Scheuklappen – im Dutzend billiger

Fragmente – von Roi Henry mit Beiwerk von Frank Jordan 

Weil das hier eine Art fröhliches oder zumindest witziges Sterbetagebuch werden soll, werde ich heute … Mein Gott! Was denn, wenn, was bleibt, in jenen Krampf reinfliesst, der da heisst „Contenance wahren“? Eine Art von Fassung? Wenn die Fassungslosigkeit grösser wird als du selbst, der Pulsschlag der Leere?

Wie sie abwehren, sie füllen? Mit beissendem Spott? Alles gut Leute – alles halb so wild. Wir sind heute so frei wie damals. Die DDR – das war auch nicht so schlimm. Wir waren auch frei. Wir waren immer frei. Ich kann ein Lied von dieser Freiheit singen. Es trällern – erst an der Gitarre, später an der Grenze nach West-Berlin. Geflüchtet vor dem Übermass an Freiheit in die neue Heimat. Wir waren damals derart frei, dass man uns nur zu schubsen brauchte, und schon verrieten manche alles. Nur Geduld, er kommt wieder, dieser Exzess an Freiheit. Und bis dahin: „Ach, trinkt doch, Freunde! Werft Gläser an die Wand! Flucht, so laut es geht! Stellt lärmend eure Regierungstreue unter Beweis!“ (Solschenizyn)

Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, nicht war? Wie auch? Sie haben keine Ahnung, wie Zersetzung und Propaganda funktionieren. Man möchte Ihnen gratulieren ob der Unbeschwertheit, in der Sie leben, aber man kann es nicht. Weil heute wieder derselbe Fehler begangen wird, den Mitläuferschaft stets begeht – Ihre einzige Tat vielleicht: Gleichgültigkeit. Sie sagen, es sei bloss eine Haltung? Nein, halte ich dagegen – für eine Haltung entscheidet man sich. Also ist sie Tat. Ihre Tat. Unsere. Ist es Dummheit oder Kälte? Völlig egal beim Blick in Kinderaugen. So wird man zum Henker. Wie werden sie zurechtkommen in dieser bunt zerstörten Welt? Wie werden sie Ali oder Mustafa ihre Grenzen zeigen, wenn sie nicht wissen, was Grenzen sind? Wie sich wehren gegen Gewalt, auf die man sie nicht nur nicht vorbereitet, die man ihnen vielmehr verschwiegen und verboten hat?

Man konnte übrigens wirklich nicht alles lesen damals, nicht alles sehen, nicht alles hören. Genug aber allemal. Schon während des Studiums stellten einige fest, dass ein Parteibuch des SED helfen konnte bei vielem. Für alles andere gab es Scheuklappen. Auch ich legte mir ein paar an die Augen, kultivierte Zerstreutheit und hatte nie grosse Probleme, der Stasi aus dem Weg zu gehen. Abgesehen von der Mitschuld durch Schweigen und Eigeninteressen blieb man so relativ sauber. Das ist so üblich in Diktaturen. Man ist erledigt, wenn man sich gegen das System, die Spielmacher, die grosse schweigende Masse stellt.

Wenn man uns nur fragte! Wir könnten euch sagen, wohin die Reise geht und wozu sie führen, die Scheuklappen. Ich rettete mich damals, als die Stasi noch Stasi genannt wurde, mit einer ausgemachten Stieseligkeit. Ich rettete mich, indem ich stoisch vorgab, Medizin studieren und Arzt werden zu wollen. Ich konnte auch gut stottern und habe mich ausmustern lassen. Das ist nicht heldenhaft. Aber ist es feige, wenn überall Scheuklappen rumliegen? Wer zwei Paar davon nimmt, kriegt das dritte gratis. Ich hatte wegen der Medizin keine Zeit für Schwedt oder Bautzen.

Und heute? Dasselbe – keine Zeit. Wir wundern uns über den einen oder anderen Streifen am Himmel, aber dann gucken wir wieder nach unten, zurück oder verschließen unsere Augen. Würden wir uns auch so verhalten, wenn plötzlich jeden Tag mehrere Kängurus über unsere Wege hüpften? Es ist anzunehmen. Sie wären ebenso schnell inkludiert, wie die messerstechenden, machetenschwingenden und amokfahrenden Zeitgenossen. Alles Gottes Geschöpfe. Wie der Wal, das Nashorn, die Tarantel, der Kugelfisch, die Beutelratte. Wie die Politiker, die Journaille, der Klerus und die Untertanen.

Mein Abitur habe ich im Abendstudium an der Volkshochschule erworben. Es war billig und kostete pro Semester nur achtzig Ostmark. Wir lernten damals nicht, dass die Erde flach ist, dass alle Menschen gleich sind und dass der Islam eine Friedensreligion ist, die zur DDR gehört. Wir lernten anderes und haben uns nicht gewundert, dass Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden, nicht darüber, was politische Häftlinge zu berichten hatten und schon gar nicht darüber, dass erst Rentner über die Grenze in den Westen gelassen wurden. Das war es, was wir wussten. Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen war. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich genügend Menschen fanden, die Montags demonstrierten und kundtaten, dass sie nichts , aber auch gar nichts zu verlieren hätten, wenn Honecker nebst Gattin nach Chile verschwände, die Grenze geöffnet und die D-Mark Zahlungsmittel wäre. Man kannte zumindest den Begriff Freiheit. Hatte eine vage Ahnung davon.

Heute scheint es fast so, als hätten wir erneut das Mass verloren. Das Mass für Freiheit. Jeder weiß das oder jeder könnte es sehen, wenn es ihn interessierte. Es schlackern dem alten Ossi die Ohren vor Verwunderung darüber, was alles möglich ist, wenn man mit Geduld und Geld den Kompass der Untertanen verstellt. Während Information und Emotionen längst inflationiert sind, ist der gesunde Menschenverstand ist auf der Strecke geblieben. Nein, er ist nicht einfach auf der Strecke geblieben. Er wurde aberzogen – bewusst getötet. Ansonsten wüsste jeder: kein Mensch braucht einen Staat und unendlich viele Schmarotzer. Und er wüsste: „Alles, was ich Euch gebiete, das sollt Ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun und nichts davontun.“ 5. Mose 13.1

Heute sind die Maulkörbe schon angeboren, die Scheuklappen werden anerzogen, angefördert und angebildet. Man möchte bloss eines: Schnell und weit laufen. So schnell und so weit man kann. Wozu? Um allein zu sein, wenn die meisten zurückbleiben? Um von fern sich davon zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur weinen, sondern leiden werden?

Jetzt ist sie wieder da, die Fassung. Ramponiert zwar, geschunden, sitzt sie in der Ecke. Es reicht. Ich werde mir nicht das Herz und Hirn fressen lassen. Nicht von der Angst, nicht von schweigenden Menschen. Nicht von der Ahnungslosigkeit und von geschlossenen Mündern. Von keiner Ideologie, die immer, immer Rechtfertigung ist. Für alles.

Hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass ich mir das noch einmal gefallen lasse?

________________________________

Dieser bewegende, wunderbare Text über die Freiheit erschien zuerst bei Frankjordanblog. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung der beiden Autoren Roi Henry und Frank Jordan. (ME)

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...