Deutschland packt aus, Teil VI.: Wahlforscher berichten über „bestellte Wahrheiten“

(Foto: Durch Andrey_Popov/Shutterstock
Umfrage (Foto: Durch Andrey_Popov/Shutterstock)

Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr werden die Wählerinnen und Wähler mit den Ergebnissen diverser Umfragen regelrecht zugeschüttet. „Was die Wähler wollen“, „Umfrage: Bei Frage nach Kanzlerin Angela Merkel sind die Deutschen gespalten“, „Mehrheit der Deutschen wünscht sich laut Umfrage eine Koalition aus CDU/CSU und FDP“. Auch eine Studie über „Die Ängste der Deutschen“ zirkuliert gerade, ergänzt durch das schlaumeierische Gesülze so genannter „Parteienforscher“, „Politikberater“ und sonstiger „Experten“ mit jeweiligem Parteibuchhintergrund über die „Interessen der Wähler“. Lassen wir Ironie und Polemik mal ruhen: Was bringen uns Umfragen und Statistiken eigentlich wirklich? Was steckt genau dahinter und wie seriös ist das alles denn eigentlich? Ein Insider verrät uns, was von Meinungsforschung in Zeiten des Wahlkampfes zu halten ist: NICHTS!

Von Hans S. Mundi

Unser Mann mit profundem Wissen und guten Kenntnissen im Bereich der Meinungs- und Marktforschung arbeitet als Honorarprofessor. Ein ausgewiesener Fachmann, der jahrelang für so genannte Meinungsforschungsinstitute tätig war, jetzt an Hochschulen ein gefragter Mann im Fächerkanon aus BWL, VWL und Informatik. „Statistik bedient ein uraltes Menschheitsbedürfnis nach Versachlichung, Quantifizierung und faktengestütztem Urteil. Die Ergebnisse von Erhebungen zu Sachfragen können Entscheidungen stützen, begünstigen oder verhindern, insofern gibt es hierbei stets ganz klare Interessenlagen HINTER jeder Befragung.“ Über seine Fachbereiche Statistik und Meinungsforschung hebt er schützend die Hand: „Die Statistiker streben nach einem Höchstmaß an Verbindlichkeit und sachgerechter Information, vor allem in den Grenzgebieten zur Wissenschaft ist die Seriosität oberstes Gebot. Prognosen via Erhebungen, welche dann auch eintreffen, sind der Ritterschlag für die Forscher in diesem Feld. Ein Statistiker, der ständig daneben liegt, hat den Beruf verfehlt und wird das letztlich auch zu spüren bekommen.“

Es liegt also nicht direkt am Handwerkszeug der Feldforscher, wenn die Ergebnisse bei der Befragung von politischen Trends oft daneben liegen oder gar tendenziös wirken? Unser Experte führt uns bei dieser Frage auf eine ganz andere Spur. Er nimmt uns erst mal mit in eine benachbarte Zunft, in den alltäglichen Journalismus mit seiner oft fatalen Nähe zu „public relations“ jeder Art, was vor Jahren ein bekannter Redakteur in seltener Offenheit und mit regelrecht mahnender Selbstkritik klar und deutlich „bestellte Wahrheiten“ nannte. Es ist der politisch-mediale Komplex im Lande, der jegliche Seriosität bei der prognostischen Berichterstattung killt und dem Informationsbedürfnis der Bürger seine eigenen Sichtweisen durch diverse Mechanismen entgegen stellt. Medienmacht im Dienste der regierenden politischen Klasse und damit verbundener Eliten in Staat und Gesellschaft bedeutet: MANIPULATION!

„Der leitende Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Herbert Riehl-Heyse hielt im Mai 2001 vier Vorlesungen über die ‚Poetik des Journalismus‘ vor Publizistikstudenten in Wien. Zusammen mit einigen Artikeln aus den Jahren 2001 und 2002 wurden diese in dem Buch ‚Bestellte Wahrheiten‘ veröffentlicht. Diemut Roether möchte dieses Werk vor allem ‚Journalisten als Pflichtlektüre empfehlen‘. Denn hier spreche einer über ’stets die gleichen Versuchungen‘, denen Journalisten erliegen: ‚Der Versuchung zur Faulheit, die Journalisten gerne dazu führt, voneinander abzuschreiben, der Versuchung des Herdentriebs, der Versuchung zur Verharmlosung oder Hysterisierung‘. Gleichzeitig wird dem Leser deutlich, warum Riehl-Heyse ‚zu Recht als einer der Großen im Journalismus gilt‘, schwärmt die Rezensentin, weil er seinen Beruf liebe und gleichzeitig eine ‚kritisch-ironische Distanz‘ zu ihm bewahren kann. Der Autor plädiere für einen Zeitungsjournalismus als ‚Gegenprogramm zum Fachidiotentum‘, weiß aber gleichzeitig, dass seine eigene Zeitung nicht in der Lage sei, diese Aufgabe zu bewältigen.“ Rezensionsnotiz zu taz – Die Tageszeitung, 23.04.2003

