Phänomene und digitale Demenz

Foto: Durch Han maomin/Shutterstock
Mit dem Notarzt ins Krankenhaus (Foto: Durch Han maomin/Shutterstock)

Die Tagen werden wieder kürzer, wie der Volksmund mit seinem Hang zur mitunter naiven Heiterkeit gerne behauptet. Dann schreibe ich am fröhlichsten Weltmeer gerne ein paar Texte mit Spuren von Ironie. Mir ist vor Kurzem wieder aufgefallen, beziehungsweise ich habe mich daran erinnert, daß es in vielen medizinischen Fragen eine große Diskrepanz gibt zwischen dem, was man zu glauben oder zu wissen meint und dem, was man wissen könnte, müßte, sollte, um einen tatsächlichen Nutzen davon zu haben. Mal am Beispiel der Patienten. Viele fühlen sich durch „das Internet“ bestens informiert.

Von Roi Henry

Mit einem üppigen Suchergebnis  auf diffuse Anfragen bei Google. Daß Zensur jetzt nicht automatisch die Falschinformationen filtert, darf man voraussetzen. Fast jeder Scharlatan ist ja mindestens seiner Landessprache mächtig und das Angebot an denkbarem Krimskrams ist nahezu unerschöpflich. Viele wissen aber auch durch ihre Recherche tatsächlich in Detailfragen gut bis sehr gut Bescheid. Sie verwenden offenbar ihren eigenen Qualitätscheck für Internet-Informationen und suchen gezielt auf den richtigen Seiten. Das freut ihre behandelnden Ärzte immer außerordentlich und trägt wie fast alles andere zur Vertrauensbildung bei. Bald kommt ein Mediziner – ganz ohne Ausbildung- auf  vier Einwohner. Das kann auch in vielen anderen Bereichen des Lebens Schule machen. Bildung, Information, Politik.

Mit der Wende kamen übrigens die praktischen Ärzte. Oft ohne abgeschlossene Facharzt-Ausbildung, aber mit der Lizenz  wie 007 zum, nein, das ist mir nur so rausgerutscht, aber fast alles und jeden „verarzten“ zu dürfen. Auch Kinder. Bei jungen Säuglingen gehört im Rahmen der Entwicklungsuntersuchungen der Hüftultraschall bis heute dazu, weil viele die klinische Untersuchung der Säuglingshüften nicht mehr beherrschen und die Hüftdysplasien nicht zeitig genug erkannt werden. Es gibt also im Prinzip ein Screening-Verfahren, welches enorme Kosten verursacht, beträchtliche Mängel in der Ausbildung verdeckt und eine sehr gute Innovation, die der Ultraschall nun einmal ist, etwas in Verruf bringt. Die Herzspezialisten retten das Ganze allerdings auf höchstem Niveau. Als ich nämlich zusehen konnte, wie eine Koronararterie gereinigt und mir ein Stent eingesetzt wurde, sprangen mir vor Begeisterung fast die Augen aus dem Kopf. Herzkatheter kann ich jetzt also allen empfehlen. Für zehntausend Euro weiß man dann, daß das kleine Kranzgefäß wieder frei ist. Kassenpatienten und Migranten bekommen es bestimmt billiger, wenn nicht gar geschenkt.

Andere Vorsorgeuntersuchungen führen nun aber zu wirklichen Problemen und erfüllen fast durch die Bank nicht die Erwartungen, die an diese gestellt werden. Der wichtigste Grund dafür liegt darin, daß es keine Vorsorge, sondern im besten Fall eine zufällige Früherkennung ist. Es werden selten Vorstufen der gesuchten Erkrankungen erfaßt und dementsprechend profitieren gesunde Menschen auch selten von diesen Untersuchungen. Einen Schaden wegen Falschbefundung, Überdiagnostik und Übertherapie erleiden hingegen wesentlich mehr.

Zu Mammographie, Glaukom und Prostatakarzinom-„Vorsorge“ gehe man auf die Seiten des Arznei-Telegramms und überprüfe dies. Das schmucklose Blättchen mit brisantem Inhalt finanziert sich durch Abonnenten, es legt Wert auf Offenlegung von Interessenkonflikten und Wert auf exakte Studien. Andere Seiten mit solch hoher Glaubwürdigkeit sind mir im Internet nicht aufgefallen.

Nun haben wir es zur Zeit mit einigen geschichtsträchtigen Phänomenen zu tun. Da sind nur als Beispiel die hervorragend gelungene Energiewende und das empathische Eintreten der Impflobby für Menschenrechte, flankiert von immer offener werdenden Diskussionen und freier Rede, besonders in Nürnberg, um Nürnberg und um Nürnberg herum. Ganz besonders auch in täglichen Talk-Shows auf hohem Niveau mit gebildeten und anständigen Gästen.

Der kleine Ausflug zum Thema Hellsehen und beginnende digitale Demenz ist hiermit vorerst zu Ende. Noch ein Blick in die Zukunft. Dank der vielen fleißigen Wissenschaftler und Ingenieure wird man bald in der Lage sein, überall kranke oder insuffiziente Organe oder Organteile auszuwechseln. Wenn man dann noch die eingebaute Obsoleszenz berücksichtigt, kommt es zu heftigem wirtschaftlichen Aufschwung. Ein RFID-Chip wird dazu beitragen, dies alles artig zu koordinieren. (RH)

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.