Nigel Farage: Merkels Grenzöffnung größte Fehlentscheidung der Neuzeit

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„Heuschreckenplagen werden über uns hereinbrechen“: Nigel Farage (Foto: Screenshot/Youtube)

UKIP-Europaabgeordneter Nigel Farage war am Freitag, den 8.9.2017 zu Besuch bei der AfD Berlin auf Einladung von Beatrix von Storch und hielt eine Rede, die vielleicht irgendwann historische Bedeutung haben wird. JouWatch übersetzt als einziges deutsches Medium die ganze Rede von „Mr. Brexit“.

Übersetzung von Collin McMahon

Beatrix von Storch: „Sehr geehrte Damen und Herren, ein sehr herzliches Willkommen zu unserer Veranstaltung, ich möchte sagen, dem Höhepunkt des Berliner Wahlkampfes. Wir befinden uns zwei Wochen und zwei Tage vor einer entscheidenden Wahl, es wird die Wahl sein, die eine Opposition, die den Namen verdient, zurück in den Deutschen Bundestag tragen wird. Der Wahlkampf ist hart und anstrengend, und er ist nicht immer ganz fair. Es ist außerordentlich schwierig gewesen, eine Location für diese Veranstaltung zu finden, und auch das Prozedere ist kompliziert, weil wir gerne eine offene Veranstaltung gemacht hätten, aber wir mit Anmeldungen arbeiten müssen, mit Personalkontrollen und Taschenkontrollen. Wir würden gerne das alles nicht haben, aber so ist es.

Ich habe gestern eine Podiumsdiskussion besucht mit den Berliner Spitzenkandidaten zum Thema Behindertenpolitik, und im Anschluss gab es noch Gespräche an den Ständen der Parteien. Ich musste dann leider irgendwann den geordneten Rückzug antreten,  weil das Drohpotenzial doch etwas zu groß geworden war. Die anderen Mitglieder unserer Partei mussten dann leider von Polizei evakuiert werden. Unter den gleichen Bedingungen findet diese Veranstaltung auch heute statt. Der Raum hätte deutlich größer sein können. Wir hätten sehr viel mehr und offener einladen wollen, aber das ging leider nicht. Der Grund dafür ist, dass wir einen Gast heute dahaben, der Geschichte geschrieben hat, das kann man nicht anders sagen. Wir haben heute einen Gast, der eigentlich nichts anders gemacht hat, als ein Fenster zu öffnen in einem Haus, das fest verschlossen war. Jetzt kommt durch ein geöffnetes Fenster etwas frische Luft in das Haus. Es ist das Haus der Europäischen Union. Er ist durch dieses Fenster nun hinausgeflogen, aber heute ist er da. Bitte heißen Sie herzlich willkommen: Nigel Farage.“

(Applaus.)

Von Storch: „Wer hätte jemals gedacht, dass der Austritt aus der Europäischen Union möglich ist? Wir hatten die Prognose dass, wenn der Brexit stattfindet, das Vereinigte Königreich als Insel insgesamt im Meer versinken würde. Wenn das nicht passiert, dann mindestens Krieg, oder es bricht die Pest und die Cholera aus, oder ein Tsunami wird die Insel hinwegschwemmen. Wir stellen fest, die Insel steht noch immer, das alles ist nicht eingetreten. Der Austritt ist grundsätzlich möglich. Und wir haben gelernt, dass das Unmögliche möglich ist. Man muss nur fest daran glauben und lange dafür kämpfen.

(Applaus.)

Wir haben gesehen, dass ein Mensch Einfluss auf die Geschichte nehmen kann, ohne Präsident seines Landes zu sein oder Kanzler, oder gar Minister, oder überhaupt Abgeordnete im eigenen Parlament zu haben. Man kann die Geschichte bewegen, wenn man fest daran glaubt und lange dafür kämpft. Genau das hat Nigel Farage getan.

Dafür braucht man ein Ziel. Unser Ziel als Alternative für Deutschland: Wir wollen Deutschland erhalten, so wie es ist, und wieder so herstellen, wie es mal war. Wir wollen das Zusammenleben in unserer Gesellschaft nicht jeden Tag neu verhandeln, so wie einige uns sagen, dass wir das tun müssen. (Applaus.) Wir wollen ein souveräner Staat in der Europäischen Union bleiben, wir wollen ein Anker bleiben in der Europäischen Union, denn wenn es Deutschland gut geht und unseren Nachbarn, dann ist die Europäische Union stark, und nicht anders herum, wie es die CDU plakatiert. Wenn es den Nationalstaaten gut geht, geht es Europa gut, das ist unser Ziel.