Nun wird es interessant. Erstens scheiterte der ambitionierte Journalist Herbert Riehl-Heyse mit seiner Mahnung und warnenden Kritik schon damals am eigenen (!) Medium, wie der letzte Satz der taz-Kritik deutlich macht. Gescheitert ist insofern auch der Versuch Objektivität als Standard der Pressefreiheit zu wahren aber vor allem an sich selbst, am inneren Wesen der Parteilichkeit, welche Riehl-Heyse damals wohl wissend ausblendete. Zweitens aber wurde und wird der Versuch der Einflußnahme auf Meinungsfindung, also die klare Intention, es mit MANIPULATION zu versuchen, ausschließlich so genannten Lobbygruppen zugeschrieben – im Deutsch der Alt-68er: Der Feind ist immer der Kapitalismus, sind die „Rechten und Konservativen“, sind die „Verehrer des Marktes und der Globalisierung“, aber niemals die armen und unschuldigen Verfechter des Primats der Politik. Hier lacht unser Experte. Soeben erschien ein Artikel im Handelsblatt mit einem Mitarbeiter der hierfür typischen Gruppierung „Lobby Control“ – dieser Artikel rückt allerdings auch die nun erneut entdeckten „Bestellten Wahrheiten“ an die Meinungsforschungsinstitute heran!

„Forsa beispielsweise hat mal eine Umfrage für die Deutsche Bahn zur Bahnprivatisierung gemacht, vermittelt über eine Agentur. Gefragt wurde nach den Vorteilen einer Privatisierung, die Nachteile wurden erst gar nicht thematisiert. Platziert wurden die Ergebnisse dann sehr geschickt am Tag der Expertenanhörung zur Bahnprivatisierung im Bundestag. Das floss dann natürlich in die mediale Berichterstattung mit ein, mit dem Tenor: Experten sehen Privatisierung kritisch, die Bürger versprechen sich aber davon einen besseren Service.“ Handelsblatt, 15. September 2017

Nun, Bühne frei, für unseren auspackenden Mafo-Experten, der uns das alles pünktlich zur Wahl klipp und klar erklären kann:

„Der heutige Stand der Dinge ist folgenschwer. Wenn sie sich heute auf dem Smartphone bei Google einloggen, eine App herunter laden oder sonst wie herum twittern oder auf Facebook herum posten, dann wird all dieses über sie in riesigen Rechenzentren und diversen Datenbanken registriert und erfasst. Der Datenhunger in unserer Informationsgesellschaft ist bei allen Institutionen unstillbar und auf extremste Expansion aus. Das Wort ‚Datenschutz‘ ist absolut irreführend, da es de facto gar keinen gibt! Der Bürger ist ein durchsichtiges kleines Menschlein, nackt und bloß steht er vor Konzernen, Versicherungen, Krankenkassen, Ämtern und Behörden, Geheimdiensten aller Länder und vor den geschäftsführenden Zentralen der Parteien, die wiederum vor allem bei CDU und SPD auch längst konzernähnliche Strukturen aufweisen.“

Unser Informant sieht Gruppen wie „Lobby Control“ daher eher kritisch, sie würden zusätzlich den Bürgern Sand in die Augen streuen und die Politiker als Opfer der Lobbyisten einseitig darstellen – das aber die organisierte Politik selbst TÄTER im Datensumpf sei, wird bewußt unterschlagen.

