehende zu tun und weiter gegen die AfD zu kämpfen. Angela Merkels Union musste Federn lassen, kann aber mit der bei deutlich über 10% gelandeten FDP und dem kümmerlichen 5,01%-Rest der Grünen eine Koalition bilden, die ihr mit Nibelungentreue schwört, genau dasselbe zu tun, wie die SPD – nämlich Opposition gegen die AfD, nur eben aus der Regierung heraus. Man könne den Feind auf diese Weise in einen Zweifrontenkrieg zwingen, und der sei deutschen Reichsbürgern und Faschisten ja noch nie gut bekommen.

Die AfD schließlich landet irgendwo bei 10 ­- 14% und steht nun vor dem Dilemma, dass ihre Abgeordneten auf die Besuchertribüne des Bundestages verbannt werden mussten, weil keiner neben ihnen sitzen will und eine Positionierung „ganz ganz weit rechts“ im Plenum dazu geführt hätte, dass Gauland der Kanzlerin beim Sudoku aufs iPad hätte schauen können. Die Stimmung im Land beruhigt sich leider überhaupt nicht. Die „Demokratische Nationale Front“ aus Juso, FDJ Linksjugend, JungeUnion, Journalistikaktivisten, der Schwesigjugend, den Gewerkschaften, besorgten Bürgern, progressiv-friedlich-antikapitalistischer Antifa, Schariafreunde e.V. und Schlepper-sind-auch-Menschen gGmbh errichten eine permanente Mahnwache vor dem Reichstag unter dem Hashtag #occupyBesuchertribüne, um gegen die Anwesenheit der AfD zu demonstrieren und deren Abgeordnete durch permanente Pfeifkonzerte, Trommelwirbel und der Abspielung des Horst-Wessel-Liedes dazu zu bringen, ihre bürgerliche Fassade abzuwerfen und den Nazi rauszulassen, welcher ja, das sei sicher, in jedem dieser Primitivlinge stecke. Eine Online-Petition fordert derweil für jeden Nicht-AfD-Abgeordneten des Bundestages das Recht, zur Selbstverteidigung eine Waffe tragen zu dürfen – auch offen und im Plenarsaal. Genehmigt wird am Ende zumindest Pfefferspray aus kontrolliert biologischem Anbau…ich lege die Kristallkugel mal lieber wieder weg, es könnte noch hässlicher werden.

Doch auch wenn ich hier zuspitze und Sarkasmus verspritze: die Stimmung wird sich sehr wahrscheinlich in diese Richtung entwickeln. Die Unfähigkeit der Altparteien, der Agenda der AfD in diesem einen entscheidendem Punkt (man muss ihn nicht einmal nennen, jeder kennt ihn) etwas Substanzielles und Konzeptionelles entgegenzusetzen wird nur noch von der Unfähigkeit übertroffen, zu erkennen, dass es die eigene Politik war, die das Erstarken der AfD erst ermöglicht hat. Die AfD ist nur das sichtbare Symptom des derzeitigen politischen Totalversagens. Es nützt aber nichts, ein Symptom zu bekämpfen, wenn man dessen Ursachen nicht richtig erkennt und glaubt, diese lägen 70 Jahre in der Vergangenheit. Stattdessen liegen die nämlich 30 Jahre in der Zukunft und die kommt bekanntlich jeden Tag ein Stückchen näher. Über die klimatologische Komponente der „globalen Erwärmung“ kann man trefflich streiten – die durch politische Fehleinschätzungen verursachte „deutsche Überhitzung“ ist hingegen schon mit Händen zu greifen. Welches Urteil wohl Herr Altmaier über die „Leugner“ dieses Wandels fällt?

Kein Cool-Down in Sicht

Die Zeit nach dem Einzug der AfD in den Bundestag werden wir wahrscheinlich in ähnlich hysterischer Stimmung zubringen, wie viele Amerikaner die Zeit nach der überraschenden Wahl Donald Trumps. Ohnmächtige, peinliche, generalisierende „Dagegen“-Selbstdarsteller, die sich mit der Wahl einfach nicht abfinden können und in zunehmend militanteren Aktionen alles zu stören und zu verhindern versuchen, was Trump (oder eben die AfD) tut oder sagt. Es werden sich wie in den USA die unnatürlichsten Allianzen bilden oder verfestigen, deren einziger Kit die Ablehnung dieser Mitte-Rechts Partei ist. Die Neofeministinnen werden Schulter an Schulter mit den Befürwortern der Vollverschleierung marschieren und diese für ihre Verbündeten halten. Schwule und Lesben werden gemeinsam mit Moscheevereinen für die Errichtung islamischer Ganztagsschulen in der Hoffnung demonstrieren, nicht die ersten zu sein, die man aus dem Stadtviertel verdrängt oder verjagt, sobald die Mehrheitsverhältnisse dort demografisch geklärt sind. In Berlin wird der Senat vielleicht durchsetzen, dass sämtliche Fahrpläne nur noch in arabischer Sprache ausgehängt werden und dies als weiteren Meilenstein der Willkommenskultur feiern. (Da das Fahrgastaufkommen sich jedoch aufgrund der zahlreichen unschönen Vorkommnisse sowieso in die Richtung entwickelt, dass Deutsche die öffentlichen Verkehrsmittel zunehmend meiden, wird man dies schließlich als konsequente Reaktion auf eine Marktentwicklung einfach so hinnehmen.)