Wir wollen ein Deutschland, dass wieder rechtsstaatlich ist, demokratisch und frei, ohne Zensur, die wir ja haben. Wir haben ein Zensurgesetz, für dass sich Weißrussland interessiert, weil es das auch einführen muss. Nordkorea interessiert sich für dieses Zensurgesetz nicht, die haben das schon. (Applaus.) Wir wollen wieder einen Rechtsstaat mit funktionierender Gewaltenteilung. Wir wollen ein Deutschland, dass wieder demokratisch ist. Freie Wahlen brauchen einen freien, fairen Wahlkampf, auch das ist dramatisch in Gefahr. Wir wollen dass die wesentlichen Weichenstellungen im Parlament oder besser durch Volksentscheide getroffen werden und nicht einsame Kanzlerentscheidungen sind, über das Volk, über das Parlament, über alle Köpfe hinweg. Wir wollen wieder mehr Demokratie wagen, wenn ich einen berühmten Kanzler (Willy Brandt) zitieren darf.

Wir wollen einen Staat der sich aus dem Privatleben der Bürger heraushält und nicht immer tiefer einmischt und das auch über die Steuerquote zum Ausdruck bringt. Ich möchte ganz wenige Zahlen heute Abend sagen, aber nur eine: Die große Kanzlerin Merkel hat in ihrer Amtszeit die deutsche Staatsschuld um 39% Prozent gesteigert, die Staatseinnahmen von Bund und Ländern sind in den letzten 15 Jahren um 60% gestiegen, oder in den letzten 5 Jahren um 23% um 132 Milliarden Euro. Wir haben eine Politik zur Rettung des Euro, der hinten und vorne nicht funktioniert, die wir durch eine Niedrigzinspolitik der EZB betreiben. Diese niedrigen Zinsen haben dazu geführt, dass die Sparer seit 2010 in Deutschland 344 Milliarden Euro an Zinsen nicht bekommen haben, und auf der anderen Seite Herr Schäuble 34 Milliarden Euro im aktuellen Haushalt an Zinsen spart. Wenn Herr Schäuble als der Finanzminister gehandelt wird, der die schwarze Null erreicht hat, dann möchte ich es so sagen: Er hat die schwarze Null nicht erreicht, Schäuble ist die größte schwarze Null die wir jemals hatten.

(Jubel, Applaus.)

Wir wollen rechtsstaatlicher werden, wir wollen demokratischer werden, wir wollen frei bleiben und wir wollen das Land so erhalten, wie es ist. Neben diesem Ziel, das man braucht, um das Unmögliche möglich zu machen, muss man für dieses Ziel brennen. Man muss dieses Ziel vertreten, egal wie groß die Widerstände sind, denen man sich entgegengesetzt sieht. Das ist was die Alternative für Deutschland auszeichnet, und wo ich alle darum bitte, die im Wahlkampf sind: Geben Sie nicht auf, es lohnt sich, für dieses Ziel zu kämpfen. Wir werden uns nicht unterkriegen lassen.

(Applaus.)

Die Krise könnte größer nicht sein, und ich nenne nur den Islam, den Terror und das Migrationsproblem, das wir gerade bewältigen müssen. Die ganze Gesellschaft ist entlang dieser Themen gespalten in die Guten und in die Bösen. Die Guten sind diejenigen die sagen, die Grenze darf keine Grenze sein, die ganze Welt muss zu uns kommen dürfen, nur wenn wir alle bei uns aufnehmen sind wir gut. Die Bösen sind die, die gesagt haben, Nein, so geht das nicht. Wir wollen gerne helfen, aber wir wollen sinnvoll helfen und nicht alle Menschen bei uns aufnehmen. Wir erreichen viel mehr, wenn wir vor Ort helfen, wenn wir humanitäre Zentren vor Ort errichten.

(Applaus.)

