Einfach nur draghisch

EZB-Chef Mario Draghi (Bild: gemeinfrei)
EZB-Chef Mario Draghi (Bild: gemeinfrei)

Die allseits kritischen SPIEGEL-Schreiberlinge haben sich in ihrer gespielten Überparteilichkeit am Sonntag vor der Bundestagswahl schier selbst übertroffen. Da schreibt Monsieur Müller, Henrik, völlig blank jedweder Vorurteile: „Angela Merkel kann einer fast sicheren Wiederwahl entgegensehen. Das hat die Bundeskanzlerin nicht zuletzt dem Chef der Europäischen Zentralbank zu verdanken.“ Jubel! Eins mit Stern für solch eine Hofberichterstattung. So etwas freut Mutti sehr. Und der alte Augstein rotiert im Grab.

Von Schlaglicht

Der EZB-Chef und die Kanzlerin. Es war immer eine Geschichte voller Missverständnisse. Wie haben sich die beiden oft gezofft wegen seiner Niedrigzinspolitik und all der wertlosen Eurobonds, die der deutsche Steuerzahler als Pfand für ein angeblich so freundlich vereintes Europa hat hinblättern müssen? Doch wir sind ja so super. Spitzenkonjunktur und überhaupt. Alters- und Kinderarmut? Pah! Hört doch auf zu weinen, ihr Deutschen. Zahlt lieber!

Der Autor spitzt weiter zu: „Als Merkel 2005 ins Amt kam, war Deutschland der dunkelste Fleck auf der emotionalen Landkarte Europas.“ Dann kam Mutti. Ex Osten Lux! Und nach zwölf Jahren Merkel verschwanden die Arbeitslosigkeit wie auch die Staatsschulden hinter blühenden Landschaften. Die Lichter gingen an und sollen in Muttis Reich auch nie wieder ausgehen. Etwa so, wie bei Karl dem Großen. Nur Facharbeiter fehlen und die Intelligenz wanderte ab.

Naja, fast alle sind glücklich. Alle? Bis auf die Miesepampen von der AfD. Der Autor hört überhaupt nicht mehr auf zu preisen. Offensichtlich wähnt er sich sonntagmorgens in einer Kirche und hält Angela für die Mutter Gottes. Es folgen alles mattsetzende Umfragezahlen: 84 Prozent sind mit ihrer persönlichen finanziellen Lage zufrieden, 72 Prozent mit ihrer Jobsituation, 73 Prozent mit den öffentlichen Leistungen des Staates. „Aaaaamen!“

Neben der Arbeitsmarktreform Hartz IV – benannt nach einem 42-fach wegen Untreue verurteilten Ex-Personalchef der Vertrauensfirma VW – und dem China-Boom, den Mutti vermutlich nebenbei auf dem Nachhauseweg auslöste, kommt jetzt Salvator Mario ins Spiel. Neudeutsch heißt das: Der Draghi-Push wirkt. Seit 2011 Super-Mario an der EZB-Spitze sitzt, verballerte er Billionen im schwerst korrupten Bankensystem („LTRO“). Dann setzte er Strafgebühren für Einlagen bei der Zentralbank durch. Sparen war schlecht. Sparer wurden so um ihre Einlagen beschissen, denn sie verfielen im Niedrigzins. Dann kaufte er für Billionen von Euro Staatsanleihen und trieb damit die Wechselkurse endgültig in den Keller.

Ein vorgetäuschter Bauboom und ein Exportüberschuss sind somit seine traurigen Leistungen, mit denen sich Mutti schmückt. Dass beides dauerhaft verheerend ist, sagt der Herr Autor nicht.  Denn zum einen wurden Grenzen für unübersehbar viele Zuwanderer geöffnet, was einen zusätzlichen Wohnungsmangel bei einem quasi abgeschafften Sozialwohnungsmarkt verursachte. Somit wurden nur die reichen Hausbesitzer noch reicher, die Mieten explodieren. Und dass ein dauerhafter Exportüberschuss schädlicher als eine gesunde Binnennachfrage ist, liest man im ersten Semester VWL. Nur der Autor war da offensichtlich nicht zugegen.

Am Ende seiner Ausführungen führt uns der SPIEGEL-Prediger noch einmal so richtig hinters Licht: Ohne Draghi würde Mutti wohl nicht gewählt werden. So denket an den Zettel. Jeder hat bei uns zwei Kreuze.

Unterdessen sonnt sich Deutschland in einem scheinbar endlosen Aufschwung. Merkel kann die Wähler mit Wohlfühl-Phrasen umschmeicheln. Doch dann erinnert der Hofberichter mahnend: „Die guten Zeiten werden nicht ewig andauern. Aber für die Ewigkeit wird ja bei uns auch nicht gewählt.“

Bei uns im SPIEGEL vielleicht nicht. Da hat man die Demokratie ja schon lange abgeschafft. Doch weltlich gewählt wird in Rest-Deutschland sonntags und zwar für vier Jahre. Hoffentlich hat der SPIEGEL den Autor bis dahin durch einen fähigeren Schreiber ersetzt. Der von ihm verursachte  Schaden am angeschlagenen Ruf des Blattes dürfte allerdings bleiben. Es ist – in diesem Sinne- einfach nur draghisch.

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