Konjunktur durch Migrationsforschung

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Sieh an, sieh an - so funktioniert also Migration. Ein Forscher bei der Arbeit (Foto: Durch joker1991/Shutterstock)

In letzter Zeit hat Deutschland wenig positive Schlagzeilen in Sachen innovativer Technologien oder technischer Großprojekte produziert. Stattdessen reihen sich die Peinlichkeiten wie Perlen in einer Kette aneinander. Stuttgart21, BER, eine misslungene Tunnelquerung der Rheintalbahnstrecke…die Liste wird länger und peinlicher. Ganz allgemein droht Deutschland mittelfristig der Anschluss im naturwissenschaftlich/technischen Bereich an die Weltspitze verloren zu gehen, besonders in den technischen Ingenieurberufen gibt es mittlerweile einen kaum noch zu ertragenen Mangel an Spezialisten. Ein Mangel, der sich durch die heute stattfindende Migration nicht beheben lässt. Zum Glück gibt es aber immer noch Fachbereiche, in denen wir absolute Weltspitze sind: zum Beispiel in der Migrationsforschung. Man könnte fast sagen, wir haben diesen Fachbereich erfunden!

Von Roger Letsch

Deshalb kann man Andreas Pott, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, die leuchtenden Augen förmlich ansehen, als er dem Ministerium für Bildung und Forschung, seiner Honigquelle, kürzlich ein Interview gab, in dem er begeistert vom wachsenden Interesse an seinem Fach sprach. Das Interesse sei förmlich explodiert! Diese Konjunktur seiner Expertise schlägt sich natürlich auch in den Forschungsmöglichkeiten nieder. Auf die Frage, ob das wohl immer noch zu wenig sei, antwortet Pott voller Enthusiasmus:

„Und ob. Wir müssen die Forschung zu Migration, Flüchtlingspolitik und Integration viel enger vernetzen. Noch immer wissen wir zu wenig über das Verhältnis von Mobilität und Immobilität, über die Wechselbeziehungen verschiedener Orte und Bewegungen, über den Zusammenhang von Gewalt und Migration, über die Bedeutung von Kategorien wie „Flucht“, „Islam“ oder „Migrationshintergrund“. Nur wenn wir hier weiterforschen, können wir Migration und ihre Folgen verstehen – und sie und den durch sie bedingten gesellschaftlichen Wandel bei uns möglichst auch gestalten.“

Ich brauchte eine Weile, um nach dieser Antwort wieder Luft zu bekommen. Mobilität und Immobilität, Ort und Bewegung, Gewalt und Migration, Ying und Yang, Hoch und Tief, Dick und Doof. Was ist das hier, ein Wettrennen? Untersucht man auch das Verhältnis von Schwimmern zu Nichtschwimmern beim Überqueren des Mittelmeers und freut man sich, dass man den „Zusammenhang von Gewalt und Migration“ nun endlich auch in Köln oder Berlin beobachten kann? Und während sich das IMIS noch an die Bedeutung von „Flucht“ und „Islam“ herandefiniert, schafft die ungesteuerte aber „völlig erwartbare“ Migration Fakten. Fakten, an denen sich die Migrationsforscher gern empirisch entlang pirschen, die sie aber weder beeinflussen noch vorhersehen können. Die Grenzöffnung im Jahr 2015 ließ die Forscher jedenfalls über ihr eigenes Narrativ stolpern. Ihre Forderung nämlich, endlich mehr Migration zuzulassen und Deutschland zum Einwanderungsland zu machen, wurde auf wundersame Weise schlagartig erfüllt. Was wiederum dazu führte, dass sich die Kritik der Forscher nun vor allem auf die mangelhafte Vorbereitung und dem Widerwillen der tumben Deutschen kaprizierte, welche einfach ihre Chancen nicht begreifen wollen. Denn wer Flucht und Migration zum menschlichen Normalzustand erklärt, der muss natürlich kritisieren, wenn der unwillige, immobile Normalbürger ohne Fluchtneigung nicht darauf vorbereitet ist, mal eben ein paar Dauerschlafgäste aufzunehmen oder selbst bei Bedarf hastig die Flucht zu ergreifen.

Wer sein Fachgebiet jedoch gänzlich frei machen will von den Zeitläuften, der stellt es zudem möglichst breit auf. Und als Prof. Pott in seiner Festansprache zum 25-jährigen Institutsgeburtstag auch die Studenten, die von außerhalb nach Osnabrück zum Studium kämen, zu Migranten erklärte (hier, etwa ab 1:16:00) und niemand im Auditorium lachte, war spätestens jetzt das Forschungsfeld großzügig abgesteckt. Jede Bewegung kann man offenbar als Migration verstehen, ob man sich nun aus der Sahelzone auf den Weg nach Finnland macht, oder mit einem REWE-Einkaufskorb in eine Aldi-Filiale fährt. So bleibt dem Forscher immer ausreichend zu tun und sein Forschungsgegenstand so normal und allgegenwärtig, wie das Wetter für den Meteorologen. Wetter ist immer, Migration ist immer und was immer ist, ist normal. Punkt.