Wenn wir uns nur vergegenwärtigen, dass das Bevölkerungswachstum in Afrika 40 Millionen im Jahr beträgt, dann stelle ich immer die Frage an die Guten, wieviele sollen wir denn aufnehmen? Sagen Sie mal eine Zahl, nur ganz grob. 80 Millionen? 160 Millionen? 240 Millionen? Wieviele? Selbst der guteste Gutmensch, irgendwas zwischen Kardinal Marx und Volker Beck, selbst die müssen zum Ergebnis kommen, dass wir vielleicht 160 Millionen schaffen, aber dass es danach echt schwierig wird. 160 Millionen heißt, dass jeder von uns zwei aufnimmt. Ein Ehepaar vier, ein Ehepaar mit 2 Kindern 8, und so weiter. Jeder hat vier Quadratmeter Platz um zwei Matratzen auszulegen, zwei mal ein Meter. Und dann sagen Woelki, Marx und wie sie alle heißen, OK, mehr schaffen wir nicht. Und jetzt? Was haben wir erreicht, wenn wir 160 Millionen Menschen aufgenommen haben? Haben wir dann die Kriege und die Bürgerkriege in der Welt beendet? Ist dann die Armut in der Welt beseitigt? Gibt es dann niemanden mehr, der immer noch nach Deutschland oder Europa kommen will? Oder ist es nicht so, dass wir dann bei uns Bürgerkrieg haben und sich im Rest der Welt gar nichts geändert hat?

Ehrlicherweise muss man sagen, der Unterschied zwischen den ‚Guten’ und den ‚Bösen’ ist nicht, dass die ein Herz haben und wir keines, sondern  dass wir zusätzlich zum Herz auch noch ein Hirn haben.

(Applaus.)

Das Thema Euro ist das zweite, das ich kurz nennen will. Griechenland zu retten hat nicht funktioniert. Wir werden jetzt versuchen Italien zu retten, das kann schon gar nicht funktionieren. Und dann kommen irgendwann Frankreich und Spanien. Das ist völlig hoffnungslos. Das sind riesige Probleme.  Aber in Berlin beschäftigen wir uns mit anderen Dingen. Lieber Nigel, wir haben einen Nachtragshaushalt von €130 Millionen debattiert, um die öffentlichen Klos in Berlin gendergerecht zu gestalten, weil der Senat festgestellt hat, dass nur Männer im Stehen urinieren dürfen, Frauen aber nicht, weswegen wir jetzt Pissoirs für Frauen bekommen. Soviel zu rot-rot-grüner Ideologie, die unbedingt beendet gehört.

(Applaus.)

Ich habe gesagt, wir wollen unsere Kultur erhalten. Ich möchte Ihnen ein Bild mitgeben: Wir haben unsere Bundesparteitag im April in Köln abgehalten und die beiden Kirchen, die evangelische und die katholische, haben aus Anlass unseres Bundesparteitages zu Gebet gegen die AfD aufgerufen, ein Skandal ‚vor dem Herren’. Sie haben das Gebet unter dem Motto gestellt, ‚Unser Kreuz hat keine Haken.’ Ich möchte daran erinnern, was im Oktober 2016 passiert ist: Die obersten Vertreter unserer Kirchen, Kardinal Marx als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, und der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm, der Vorsitzender der EKD, auf den Tempelberg nach Jerusalem gereist,  und haben dort im Angesicht der Muslime das Kreuz abgelegt, aus Respekt gegenüber den Muslimen. Im Angesicht des Kreuzweges, auf dem Jesus Christus sein Kreuz getragen hat für uns, wo er in Golgotha an das Kreuz geschlagen worden ist. In Kenntnis darum, dass die größte verfolgte Gruppe auf diesem Globus die Christen sind, die für ihren Glauben sterben weil sie ihn nicht abgeben. Diese beiden obersten Repräsentanten haben das Kreuz abgelegt und sagen nun, ‚Unser Kreuz hat keine Haken’? Ich sage: Euer Kreuz hat nicht mal ein Kreuz.

(Applaus.)

Das wichtigste Thema im Programm der AfD ist das Thema direkte Demokratie. Wir wollen Volksentscheide nach Schweizer Vorbild. Wir haben gesehen, was im positiven Sinn daraus werden kann: Das Volk entscheidet sein Schicksal wieder selbst. Das britische Referendum ist ein Beispiel dafür. Man mag das Ergebnis sehen wie man will, einige kritisieren es. Die Briten haben so entschieden und das ist recht so. Sie wollen einen anderen Weg einschlagen, als das die politische Klasse gerne hätte. Volksentscheide sind deswegen wichtig.