Die schrill kreischenden Trump-Gegner in den amerikanischen Großstädten und an den Universitäten, die blind vor Hass und mit blutunterlaufenen Augen unter Missachtung aller demokratischen Gepflogenheiten auf alles einschlagen, was sie selbst mit dem Rassismus-Stempel versehen haben, werden weitere dankbare Nachahmer in Deutschland finden und so jede inhaltliche Debatte durch Geschrei überlagern und torpedieren. Es wird sich auch hierzulande eine anarchistische Toleranz der Intoleranz anderer Meinungen etablieren, angefeuert von staatlicher Alimentierung und der medial angefachten Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Abgelenkt durch diese Kakophonie und damit unter dem Radar der bewussten Wahrnehmung werden sich im Land Tatsachen etablieren, die den eingeschlagenen Weg unumkehrbar machen.

Die deutsche Weltretter-Attitüde, gepaart mit einem für unsere Nachbarn unerträglichen moralischen Überlegenheitsgefühl wird dazu führen, dass zahlreiche Interessen wie Hyänen am deutschen Kadaver zerren werden, solange er noch warm ist. Reparationsforderungen hier, Hilfsangebote dort, großzügiger Familiennachzug und staatliche Förderprogramme – alles in keynesianischer Manier kreditfinanziert – werden den Staatssektor aufblasen und für privatwirtschaftliche Investitionen das Feld immer unattraktiver machen. Die Energiewirtschaft liegt bereits am Boden, jetzt ist die Automobilindustrie dran, beides wird nach dem Wegfall auf der Haben-Seite kaum durch das Erstarken von Gender- und Migrationsforschung ausgeglichen werden können. Die verdrängten Industrien und Technologien suchen sich anderswo in der Welt sicherere Häfen und sorgen dafür, dass die geistigen Eliten ihnen folgen werden. Und das werden sie still und leise tun. Keine Demo wird die Unzufriedenheit mit der Entwicklung in Deutschland deutlich machen. Es ist ähnlich wie im Supermarkt. Wenn das günstigste Produkt vergriffen ist, greift, wer es sich leisten kann, zum nächstteureren. Nur derjenige wird laut Alarm geben, der sich dieses nicht mehr leisten kann. Die Leisen werden gehen, während die Lauten kommen, bleiben, und mit den Blechnäpfen klappern.

Ich fürchte, wir werden in der vierten Amtszeit von Angela Merkel die Totalverweigerung von politischen Entscheidungen erleben, die zwar dringend anstehen, jedoch unterlassen werden, weil die AfD diese Entscheidungen einfordern wird oder mittrüge. Doch das ändert rein gar nichts an dem Fakt, dass im Berliner parlamentarischen Sandkasten dieses zornige, greinende Kind hocken wird, dass man zwar nicht eingeladen hat und nicht dabeihaben will, dass nun aber selbstbewusst nach Förmchen, Sand und Schaufel greift. Und es wird da mindestens vier lange Jahre sitzen bleiben. Keine Mama wird es aus der Kiste heben, damit die anderen Kinder wieder ungestört spielen können. Und es ist ja auch nicht das erste dieser kleinen, greinenden Kinder, die alles anfassen müssen und den Laden auf den Kopf stellen. Genau an dieser Stelle saßen früher schon die Grünen und später die PDS und auch mit denen wollte einst niemand spielen. Zumindest die Grünen hatten ihre Zeit und ihre Themen, wenn ich auch beim besten Willen nicht sagen kann, wozu die heutige Linke gut war oder ist. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

Es ist jedoch höchste Zeit, den politischen Tatsachen in Deutschland ins zornige Auge zu schauen, bevor der Blick in die Kristallkugel noch schlimmeres als nur eine neue Oppositionspartei rechts von der Mitte zeigt. Oder, um es mit den Worten der Kanzlerin zu sagen, die in bester selektiv-fatalistischer Tradition zwar nicht zur AfD, dafür aber in Richtung der zum Oberbegriff „Flüchtlinge“ subsummierten Asylsuchenden, Migranten, Abenteurern, Beutelschneidern, Kulturbereicherern und Goldstücken sagte: „Nun sind sie halt da.“

In der Hoffnung auf Wiedervorlage, dass ich mich total geirrt habe, weil ich versehentlich in die falsche Kristallkugel – die der Klimaforscher des IPCC – geblickt habe.

Wandere aus, solange es noch geht!
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