Wenn jetzt wieder von „bestellten Wahrheiten“ gesprochen wird, sei das schon eher komisch, so meint unser Mann für wahre Erkenntnisse. Unser Experte empfiehlt Werbung, Marketing und andere kommerzielle Zusammenhänge außen vor zu lassen, bei denen es natürlich ganz klar um inszenierte Wahrheiten wie „Die Zahnarztfrau empfiehlt“ oder „unabhängige Experten haben herausgefunden, dass XYZ besonders gut gegen Haarausfall hilft“ geht. Die inoffizielle Wahrheit hinter der Meinungsforschung sei viel brisanter: „Bei der heutigen Datendichte gibt es insofern zwei Ebenen der Meinungsforschung, eine interne und eine externe. Konkret bedeutet dieses: Die Parteien kennen annähernd die zu vermutenden Wahlpräferenzen der Bürger schon lange bevor der Wahlkampf beginnt. Sie verwerten diese Erkenntnisse über Stimmungen und Meinungen über die sich sich von Forschungsinstituten ständig (!) berichten lassen, aber nur intern zur strategisch-taktischen Verwendung. Das wissen alle Insider.“

Institute wie Forsa und andere seien demnach lediglich bestellter „Forschungs-Fake“, welcher durch bestellte Prognosen in jeweils gewünschte Richtungen manipulieren und gewünschte Meinungen durch angebliche Trends in diese Richtung verstärken soll. „Hier gilt das Gesetz des großen Haufens. Wenn ein SPD-nahes Institut, welches nichts anderes ist als eine gekaufte Promotionagentur, kurz vor der Wahl bekannt gibt, dass die Konkurrenz bzw. deren Spitzenpersonal bei der Bevölkerung ‚laut neuester Umfrage‘ wenig beliebt sei, dann kommt diese bestellte Meinung direkt vom Vorstand der SPD und ihrer Wahlkampfzentrale – was bei der CDU eben auch nicht viel anders läuft.“

Wie aber funktioniert denn parteiliche Statistik-Manipulation in konkreter Praxis? Es geht doch schließlich um Daten und Fakten, die kann man doch nicht so einfach erfinden?!

„Hier sind wir wieder bei der oben genannten Datenerfassung, die teils weit in die Illegalität hinein reicht, denken sie dabei nur an die so genannten ‚Steuer CDs‘ mit allen Daten von Konten diverser Bankkunden aus etlichen Jahren. Ein Staat, der wie hierbei bereit war, mit der organisierten Kriminalität zu paktieren und kriminelle Datenweitergabe auch noch mit Millionen aus des Bürgers Steuergeldern zu alimentieren, der subventioniert einen illegalen Sumpf von Schnüfflern, Datendieben und heimlichen Beobachtern.

Auch Finanzämter, Einwohnermeldeämter und GEZ-Erfassungszentralen sind verlässliche Quellen aus denen der Staat intime Kenntnisse über seine Bürger abschöpft – frei nach dem Motto: Legal – Illegal- Scheissegal! Ergo weiss dieser Staat mit seinem politischen Parteiensumpf dank qualifizierter Datenmengen ganz genau WEN ER WANN UND WOZU BEFRAGEN MUSS UM DAS GEWÜNSCHTE ERGEBNIS DURCH PASSENDE ZIELPERSONEN IN HÖHE VON 1.000, 10.000 ODER 100.000 BEFRAGTEN ZU BEKOMMEN!“

Kurz vor der Wahl erschien soeben wieder mal ’ne Umfrage, zufällig mit einem sehr freundlichen Ergebnis für die amtierende Noch-GroKo. Der „Freiheitsindex 2017“ meldet schulterklopfend für Merkel und Maas in untertänigster Verbundenheit: „Deutschland ist so frei wie lange nicht mehr…. so empfänden es inzwischen auch wieder mehr Menschen als möglich, ihre Meinung frei zu äußern (63 Prozent) als noch vor einem Jahr…. der populistische Zeitgeist sei inzwischen deutlich auf dem Rückzug.“ Was meint unser Experte hierzu? „Das würde ich dann schon bestellten Unsinn oder auch Schwachsinn nennen. Da haben die GroKo-Auftraggeber wohl ihre Anhänger befragt, so einfach wird das gemacht. Wer Umfragen kurz vor Wahlen liest und ernst nimmt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.“

https://www.perlentaucher.de/buch/herbert-riehl-heyse/arbeiten-in-vermintem-gelaende-macht-und-ohnmacht-des-journalismus.html

http://www.handelsblatt.com/my/politik/deutschland/interview-mit-lobby-control-meinungsforscher-liefern-bestellte-wahrheiten/7155038-2.html?ticket=ST-1092391-er5s4ddk65A1ykEimucG-ap3

 

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