Sie korrespondieren mit dem Menschenbild, das man hat: Ist der Mensch frei, oder ist er ein Sklave? Ist er fremdbestimmt oder selbstbestimmt? Ist er mündig oder unmündig? Denkt er selbstständig oder braucht er das betreute Denken? Wir sind der Meinung, der Mensch ist frei, mündig, selbstständig, und braucht in einer Demokratie nur Informationen, um sich seine Meinung selber zu bilden. An der Stelle haben wir eine leichte Kritik anzubringen, weil die Informationen, die medial vermittelt werden, nicht immer vollständig sind, vorsichtig ausgedrückt. Bestimmte Informationen werden vorenthalten. Nur ein Beispiel: Es gab vor wenigen Wochen in Spanien ein (Verbrechen), da haben drei Deutsche eine Frau vergewaltigt. Die Welt hat darüber berichtet, sie haben einen Artikel vom El País nur übersetzt. Nur zwei Worte nicht: Drei Deutsche marokkanischer Herkunft. Wir verlangen nur die ganze Information. Wir denken dann, was wir denken. Wir brauchen kein betreutes Denken, wir brauchen nur die Information und bilden uns dann unsere Meinung selbst.

(Applaus.)

Es gibt natürlich viele andere gute Gründe die AfD zu wählen. Ich möchte Ihnen nur unser Programm ans Herz legen, und das nicht noch referieren und anpreisen. Sie sind heute nicht gekommen um mich zu hören. Wir machen Wahlkampf bis zum 24. September und das Rennen um Platz 3 wird immer spannender, denn die SPD greift jetzt in diesen Machtkampf ein.

(Gelächter. Applaus.)

Lassen Sie uns also bis zum Schluss darum kämpfen, mindestens Platz 3 zu erobern, sage ich mit einem Augenzwinkern, und dann am 24.9. in den Deutschen Bundestag einzuziehen. lassen Sie uns am 24. September dem Deutschen Bundestag die Opposition zurück(geben). Holen wir uns unser Land zurück! Vielen Dank! Nigel, die Bühne gehört Ihnen!“

(Applaus.)

Nigel Farage: „Danke! Guten Tag, Berlin. Es ist jetzt ein Jahr her, dass ich Wahlkampf gemacht habe. Das war in einem US-Staat im Süden namens Mississippi im August letzten Jahres mit einem Herrn namens Donald J. Trump. Und es freut mich zu sagen, dass dieser Herr heute der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist! (Jubel. Applaus.)

Der Grund, warum ich das erwähne, ist, wenn die Geschichtsschreibung auf den Westen und seine Fortschritte und Rückschritte blicken wird, wird das Jahr 2016 als ein Wendepunkt gelten. Ein Jahr, in dem zwei außergewöhnliche Dinge passiert sind: Erstens, und manchmal muss ich mich immer noch kneifen und vergewissern, dass ich nicht träume, etwas das am 23. 6. 2016 im Vereinigten Königreich stattfand namens Brexit. (Applaus.) Es geschah obwohl unsere sogenannten Volksparteien alle dagegen waren. Obwohl unsere großen Medien, unsere Gewerkschaften und großen Firmen alle dagegen waren. Frau Merkel hat uns auch gesagt, wir sollen dagegen stimmen. Jean-Claude Juncker hat lieber den Mund gehalten, denn er wusste, jedes Wort von ihm bringt uns noch ein paar Stimmen mehr. Präsident Barack Obama kam sogar ins Vereinigte Königreich, blickte uns abfällig an und sagte, wenn ihr es wagt für eure Unabhängigkeit zu stimmen, wieder eine stolze, souveräne, selbstbestimmte, demokratische Nation zu werden, müsst ihr euch ganz hinten in der Schlange anstellen. Und wissen Sie was wir uns gedacht haben, als die Welteliten und Herrscher so zu uns sprachen, als die linken Medien und Establishment-Politiker uns gesagt haben, wir seien nicht groß genug, nicht stark genug, nicht gut genug um unser Land selbst zu regieren und selbst zu entscheiden? Wir haben gedacht: Ihr könnt alle zur Hölle fahren!

(Applaus.)

