Ende des Boykotts: TV-Sender müssen lernen, mit der AfD zu leben.

Alice Weidel (AfD) (Bild: JouWatch)
Alice Weidel (AfD) (Bild: JouWatch)

Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, und nun kommen die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr umhin, auch Gäste der drittstärksten Partei in Deutschland einzuladen, der AfD. Dabei wurde die Partei seit Anfang 2017 bei TV-Auftritten regelrecht boykottiert.

Von Collin McMahon

Seit dem Skandal um das unprofessionelle Verhalten von Marietta Slomka ist vermutlich auch dem Letzten klar, dass die Fernsehsender bewusst die AfD benachteiligen und diffamieren. Doch der Slomka-Skandal markiert nicht den Anfang, sondern den bisherigen Tiefpunkt der Benachteiligung der AfD. Bereits im März hatte Parteivorsitzende Frauke Petry die Moderatorin  Dunja Hayali als „Politiaktivistin“ bezeichnet und ein Auftritt in dem von ihr moderierten Morgenmagazin boykottiert. Diese Woche sagte Spitzenkandidatin Alice Weidel ihre Teilnahme an der Sendung „Illner Intensiv“ ab, ebenso wie Alexander Gauland. (Stattdessen kam André Poggenburg.)

Bei dieser Flut an Absagen gerät schnell aus dem Blick, dass die Sender eher die AfD boykottiert haben als anders herum. „Anfang 2017 gab es einen richtigen Einschnitt, auch in der Presse“, sagt ein Insider. Kollegen in den Redaktionen bestätigen hinter vorgehaltener Hand, dass plötzlich Geschichten über die AfD nicht mehr veröffentlicht wurden, auch wenn es klar war, dass sie von den Lesern stark nachgefragt wurden. Politiker der AfD wurden nicht mehr ins Fernsehen eingeladen.

Der Pressesprecher von AfD Bundessprecher Jörg Meuthen, Michael Klonovsky, hat nachgezählt: Von 162 eingeladenen Politikern bei den vier großen Talkshows Hart aber Fair, Maybrit Illner, Menschen bei Maischberger und Anne Will im ersten Halbjahr 2017 seien nur vier AfD-Vertreter gewesen. Die AfD-Vertreter kamen auf einen Anteil von 2,5%. Jörg Meuthen im Juli gegenüber dem Focus: „Es ist schwer, mit Themen durchzudringen, wenn sie vor allem von den öffentlich-rechtlichen Medien nicht transportiert werden. Wir überlegen gerade, ob wir uns in die Talkshows einklagen.“

Auch AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel, diese Woche scheinbar omnipräsent im „Fünfkampf der kleinen Parteien“ und dem entlarvenden „Wie geht’s, Deutschland“, war seit ihrer Nominierung zur Spitzenkandidatin auf dem Parteitag in Köln am 23.4.2017 bis zu ihrem Auftritt bei Anne Will am 20.8. in keine der großen Talkshows eingeladen worden.

Erstaunlich eigentlich, dass sich keines der großen Polit-Formate für eine junge, attraktive, intelligente, lesbische Spitzenkandidatin interessiert hatte. Wäre sie nicht in der „falschen“ Partei, wäre sie sicher ein Talk-Dauergast wie Karl Lauterbach, Christian Lindner oder Sarah Wagenknecht. Lindner und Wagenknecht sind Spitzenreiter im Ranking der am öftesten eingeladenen Gäste. Vor allem vor der NRW-Wahl wurde Lindner vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen regelrecht hofiert. Offenbar besteht ein großes Interesse daran, dass ein Teil der Wähler, die sich seit 2013 bei der AfD heimisch fühlen, nun doch wieder bei der FDP ihr Kreuzchen machen.

Dass es bei der Auswahl der Gäste sowohl auf bundes- wie auf Länderebene einzig um das Parteibuch geht, beweist der Fall Bystron. Der bayerische AfD-Landeschef wurde im ganzen Jahr 2017 kein einziges Mal ins TV eingeladen, obwohl er mindestens ebenso adrett wie Lindner rüber kommt. Bystron war im Frühjahr 2016 zwei Mal in die Münchner Runde von Bayerischen Rundfunk eingeladen. Bei der ersten hat er den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann vorgeführt. Bei der zweiten dann gleich den damaligen SPD-Chef Florian Pronold, den Grünen  Anton Hofreiter sowie die Fraktionschefin der CSU Gerda Hasselfeldt in Grund und Boden geredet. Seitdem hatte er bis zur „Kontrovers Wahlarena“ diese Woche Sendepause beim Bayerischen Rundfunk.

Am 18.9. gastiert Weidel bei „Hart aber Fair“. Am 21.9. tritt Alexander Gauland bei der ARD Schlussrunde der Spitzenkandidaten auf.

Hier alle Termine der AfD-Kandidaten.

 

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