Das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück, gegründet 1991, gehört zu den wichtigsten Stichwortgebern von Staatsministerin Özoğuz und diese sprach bereits 2015 in ihrem Grußwort anlässlich des 25-jährigen Bestehens des IMIS von den „Erfordernissen eines neuen Leitbildes“, welches sie etwa ein Jahr später als allseits bekanntes „Strategiepapier“ vorlegte. „Vom Einwanderungsland zur Einwanderungsgesellschaft“, das sei der richtige Weg meinen IMIS und Ministerin im Gleichklang. Wer also wissen möchte, wer auf die Idee kam, Migration sei in Deutschland eine Aufgabe, die jeder einzelne Bürger mindestens genauso intensiv wie Kindererziehung und Körperpflege aktiv zu betreiben habe, der lese aufmerksame die Publikationen der Forscher aus Osnabrück, deren Argumentation sich 1:1 in den Reden diverser deutscher Politiker wiederfindet.

Einen unverstellten Einblick in das Selbstverständnis angehender Migrationsforscherinnen bietet auch ein kleiner YouTube-Film der Studenten des Instituts aus dem Jahr 2015. Man fährt offenbar viel Rad, schaut seinen Professoren zu, wenn diese – als Migrations-Experten untertitelt – in „Brennpunkt“-Sendungen über Terrorismus Auskunft geben und kommt erstaunlicherweise zu dem Schluss, dass „Subjektivität etwas ganz normales“ sei und man nur  „im eigenen kleinen Container sitze und sich die Welt anschaue“. So viel Selbstkritik hätte ich gar nicht erwartet! Na denn, auf zur Demo „Die Festung brechen, neue Wege wagen – Demonstration gegen die europäische Abschottungspolitik.“ Ein Slogan, der zwei Jahre später und angesichts zu Festungen ausgebauter Veranstaltungen wie ein geschmackloser Witz klingt. Dabei ist Subjektivität tatsächlich etwas ganz Normales. Normal ist aber auch, dass die meisten Menschen auf dieser Welt Flucht und Migration als absoluten Ausnahmezustand betrachten und im Einzelfall alles andere als erfreut darüber sind, sich auf den Weg in ein anderes Land zu machen, anstatt im Herkunftsland ein möglichst ruhiges, friedliches Leben führen zu können, und nur gelegentlich zum Zweck eines Studiums im Ausland, eines Urlaubs oder eines Einkaufs bei Aldi zu „migrieren“. Zyniker wie ich könnten sogar mutmaßen, dass der Migrationsforscher von heute geradezu angewiesen ist auf ausgerechnet jene Kräfte, die weltweit die Migrationsströme am Laufen halten: Mangel an Liberalität, Korruption, religiöser Fundamentalismus, ethnische Konflikte und Bürgerkrieg. Das gesteht man sich aber nicht so gern ein und erklärt die Migration stattdessen zum „weiten Feld“ und zum Normalzustand menschlicher Existenz.

Die Jahrhunderte lange Erfahrung der Feuerwehr mit Bränden aller Art hat zu vielen Regularien in Sachen Brandschutz geführt, die Forschung der Migrationsforscher läuft in Analogie aber darauf hinaus, sich statt mit Brandschutz lieber damit zu befassen, wie warm und farbenfroh das Stadtbild durch die gleichmäßige Verteilung brennender Dächer werden kann. Das Feuer als Chance, und Neros Vision vom „neuen Rom“ als Blaupause einer dynamischen, mobilen, heterogenen Migrationsgesellschaft. Panta rhei, alles fließt, wer rastet, der rostet, oder, bezogen auf die Aufnahmegesellschaft: stellt euch nicht so an!

Nun ist eine gewisse Verliebtheit in das eigene Forschungsobjekt durchaus nachvollziehbar, ganz gleich ob es sich um Ornithologie, Vulkanologie oder Migrationsforschung handelt. Mir ist jedoch kein Vulkanologe bekannt, der etwa den Vesuv aus Fachinteresse gern mal wieder ausbrechen sehen würde, um die Fließgeschwindigkeit der Lava in Beziehung zum Fitness-Level der Einwohner Neapels setzen zu können. Migrationsforscher ticken da offenbar anders. Sie halten es für wenig hilfreich, dass menschliche Gemeinschaften dazu tendieren, durch Homogenität halbwegs stabile Gesellschaften zu bilden und nicht hinnehmen wollen, dass Migration ein „erwartbarer Normalzustand“ sein soll.

