Überflüssig: Facebooks „Firmenphilosophie“

(Bild: Screenshot)
Facebookaccount gelöscht (Bild: Screenshot)

Jouwatch berichtet hier über zehntausende Facebook-Sperren und Kontenlöschungen vor der Bundestagswahl. Meinereiner hat sich daraufhin die Mühe gemacht, eine ziemlich umfangreiche Veröffentlichung von Facebook hinsichtlich der Firmenphilosophie genauer zu studieren. Sie kam im April 2017 heraus und gibt erstaunlich offen Auskunft darüber, welche Verantwortlichkeiten man bei Facebook im Zusammenhang mit der Tatsache identifiziert, daß der Erfolg von Social Media generell die tradierten, hierarchisch strukturierten Informationswege (Mainstreampresse, Staatsfunk etc.) durcheinander bringt – und dadurch natürlich indirekt die politische Willensbildung beeinflußt.

von Max Erdinger

Vieles, was man dort über die Gefahren der Instrumentalisierung von Social Media durch interessierte Gruppen lesen kann, ist sicherlich richtig und Facebook macht sich zu recht Gedanken darüber, wie man künstlich generierte Mehrheiten erkennt, Fake-Accounts („false amplifiers“) zur Multiplizierung nicht mehrheitsfähiger Standpunkte identifiziert,wie man Datenklau und Spam unter Kontrolle bekommt und die Sicherheit der Useraccounts erhöht. Niemand kann etwas dagegen haben, wenn Facebook sich bemüht, daß in den Sozialen Medien die reale Welt Gegenstand der Betrachtung bleibt, anstatt daß sich dort eine eigene, fiktive Wirklichkeit herausbildet. Das war es aber auch schon.

Erschreckend ist jedoch, daß die Verfasser des Facebook-Papiers, Jen Weedon, William Nuland and Alex Stamos, ohne jeden Anflug von Selbstzweifeln davon ausgehen, sie selbst hätten das unhinterfragbare Recht, Facebook dazu zu benutzen, ihre eigene Weltsicht zu transportieren. Das ist nicht hinnehmbar. Facebook ist ein Produkt, keine Kirche. Facebook ist nicht dazu da, eine „bessere Welt“ nach dem Verständnis eines Herrn Zuckerberg zu erschaffen – Hybris, Hybris! – , auch wenn das die Lieblingsphantasie solcher Typen ist. Zuckerberg z.B. soll angeblich gerne US-Präsident werden wollen. Da wird schnell klar, was sie unter ihrer „Verantwortung“ verstehen: Daß sich „ihr Baby“ nicht von den  Weltverbesserungsträumen „emanzipiert“, wie sie bereits von den „liberals“ in den USA, den „Gutmenschen“ in Europa und anderswo beinhart durchgesetzt werden. Mit den bekannten, fatalen Folgen. Weedon, Nuland und Stamos setzen mit der größten Selbstverständlichkeit voraus, sie seien die Guten.

Das ist es auch, was Facebook in einem demokratischen Sinn völlig unbrauchbar macht zur politischen Willensbildung: Facebook agiert zwar in demokratischen Räumen, verhält sich aber wie ein totalitärer Zensor, der sich im Krieg mit Meinungsäußerungen wähnt, die den weltanschaulichen Wolkenkuckucksträumen der Facebook-Macher selbst zuwider laufen. Der inflationäre Gebrauch von sprachlichen Negativismen in diesem Facebook-Papier  (abusive, deceiving, fake, hate, derogatory terms etc.pp.), um die Zensur von Meinungsäußerungen real existierender Personen zu rechtfertigen, verrät schon, wozu sich diese Herrschaften in ihrer ganzen Verblendung berufen fühlen. Eine Meinungsäußerung wird heute schon dafür gelöscht, daß ihr Verfasser eventuell „verbotene Worte“ benutzt hat, etwa „Neger“ oder „Musel“.

Mit Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber, wegen der Geister, die man durch Facebook erschuf, hat das nichts zu tun. Was in diesem Facebook-Papier als Verantwortungsbewußtsein verkauft werden soll, ist nichts anderes, als die wenig intelligente Bemäntelung der eigenen Überzeugung, man habe außer einem Wirtschaftsunternehmen auch noch ein „Missionswerk für eine bessere Welt“ zu leiten.

Nun ist Hybris das eine und Macht etwas anderes. Die Verschmelzung von Hybris und Macht allerdings ist ein Riesenproblem. Facebook, Google, Youtube usw. haben inzwischen jede Menge Macht, die mit dem Erfolg ihrer Unternehmen zusammenhängt, nicht aber mit Sinn und Zweck des Produkts, mit dem sie einst antraten. Die Produkte wurden erfolgreich, weil sie für die User nützlich gewesen sind. Wenn das uramerikanische Credo stimmt, daß Zeit Geld ist, dann haben zum Erfolg dieser Produkte nicht nur die Produzenten beigetragen, sondern eben zu einem viel größeren Teil die User, die sich zeitlich – folglich also finanziell – auf diese Produkte eingelassen haben. Ohne User wären Facebook, Google und Co. – NICHTS!