Und dieses Erdbeben in Britannien, der Brexit, war Vorbote dessen, was am 8. November vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten passiert ist. Es war wieder das selbe Spiel: Sie sagten es sei unmöglich. Trump könne niemals gewinnen. Die Medien haben ihnen gehasst. Die Gewerkschaften haben ihn gehasst. Die Großbanken haben ihn gehasst. Die multinationalen Konzerne haben ihn gehasst. Sogar viele in seiner eigenen Partei, den Republikanern, haben ihn gehasst. Aber er stand für eine Botschaft: Dass es nichts Schlechtes ist, auf das eigene Land stolz zu sein. Dass es nicht verkehrt ist, stolz auf die eigene Fahne zu sein. Dass es nicht verkehrt ist, wenn eine Regierung ihr eigenes Volk und ihre eigene Kultur verteidigt.

Diese Botschaft kam bei den Leuten gut an. Je mehr sie ihn angefeindet haben, desto besser schnitt er ab. Und er hat sogar gewonnen. Wieder war es ein Erdbeben in der westlichen Politik. Es gibt die Stimmen – und ich höre sie in den Fahrstühlen im Europäischen Parlament in Straßburg, die sagen das sicher für meine Ohren. Sie sagen, es wird alles gut, der Aufstand der Populisten von 2016 ist vorbei, jetzt können wir wieder zur Tagesordnung übergehen. Tony Blair reist jetzt um die Welt und erzählt das jedem, der ihm zuhören will. Wenigstens führt er uns nicht mehr in illegale Kriege. Das ist zumindest ein Fortschritt.

(Applaus.)

Hören Sie nicht auf diese Weltuntergangspropheten. Sie sagen, Monsieur Macron hat in Frankreich gewonnen, das beweist, der Aufstand ist vorbei. Dabei ignorieren sie, dass in der ersten Wahlrunde in Frankreich 46,5% aller Stimmen an überzeugte Gegner der Europäischen Union gegangen sind. So etwas wäre vor 10 Jahren völlig undenkbar gewesen. Diese Bugwelle der außergewöhnlichen Ereignisse von 2016 pflanzt sich immer noch fort. Und etwas genauso Wichtiges wird jetzt bald in Deutschland stattfinden. Ich habe ja keine offizielle Verbindung zur AfD. Ich will keinem deutschen Wähler sagen, was er zu tun hat.  Ich bin hier als persönlicher Gast von Beatrix von Storch. Ich kannte sie schon lange, bevor sie in die Politik gegangen ist. Ich kenne sie als jemand mit aufrichtigen, ehrlichen Prinzipien, die nur das Beste für ihr Land und die Zukunft Europas will. (Applaus.)

Beatrix und ich sind Freunde. Uns verbinden viele gemeinsame Werte, und es wird etwas Großartiges sein, sie in wenigen Wochen im nächsten Bundestag zu sehen! Endlich wird es wieder eine Stimme der Opposition im Bundestag geben, und davor haben sie im Moment mächtig Angst. Es ist also ein großer, wichtiger Moment. Der Kampf ums Kanzleramt ist natürlich eine andere Frage. Ich habe Frau Merkel nur wenige Male getroffen. Das letzte Mal war, als sie im Europäischen Parlament zu Gast war. Ich hatte eine – wie ich fand – sehr höfliche Diskussion über das völlige Versagen der Europäischen Union, und wie der Norden und Süden der Eurozone nicht harmonisch und freundschaftlich zusammengeführt, sondern immer weiter auseinandergetrieben wurden. Unser letztes Treffen war leider vor ihrer Entscheidung in der Migrantenkrise, denn ich hätte ihr so gerne öffentlich gesagt, dass ihre Ansage jeden aufzunehmen, der kommen wollte, vermutlich die größte Fehlentscheidung eines westlichen Regierungschefs in der Neuzeit war.

(Applaus.)

An dem Tag ging es jedoch nur um den Euro. Als ich meine Gedanken zu ihrer Führung Europas mit ihr teilte sah sie mich mit großem und wachsendem Entsetzen an, als würde sie eine Zitrone lutschen. Sie war wirklich nicht sehr erfreut. Und dann gibt es natürlich den Herrn Martin Schulz.

(Buhrufe.)

Wieso buhen Sie? Ich kenne ihn wenigstens persönlich. (Lacher.)