Prof. Pott weiter im Interview mit dem Ministerium: „…Institutionell und mental wandelt sich Deutschland vom Nichteinwanderungsland zu einer Migrationsgesellschaft. Insofern schafft Migrationsforschung neue Möglichkeiten der Gesellschaftsanalyse. Das ist spannend und freilich ein großer Anspruch.“

Die Politik nimmt diese Analyse dankbar auf, indem sie nach und nach Migration zur Pflicht für das jeweilige Aufnahmeland erklärt, auf EU-Ebene wird dies zumindest versucht und die ganze Misere der Flüchtlingskrise auf mangelnde Bereitschaft mancher EU-Länder projiziert. Spannend ist das Ganze natürlich auch für die unfreiwilligen Gastländer, die nun endlich die Möglichkeit erhalten, einige ihnen unverdient zugewachsene Privilegien zu hinterfragen und sich für Neues zu öffnen. Abgesagte Feste, überbordende Sicherheitskonzepte, aufklappende Messer und kulturelle „Missverständnisse“ der Art „War-es-noch-Sex-oder-schon-Vergewaltigung“sorgen für eine steil steigende Lernkurve, die dann von Migrationsforschern mit Neugier und Spannung begleitet und kommentiert werden kann.

Pott weiter: „…nicht erst seit dem Beginn des Anstiegs der Zahl der Asylsuchenden in Deutschland ist die Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit kontinuierlich gestiegen. Migration ist eines der großen Zukunftsthemen. […] zu einer solchen Migrationsgesellschaft gehört es auch, über Migration zu kommunizieren und zu reflektieren.“

Wie man sieht, ist die unschöne Angewohnheit, Asyl und Migration zu einem Teig zusammenzurühren, auch unter Migrationsforschern verbreitet. Was jedoch die Kommunikation angeht, so findet diese auch ohne die Migrationsforscher statt und läuft deren Absicht gänzlich entgegen. Die aufzuklärende „Migrationsgesellschaft“ empfindet Migration, zumindest wenn sie in großem Umfang und ungesteuert stattfindet, eben nicht als erstrebenswerten Normalzustand, sondern als bedrohliche Ausnahmesituation, deren Ende sie gern definiert sähe.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt in diesem Zusammenhang ein Video aus dem Jahr 2014, dass Prof. Pott in einem Vortrag beim Osnabrücker Wissensforum zeigt. Ob Deutschland eine Flüchtlingskatastrophe drohe? Nein, sagt Herr Pott und fragt suggestiv: „Ist Deutschland durch die Millionen aufgenommenen Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg etwa schwächer geworden?“ und antwortet auch gleich selbst mit „Nein!“. Auch die Tatsache, dass sich der Vergleich der Binnenmigration im Nachkriegsdeutschland mit der heutigen Situation in Europa verbietet, schon weil damals nicht einmal annähernd so viel staatliche Infrastruktur dafür aufgewendet wurde und es sich eben um eine BINNEN-Migration mit BINNEN-Kultur, BINNEN-Sprache und BINNEN-Religion handelte, schafft bei mir kein Vertrauen in die Fähigkeiten der Migrationsforscher, die Realität zu erkennen oder Verwertbares für die Zukunft beizutragen.

Die Migrationsindustrie macht sich unentbehrlich

Es ist an der Zeit, die Begriffe „Asyl“ und „Migration“ endlich streng voneinander zu trennen, was eigentlich Aufgabe der Migrationsforscher wäre – inclusive der Definition klarer Ziele. Während man die Kriterien für die Gewährung von zeitweiligem Asyl staatlich regeln kann, ist Migration eine zutiefst private Entscheidung, die sich am Streben nach persönlichem Glück des Einzelnen orientieren muss. Die Idee, für Migration einen staatlich organisierten Zoo aus Beschwerdestellen, Ombudsleuten, Konfliktlotsen, Forschern und Begegnungsermöglichern zu alimentieren, ist geradezu absurd! In diesen Strukturen stellt sich schnell ein großes Beharrungsvermögen ein, was zur Etablierung einer gut geölten staatlichen Migrationsindustrie führt. Bereits heute gibt es „warnende Stimmen“, die von einer Unterbelegung der Erstaufnahmeeinrichtungen sprechen – ein Umstand, dem nach der Wahl abgeholfen werden soll, zunächst durch den Familiennachzug für 390.000 syrische Flüchtlinge.

Es stellt sich aber die Frage, was die Migrationsforscher eigentlich in all den Jahren vor den großen Migrationsströmen gemacht haben und warum sie damals auch schon in Osnabrück statt in Karthum oder Islamabad arbeiteten. Inzwischen verfällt die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in allen MINT-Bereichen weiter und die marode Infrastruktur verfällt gleich mit. Es darf vermutet werden, dass spätestens in 100 Jahren, wenn sich bei gleichbleibender Migrationsanstrengung und -forschung die Mehrheitsverhältnisse in Europa umgekehrt haben werden, auch der letzte Migrationsforscher erkennen wird, dass die neue Mehrheit überhaupt kein Interesse an einer möglichst heterogenen Gesellschaft zeigt. Spätestens dann wird sich die Erkenntnis durchsetzen, man wäre doch besser Bauingenieur oder Informatiker geworden, denn mit diesen Fähigkeiten kann man jederzeit migrieren und international reüssieren, während man als Migrationsforscher dazu verdammt sein wird, bis zum bitteren Ende in Deutschland zu bleiben.

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