Es ist unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit, mit welcher Arroganz diese erbärmlichen Digitalphilosophen ihren Kunden die eigene Weltsicht aufzwingen wollen. Ich kaufe keine Philosophien! Und Firmenphilosophien kaufe ich schon dreimal nicht! Ich verbringe Zeit mit einem Produkt, einem Geschäftsmodell, das seine Erfinder reich macht dadurch, daß ich ihnen meine Zeit nicht in Rechnung stelle. Wenn ich aber schon Zeit investiere in den Erfolg des Unternehmens dieser abgehobenen Weltverbesserer – an einem längeren Beitrag arbeite ich auch einmal mehrere Stunden lang – , dann tue ich das nicht, um mir von irgendwelchen technisch brillanten Schmalspurphilosophen sagen zu lassen, daß er nichts wert sei und daß sie ihn deshalb einfach löschen.

Meine Zeit ist so kostbar wie die der Nerds, die Facebook erschaffen haben. Ich dürfte sowohl kulturgeschichtlich als auch philosophisch und politisch deutlich mehr Wissen und Durchblick haben, als diese eingebildeten Software-Lötkolben. Die entwickeln Facebook, ich nutze Facebook. Es ist gar keine Frage, wer von uns beiden Parteien mehr Zeit hat, sich mit politischen, philosophischen und kulturgeschichtlichen Fragen zu beschäftigen. Die Facebook-Macher beschäftigen sich mit Facebook, der Sache. Ich benutze Facebook. Gemeinsam haben wir, daß der Tag 24 Stunden hat. Da Facebook eine Kommunikationsplattform ist, dient sie mir – und nicht ich der beschränkten Weltsicht dieser arroganten Elektrolurche. Schließlich wussten die Elektrolurche genau, wie sie es anstellen müssen, damit sie etwas davon haben, daß ihre Kommunikationsplattform mir dient.

Aus dem Facebook-Papier – Zitat: „Sowing distrust in political institutions: In this case, fake account operators may not have a topical focus, but rather seek to undermine the status quo of political or civil society institutions on a more strategic level.“ – Zitatende.

(Mißtrauen in politische Institutionen säen: In diesem Fall folgen Betreiber von fake-accounts oft keinem fokusierten Thema, sondern versuchen, den Status Quo von politischen oder zivilgesellschaftlichen Einrichtungen eher auf einem strategischen Niveau zu unterminieren.)

Bingo, Facebook! Kümmert euch also um die Fake-Accounts. Welche Absichten hinter Fake-Accounts verborgen sein könnten, braucht euch überhaupt nicht zu interessieren. Facebook is for real people. No Fake-Accounts. Und gut ist es. Meinereiner steht seit jeher im Internet mit seinem richtigen Namen für das, was er schreibt. Das wißt ihr inzwischen. Schließlich wolltet ihr eine Ausweiskopie von mir haben. Die hattet ihr. Und trotzdem wurde ich selbst danach noch von euch Digitalstalinisten für das Veröffentlichen legitimer Meinungsäußerungen gesperrt. Und zwar wiederholt.

Zitat: „Facebook works directly with candidates, campaigns,and political parties via our political outreach Teams to provide Information on potential online risks and ways our users can stay safe on our platform and others.“ – Zitatende.

(Facebook arbeitet direkt zusammen mit Kandidaten, Kampagnen und politischen Parteien, um Informationen über potentielle Onlinerisiken weiterzugeben und Wege aufzuzeigen, wie unsere User auf unserer und anderen Plattformen sicher bleiben.)

Ja, Pustekuchen, Facebook. Eure Definition von „Sicherheit“ (dieses Bild könnte enthalten Gräser, Blumen und Bäume – Vorsicht!) könnt ihr euch sonstwo hinstecken. Meinereiner fühlt sich bei Facebook alles andere als sicher. Ich werde willkürlich gelöscht. Und zwar nicht dafür, daß ich irgendwelche Fake-Accounts betriebe, Gewaltvideos verbreite, ein Bot wäre, anonym poste, Pornospam produziere oder mich groß in den Kommentarspalten des politischen Gegners tummle, sondern ganz einfach deswegen, weil ich eine fundiertere Weltsicht habe als ihr Programmierfuzzis. Eure Firmenphilosphie ist zu einem guten Teil der Versuch, der Welt via Social Media eure eigene Intellektbeschränkung als das Maß aller Vernunft aufzuzwingen. Weil euch der kaufmännische Profit zur Beweihräucherung eueres eigenen, unhinterfragbaren Edelmuts noch nicht reicht. Um kaum etwas anderes geht es dabei. Wären wir zusammen kleine Jungs in einem richtigen, anstatt in einem digitalen Kindergarten, I swear: You´d have a hard time with me.

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...