Schulz ist ein Fanatiker. Ein völliger Fanatiker. Er findet, das europäische Projekt muss den Bürgern Europas aufgezwungen werden, ob sie es wollen oder nicht. Er ist in dieser Hinsicht ein sehr, sehr gefährlicher Mann. Das meine ich wirklich. (Applaus.) Auf YouTube kann man etliche, wenn ich so sagen darf,  ziemlich epische Videos finden, in denen Martin Schulz und ich uns im Europäischen Parlament gegenseitig austauschen.  Das Merkwürdige an dieser Wahl, und oft auch in der Europapolitik ist, es geht zwar um zwei sehr unterschiedliche Charaktere, aber die Politik die beide machen wollen ist im Endeffekt dieselbe. Beide glauben, der Euro ist eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte. Beide standen voll hinter Angela Merkels Aufruf an die ganze Welt, nach Europa zu kommen. In der TV-Debatte letztes Wochenende hat Martin Schulz vorgegaukelt, sich Sorgen um die Dauer der Integration von über einer Million Zuwanderer zu machen, hat jedoch damals jeden verurteilt der es wagte, Merkels Migrationspolitik zu kritisieren.

Das bedeutet, dass die wichtigen Fragen in dieser Wahl in Deutschland ausgeklammert werden, und deshalb ist es so wichtig und historisch, dass Beatrix und ihre Parteigenossen in den Bundestag einziehen. Sehen Sie, ich kenne das. Ich habe das auch schon durchgemacht, was Ihnen bevorsteht. Ich bin ganz am Anfang in die UKIP eingetreten, obwohl ich davor nie etwas mit Politik am Hut hatte. Das ist in politischen Kreisen so etwas wie ein schmutziges Geheimnis: Bevor ich in die Politik ging, meine Damen und Herren, hatte ich einen richtigen Job in der richtigen Arbeitswelt, was sagt man dazu? Hat man sowas schon mal gehört? Unsere Politik wird heute dominiert von den selben Leuten, die auf die selben Schulen und Universitäten gehen, und dann untereinander heiraten. So läuft das jedenfalls in der britischen Politik. Das sind alles Leute, die noch nie einen richtigen Job gehabt haben und gar keinen Bezug zu normalen Bürgern haben. Das ist noch ein Grund für den Brexit. Ich war zwanzig Jahre in der Metallindustrie, nicht-eisenhaltige Metalle. Ich kenne Deutschland daher sehr gut. Es gibt kaum eine Stadt im Rhein-Ruhrgebiet, die ich in den 80ern und 90ern nicht besucht habe.

Ich ging in die Politik, weil ich zu der Ansicht gelangte, dass die Europapolitik und der Euro nicht gut für die Wirtschaft sei, sondern nur für die Großkonzerne, für die Multis und Großbanken, aber niemals für den Kleinunternehmer, der seine eigene Firma gründen will, die mittelständischen Betriebe, die die Großen herausfordern wollen. Anfang der 90er habe ich beschlossen, dass ich so nicht weitermachen konnte, die normale Politik zu unterstützen, sondern dass ich etwas dagegen machen müsse. Zu dieser Zeit dachte jeder, den ich privat oder geschäftlich kannte, in meinem Heimatort in Kent, meine Eltern, meine Freunde, meine Familie, sogar meine jungen Kinder, ich müsse verrückt sein. Ich müsse geisteskrank sein oder Drogen genommen haben. (Gelächter.) Ich redete über ein Thema, über das keiner sprach. Ein Randthema. Damals haben alle gesagt, Nigel, du kannst sagen was du willst, Großbritannien wird auf jeden Fall den Euro bekommen. Wir werden auf jeden Fall die Vereinigten Staaten von Europa werden.

Wenn man eine dezidierte Meinung hat, die ungewöhnlich ist, wie vermittelt man sie den anderen? Wie kommt man an den Mainstreammedien vorbei, die einem keine Chance geben? Wie bringt man eine objektive Diskussion über solche Themen zustande? In unserem Fall brauchte das ein Vierteljahrhundert und die Erfindung des Internets, um ans Ziel zu kommen. Aber sobald wir in der Lage waren, Leute zu erreichen, dank YouTube, wo meine Diskussionen mit Leuten wie Herman van Rompuy hinter dem Rücken der BBC von Millionen Menschen gesehen wurden. Sobald man die Mittel und Möglichkeiten hat, den Status quo herauszufordern, kann man ein Land zum Nachdenken bringen. Beatrix, das ist eine große Gelegenheit, und eine große Verantwortung, die du jetzt hast, in Berlin und Deutschland, auf deinem nächsten Schritt. Du und deine Mitstreiter haben eine große Gelegenheit, im größten, stärksten, einflussreichsten Land in Europa, und außerdem dem spendabelsten, dank Ihnen, den deutschen Steuerzahlern, und ich muss sagen, ihr seid wirklich sehr, sehr großzügig, die größten Nettozahler der Europäischen Union!

