Steckt Nordkorea hinter den Kollisionen von US Marineschiffen?

Durch Mod-X/Shutterstock
Beginnt nun auch der Krieg auf dem Meer (Durch Mod-X/Shutterstock)

Am Montagmorgen stieß in der Straße von Malakka ein US Marineschiff mit einem Tanker zusammen. Es ist die zweite Kollision eines US Kriegsschiffes mit einem großen zivilen Frachter in nur wenigen Wochen, da sich am 17. Juni bereits ein Zwischenfall mit einem philippinischen Schiff ereignete, das südwestlich von Yokosuka einen US Zerstörer rammte. Sind das alles nur Zufälle und dem starken Verkehr auf den ostasiatischen Wasserstraßen geschuldet oder hat am Ende das massiv unter Druck stehende und in digitaler Kriegsführung hochgerüstete Nordkorea seine Finger im Spiel?

Von Ingmar Blessing

Die offizielle Erklärung für den Zwischenfall Mitte Juni lautet, dass der Kapitän und der diensthabende Offizier der USS Fitzgerald falsch reagiert haben wie es bei Naval Today heißt und auch die Mannschaft des Frachters falsch vorging, zumal deren Schiff im Autopilot fuhr. Auch wenn dieses Szenario eher unwahrscheinlich klingt und sich selbst auf dem dicht befahrenen Meeren Ostasiens pro Jahr durchschnittlich nur etwa 25 schwere Schiffsunfälle ereignen, kann eine solche Erklärung durchaus zutreffend sein. Manchmal kommen eben Unwahrscheinlichkeiten zum Tragen und dann geschieht so etwas.

Nun aber traf es mit der USS John S. McCain einen zweiten Zerstörer, der vor wenigen Stunden erst mit einem Öltanker zusammenstieß. Der Zwischenfall ereignete sich in der Nähe von Singapur auf einer der am meisten befahrenen Fernhandelsrouten der Welt, die Ostasien mit dem arabischen Golf und Europa verbindet. Auch wenn aufgrund der vielen Schiffe die allgemeine Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich ein Unfall ereignet, so muss man auch bedenken, dass die Sicherheitsmaßnahmen in diesem Bereich bestens ausgebaut sind und allerlei kollisionsvermeidende Techniken zur Anwendung kommen. Dies gilt vor allem für Öltanker und Kriegsschiffe.

Daher ist die Annahme eines Zufalls für beide Kollisionen sehr, sehr unwahrscheinlich. So etwas passiert eigentlich nicht, vor allem da man annehmen kann, dass es nach der ersten Kollision bei der US Marine interne Maßnahmen gab und kein Schiffskapitän derjenige sein will, der als nächstes gerammt wird. Da es aber doch passiert ist wird die Spekulation über absichtlich herbeigeführte Unfälle – also Anschläge – wahrscheinlicher als die Version, dass hier zwei Unfälle vorliegen.

Die Frage lautet, welche Partei nicht nur ein Interesse haben könnte, solche Unfälle zu verursachen, und einen spezifischen Grund hat, sondern auch über die notwendigen dazu Mittel verfügt. Während die ersten beiden Bedingungen von vielen Kandidaten erfüllt werden – jedes Imperium hat permanent viele Feinde – so dampft die Liste unter Berücksichtigung der dritten Bedingung ein auf nicht viel mehr als drei Kandidaten: Der Iran, der Islamische Staat und Nordkorea, wobei den IS aktuell andere Probleme plagen. In der engsten Auswahl bleiben damit der Iran und Nordkorea.

Was Nordkorea als Täter besonders wahrscheinlich macht sind drei Aspekte. Erstens, es ist bekannt, dass Nordkorea mit der „Einheit 180“ über eine hochmoderne Abteilung für Cyberkriegsführung verfügt und diese regelmäßig für Angriffe einsetzt. Angeblich soll Nordkorea hinter dem elektronischen Einbruch bei der Zentralbank von Bangladesch stehen und auch für andere digitalen Geldbeschaffungsmaßnahmen des Regimes verantwortlich sein. In Pjöngyang kennt man sich also zumindest mit Einbrüchen im Stile von Ocean’s 11 aus, auch wenn der Iran ebenfalls über fortschrittliche Mittel zur Cyberkriegsführung verfügt.

