Was man über Merkel weiß und was nicht

Der Beginn von Merkels Karriere liegt im schummerigen Zwielicht des stalinistischen Führerstaats. Das macht es ihren Biografen schwer. Viele Vermutungen zu Stasi-Verstrickungen wabern zwar herum, können jedoch nicht mehr abgeklärt werden. Konzentrieren wir uns doch lieber auf beweisbare Fakten.

Von Wolfgang Prabel

Einmal lernte ich auf einer Geburtstagsfeier eine Kleidungsberaterin kennen, die dank Kontakten zu Merkels Umfeld bis zur Kanzlerin selbst vorgedrungen war. Um sie von den alternativlosen Hosenanzügen abzubringen. Es hat ja niemand was gegen diese praktischen Zweiteiler, aber man kann ja auch mal was anderes aus dem Kleiderschrank holen. Die Beraterin war gescheitert. Merkel hat eine psychische Abhängigkeit zu ihrem Kleidungsstil entwickelt, die Anzüge sind eine Persönlichkeitsstütze, an die sich die Kanzlerin klammert, Oknophilie heißt das Phänomen in der Psychologie.

Einen hartnäckigen jahrelang währenden Kampf, Millimeter um Millimeter führte ihr Hoffriseur, um sich vom Topfschnitt zum von ihm als „Endfrisur“ bezeichneten Ist- und Jetztzustand durchzukämpfen. Er hat es dank Hartnäckigkeit mit der sogenannten Salamitaktik geschafft. Diesen ihren Immobilismus beobachten wir auch in der politischen Arbeit. Sie läßt alles in gewohnten Bahnen laufen, und erst wenn einer Entscheidung definitiv nicht mehr ausgewichen werden kann, wird reagiert.

Was ihre DDR-Zeit betrifft, will ich mich nicht an den Spekulationen beteiligen. Zu den Spekulationen gehören die Stasi-Tätigkeit und das von Oskar Lafontaine behauptete Studium in Moskau. Ein harter belastbarer Fakt ist jedoch der Aufstieg zum Reisekader 1986.

Ich habe selbst Reisekader gekannt und ihre Berichte gelesen. Das Reisegeschäft war so organisisert: Es gab in jeder Uni einen wissenschaftlichen Sekretär, der für die Vor- und Nachbereitung der Reisen in das NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet), die Finanzierung der Reisen mit Devisen sowie die Auswahl der Kader zuständig war. Der war natürlich mit den Wissenschaftsinstitutionen (Stichwort: Sekretär bzw. Prorektor für Forschung) und der Staatssicherheit vernetzt. Zweck der Reisen war eine Beobachtungstätigkeit, die unter dem Banner wissenschaftlicher Kontakte lief, jedoch an Spionage grenzte. Die Reisekader sollten möglichst viele Kontakte knüpfen, westliche Wissenschaftler aushorchen, Forschungseinrichtungen besuchen, neue Trends auskundschaften und brauchbare Berichte darüber schreiben.

Der Professor, bei dem ich angestellt war, schrieb sehr informative Berichte mit überdurschnittlichem Informationsgehalt und wurde deshalb immer wieder losgeschickt: Nach Schweden, in die Schweiz und auch in die alte Bundesrepublik. Seine Sekretärin war in der Staatssicherheit und schrieb die Berichte in seinem Vorzimmer ins Reine. Sie hatte die Angewohnheit ihren Arbeitsplatz mittags zu verlassen und legte die bereits geschriebenen Seiten verkehrt herum auf den Schreibtisch. Die Mittagspause war die Gelegenheit, die Berichte zu studieren und ich machte oft Lesestunde. Sehr interessant waren diese Berichte aus der anderen Welt hinter dem Eisernen Vorhang.

Geprüfte politische Zuverlässigkeit gehörte neben einer gewissen Intelligenz zu den Voraussetzungen für die Ausreise. Nur mit einem Job als Agitations- und Propagandatante bei der FDJ (für die Wessis: das war die Hitlerjugend bzw. der Bund Deutscher Mädchen Honeckers) wäre das nicht gegangen. In einem Netz haupt- und vor allem nebenberuflicher Zuträger wurde jeder Angestellte einer Hochschule immer wieder in abgründige Gespräche verwickelt und getestet. Die familiären Kontakte und Bindungen wurden genauestens untersucht, insbesondere Westpakete, Westbriefe und politische Abweichler im persönlichen Umfeld. Das Netz der Bekanntschaften und Freundschaften wurde neben der Persönlichkeitsstruktur konsequent durchleuchtet.

Kurz: Leute, die nicht 100-prozentig waren, kamen nicht raus. Die Reise nach Karlsruhe ist der Beweis, daß Merkel in das sozialistische System mehr integriert und verstrickt war, als sie das einräumt.

Merkels Sekretärstätigkeit als Agitations- und Propagandaverantwortliche wird dagegen überbewertet und aufgebauscht. Solche Posten lagen zu Hunderten überall auf der Straße herum und es konnte jeden erwischen, so einen Job aufgedrängelt zu bekommen. Mein Chef, der bereits erwähnte Reiseprofessor, nötigte mir die Aufgabe auf, die Mitgliedsbeiträge für die Gesellschaft für Sport und Technik zu kassieren. Das war eine Gesellschaft für vormilitärische Ausbildung, die kaum begeisterte Beitragszahler hatte. Die Beitragsrückstände häuften sich und die Führung war froh, wenn überhaupt etwas Geld floß. Finanziert wurde der Laden ohnehin großzügig aus dem Staatshaushalt. Ansonsten mußte ich einmal im Jahr die Hochschulmeisterschaft im LG-Schießen ausrichten. Mir deshalb große Staatsnähe oder Begeisterung für den Sozialismus zu unterstellen, würde ins Leere laufen. Im Gegenteil: Meine Zuverlässigkeit war bescheiden: Es gab im Umkreis von 10 Kilomertern fast keinen Abweichler, den ich nicht kannte. Wäre nie ins NSW gekommen.

Fast alle politischen Jobs wurden aufgedrängelt und aufgenötigt, einige wurde aus Berechnung und Kalkül angenommen, um Vorteile zu erhaschen. Nur ganz wenige Begeisterte waren am Werk. Die Sicherheitsbehörden unterschieden sinnigerweise zwischen Begeisterung und Zuverlässigkeit. Letztere war der Stasi viel lieber. Bei Merkel nach Begeisterung für den Stalinismus zu suchen, führt wohl völlig in die Irre. Mit ihrem Hang zu Phantasie- und Alternativlosigkeit ist sie eher dröge und zuverlässig. Linientreu nannte man das damals. Noch heute läuft sie wartungs- und störungsfrei in den Hamsterrädern von Al Gore, Soros, Prantl, Kleber und Augstein. Ohne nach links und rechts zu blicken. Gelernt ist gelernt.

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