Aber der Knackpunkt ist: Sobald man in der Lage ist, das Unsagbare auszusprechen, beginnen die Menschen auch, das Undenkbare zu denken. So schlägt man das System. Es gibt jedoch eine Frage, die in diesem deutschen Wahlkampf komplett ausgespart wird. Es liegt eigentlich auf der Hand, dass der Brexit der größte Wendepunkt in der Europäischen Union seit den Verträgen von Rom im Jahr 1957 ist. Man kann das gut finden oder nicht, wie Herr Schulz, das ist egal. In jedem Fall ist es die größte Herausforderung, die die Europäische Union je erlebt hat, genauso wie für uns. Für uns ist das eine größere Herausforderung als wir seit vielen Jahren erlebt haben. Es ist verfassungstechnisch ein großer Umbruch. Wir werden wieder so regieren, wie wir das viele Jahrhunderte erfolgreich gemacht haben. Damit habe ich kein Problem, ich finde das einleuchtend. Aber diese Verhandlungen laufen, und werden so dargestellt, als würde der Brexit ein Desaster für die UK. Man sagt uns, wenn wir ohne Freihandelsvereinbarung den Binnenmarkt verlassen, werden wir und unsere Wirtschaft von einer Klippe stürzen. Niemand wird mehr mit uns Handel treiben, wird uns gesagt. Es wird Millionen Arbeitslose geben, wird uns gesagt, die Menschen werden auf der Straße verhungern, eine schwarze Heuschreckenplage wird über uns herfallen. Es wird eine Katastrophe, wenn wir den Binnenmarkt verlassen, sagt man uns.

Wenn das der Einwand der großen Konzerne und der großen Banken ist, der Einwand der Europäischen Kommission, von weiten Teilen der linken Medien und vielen Politikern und Beamten in Brüssel und Europa, wenn der Brexit wirklich so schlimm ist, warum ist das kein Thema im deutschen Wahlkampf? Handel ist schließlich keine Einbahnstraße, das geht uns beide etwas an. Es gibt nämlich – mit Verlaub, unter uns gesagt – ein klitzekleines Ungleichgewicht in den Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und den UK. Deutschland verkauft uns Autos und Waschmaschinen. Es sind gute Autos und gute Waschmaschinen. Wir glauben, wenn ‚Made in Germany’ irgendwo draufsteht, dann steht das für gute Ingenieurskunst, gute Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Davon sind die Verbraucher bei uns überzeugt. Wenn die Leute sagen, der Brexit wird ein Desaster, keiner wird mehr mit uns Handel treiben, dann sage ich, guck mal aus dem Fenster: Von den nächsten hundert Autos die vorbeifahren, wieviele davon wurden in Deutschland hergestellt?

Der Punkt ist: Ihr verkauft uns jährlich €30 Milliarden mehr als wir Euch verkaufen. Manche Jahre ist es sogar noch mehr, das ist eine niedrig gegriffene Zahl. 1,3 Millionen gutbezahlte deutsche Arbeitsplätze hängen von diesem Export ab. Wenn ein Bruch mit dem EU-Markt so ein Desaster für die UK sein soll, ist es sicher nicht minder ein Problem für Deutschland, oder? Wir haben hier also ein gemeinsames Interesse, das britische Volk und das deutsche, die Brexit-Verhandlungen zum Erfolg zu führen. Bitte glauben Sie den Darstellungen in weiten Teilen der deutschen Medien nicht, dass nur wir die Leidtragenden sein werden. Und wenn ich etwas sagen darf – ich habe gerade eure Ingenieure und Produkte gelobt, da darf ich auch mal ein wenig über die deutschen Medien lästern, die keine vernünftigen Argumente anbieten, weder zu Europa noch sonst irgendwas. Sie scheinen alle nur eine Seite der Debatte zu repräsentieren. Und das ist sehr, sehr traurig.