Zweitens, die beiden Zwischenfälle ereigneten sich in Ostasien. Für den Iran wäre es vermutlich interessanter, einen Unfall an einer Stelle zu fingieren, der für die US Wirtschaft von strategischer Bedeutung ist (etwa im Panama Kanal) oder vor der eigenen Haustüre (die für die USA ebenfalls von hohem strategischen Wert ist). Vor allem aber wäre es unwahrscheinlich, dass der Iran wahllos die beiden Schiffe gehackt hätte nur weil sie zufällig am richtigen Ort fuhren. Bei der ersten Kollision war es ein philippinisches Schiff und bei dem Zwischenfall heute handelte es sich um ein in Griechenland gemeldetes Schiff. Da man immer damit rechnen muss, enttarnt zu werden ist es eher unwahrscheinlich, dass der Iran diese beiden unbeteiligten Länder „angegriffen“ hätte. Im Gegensatz zu Nordkorea hat man in Teheran einen Ruf zu verlieren.

Drittens sind die Beziehungen von Nordkorea mit den USA bei weitem schlechter als jene des Irans, das sich mit den USA in einem Kalten Krieg befindet, der aktuell aber relativ stabil und eng umrissen ist. Die Lage für Nordkorea dagegen spitzt sich immer weiter zu. Inzwischen haben sich aufgrund der nordkoreanischen Atomraketenambitionen so gut wie alle Länder vom kommunistischen Regime abgewandt und sogar das benachbarte China hat sich distanziert. Die USA wiederum drohen fast täglich mit Krieg und es gibt eine massive US-Truppenpräsenz in Südkorea. Da Nordkorea nun sogar in der Lage sein soll, die US Insel Guam atomar anzugreifen haben die USA ein massives Interesse daran, die Kim Diktatur zu entwaffnen, was Nordkorea aber nicht duldet.

Im Falle eines Krieges müsste das Land mit einer Niederlage rechnen, auch wenn es massive Verluste auf beiden Seiten gäbe. Daher gibt es für Nordkorea drei Möglichkeiten. Erstens, das Land rüstet so weit auf, dass es nicht mehr angegriffen werden kann. Diese Option wollen die USA aktuell verhindern und ist der Grund für die neuerliche Spannungsspitze. Zweitens, das Land schließt einen kalten Frieden mit den USA, was nur realistisch ist mit einem abgerüsteten Nordkorea. Das aber ist nicht möglich, da Nordkorea den USA nicht traut. Man erinnere sich an das Beispiel Muammar al-Gaddafi, der auf Atomwaffen verzichtete und vor wenigen Jahren trotzdem aus dem Amt gebombt wurde. Auch in Pjöngyang kennt man diesen Fall.

Damit bleibt noch die dritte Möglichkeit, die darin besteht, dass die USA und Nordkorea einen Krieg führen und Nordkorea gewinnt. Dies mag irrwitzig klingen, allerdings darf man nicht vergessen, dass Nordkorea bereits gewonnen hat, wenn es den Süden erobert hat. Das ist trotz allem zumindest theoretisch möglich. Der für Nordkorea entscheidende Faktor dieses Szenarios ist China, da das Land strategische Tiefe und mögliche Technologielieferungen bietet. Nordkoreas fünf-Millionen-Mann-Armee mag vielen wie ein Witz vorkommen angesichts der alten Ausrüstung. Was aber ist, wenn China sein modernes Gerät zur Verfügung stellt?

Obwohl China sich von Pjöngyang distanziert hat, so hat es auch klargestellt, dass es einen amerikanischen Angriffskrieg gefolgt von einem Regime Change nicht dulden würde. Nur dann, wenn Nordkorea als Aggressor auftritt und beispielsweise Guam angreift, würde Peking neutral bleiben und zulassen, dass die USA Nordkorea übernehmen.

Die Methode der Nadelstiche könnte also letztlich ein nordkoreanischer Versuch sein, die USA – also vor allem Trump – dazu zu verleiten, einen Vergeltungsschlag auszuführen. Sollten die Schiffsunfälle tatsächlich von Pjöngyang ausgehen, sie werden es die USA mit Sicherheit wissen lassen, während diese nach außen hin aber so tun müssen, als wüssten sie nicht, warum ihre Schiffe plötzlich grundlos gerammt werden, da die Beweisführung im elektronischen Bereich eher schwammig ist.

Ob sich die USA am Ende auf dieses (unterstellte) nordkoreanische Spiel einlassen oder nicht sei dahingestellt. Fakt ist, Nordkorea verfügt über einige beängstigende Fähigkeiten und sie scheuen nicht vor extremen wie unerwarteten Maßnahmen zurück, was beispielsweise die Ermordung von Kim Jong-Uns Bruder zeigte. Falls Trump weder am Verhandlungstisch noch militärisch auf die Provokationen eingeht könnte also noch einiges mehr kommen aus Nordkorea. Und falls er tatsächlich mit einem militärischen „Gegen“schlag reagiert, dann würde Pjöngyang genau das bekommen was es heimlich will.

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