Auch wenn es wieder Zölle geben sollte, was ich nicht glaube, dann werden wir nicht aufhören, miteinander Handel zu treiben, es wird vielleicht nur etwas weniger sein. Dieser Deal ist also in beiderseitigem Interesse. Trotzdem wird in Eurem Wahlkampf, auch in dem großen TV-Duell letzten Sonntag – der von 20 Millionen Menschen gesehen wurde, Respekt! Die haben sich vermutlich irgendwann ziemlich gelangweilt, aber was soll’s – Nur der Brexit wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt. Frau Merkel redet nicht über den Brexit. Herr Schulz redet nicht über den Brexit. Sie reden deshalb nicht darüber, weil es sehr peinlich ist für den europäischen Traum, den beide teilen.

Worum geht es beim Brexit? Wir lehnen die politische Einheit ab – nicht die europäische Zusammenarbeit. Ganz im Gegenteil. Wir wollen mit Europa handeln. Wir wollen mit Deutschland, Frankreich und den anderen europäischen Ländern zusammenarbeiten. Wir wollen Gegenseitigkeit, Studentenaustausch und gemeinsam gegen Menschenhandel, Terror und Umweltverschmutzung kämpfen. Wir wollen eure besten Nachbarn und Freunde sein. Was wir nicht wollen ist, von einer Riege alter Männer regiert zu werden, die kein Mensch je gewählt hat, die in diesen Stahl-und-Glas-Türmen hausen, mit ihren fetten Gehältern und noch fetteren Pensionen. Das ist alles was wir sagen.

Und trotzdem sind es genau diese Herrschaften in Brüssel – Juncker, Barnier, Verhofstadt – die alles in ihrer Macht stehende tun, damit der Brexit nicht funktioniert. Sie haben bereits eine Reihe unmöglicher Forderungen vorgelegt, sie haben keine Spur von gutem Willen in den Verhandlungen an den Tag gelegt. Das sind die Herrschaften, die angeblich Ihre Interessen vertreten. Das tun sie überhaupt nicht. Sie vertreten nur ihre eigenen Interessen. Das ist das ganze Problem mit der EU, meine Damen und Herren. So gut gemeint und sinnvoll das in den 1950ern gewesen sein mag, die Länder Europas nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges zusammen zu bringen, jetzt ist es ein lebender, denkender, selbstständiger Organismus geworden, der in seinem eigenen Interesse handelt. Wenn sie der UK ein sinnvolles Handelsabkommen verweigern, dann trifft das auch die bayerischen Autobauer und die Waschmaschinenhersteller im Rheinland und Ruhrgebiet. Diese Menschen handeln nicht in eurem Interesse! Sie wollen nur ihr Reich und ihre Pfründe sichern!

In den verbleibenden zwei Wochen der Wahl ermutige ich Beatrix und ihre Mitstreiter den Brexit zu einem wichtigen Wahlkampfthema zu machen. Es liegt an euch, euch für die Rechte und Interessen deutscher Arbeitnehmer und deutschen Familien einzusetzen. Als ich vor einem Jahr mit diesem New Yorker Geschäftsmann auf der Bühne stand, hat er beschlossen, die Interessen amerikanischer Arbeitnehmer und amerikanischer Firmen an erster Stelle zu setzen. Und was hat das ihm bei der Wahl gebracht?

Ihr habt es in der Hand, bei der Wahl damit zu punkten, aber auch etwas Größeres zu leisten, im Interesse eures Volkes und eurer Arbeitnehmer. Frau Merkel muss sich entscheiden, ob sie die Interessen ihre eigenen Volkes oder die von Brüssel an erster Stelle stellt. Wir müssen in den kommenden Jahren enormen Druck auf Frau Merkel aufbauen. Ich habe immer geglaubt, dass es sehr schwierig sein würde, die EU zu reformieren. Aber wenn ein Land dazu in der Lage ist, einen Richtungswandel herbeizuführen und wieder das Primat der souveränen Nationalstaaten herbeizuführen, ist es Deutschland, aufgrund eures Einflusses und eurer Größe.

(Applaus.)

Aber nichts davon wird passieren, wenn das Establishment nicht bedroht wird, herausgefordert wird, und Angst bekommt. Und das wird nur passieren, wenn normale Menschen aus allen Regionen und Schichten aufstehen und für das kämpfen, woran sie glauben. Ich habe für das gekämpft woran ich geglaubt habe, und ich hoffe Sie werden es auch! Vielen Dank!“

Hier die ganze Rede auf Facebook.

Hier die Rede von Nigel Farage auf YouTube.

Hier das anschließende Q&A mit dem Publikum.

Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump. Bei Verlagsinteresse bitte Zuschrift.

 

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