Erfolgsbuch über die „Alternativlose“ im Kanzleramt

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Unter den Zwergen ist Angela Merkel ein Riese (Bild: JouWatch)

Vorläufige Bilanz eines deutschen Verhängnisses

Von Wolfgang Hübner

Keiner, der es gut mit Deutschlands Zukunft meint, kann einen Erfolg Angela Merkels bei der bevorstehenden Bundestagswahl wünschen. Doch zumindest auf dem Büchermarkt hat die derzeitige Kanzlerin schon jetzt Erfolg – allerdings keinen, der ihr Freude bereiten dürfte. Denn schon seit Wochen behauptet sich der Sammelband „Merkel – Eine kritische Bilanz“ auf der Bestenliste der Sachbücher und geht gerade bereits in die sechste Auflage. Man kann ohne Übertreibung von einem Sensationserfolg der anspruchsvollen Lektüre sprechen.

Das Buch ist rechtzeitig zum Bundestagswahlkampfs mit Beiträgen von 21 meist bekannten Autoren erschienen. Herausgeber ist der profilierte Wirtschaftsjournalist Philip Plickert. Schon in seiner Einleitung „Merkel – ein Scheinriese“ formuliert Plickert fundierte Kritik an der Bundeskanzlerin. Zwar rechnet er mit einem Sieg Merkels bei der Wahl im September. Doch sein Text endet: „Den Zenit ihrer Macht hat sie aber überschritten….Denn nichts und niemand ist alternativlos“.

Noch aber ist es nicht soweit. Noch kann nur eine vorläufige Bilanz ihres politischen Wirkens gezogen werden. Das tun die Autoren auf sehr unterschiedliche Weise und mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten: Birgit Kelle schildert schonungslos und beklemmend die „Sozialdemokratisierung der CDU-Familienpolitik“ unter einer kinderlosen Kanzlerin, die zu den für die Zukunft Deutschlands entscheidenden Themen Familien- und Bevölkerungs-politik bestenfalls ein distanziertes, wahrscheinlich aber überhaupt kein Verhältnis hat.

Ralf Georg Reuth schaut tiefer in die Biographie einer Frau, die einigen Grund hat, über ihre 35 ersten Lebensjahre auffallend schweigsam zu sein. Reuth untersucht die Frage, welche Folgen Merkels DDR-Prägungen, aber auch die Einflüsse des sozialismusfreundlichen Vaters, eines von Hamburg in die DDR gezogenen evangelischen Pfarrers, auf die Politikerin hatten und haben. Der Text macht deutlich, dass Merkel in der DDR alles andere als regimekritisch war, aber dieses Kapitel ihres Lebens mit sehr fragwürdigen Äußerungen schönt. Was sie zweifellos im untergegangenen deutschen Zwangsstaat gelernt hat, war eine enorme Anpassungsfähigkeit. Diese hat sie als CDU-Vorsitzende und Kanzlerin bekanntlich oft genug unter Beweis gestellt.

Einige Autoren des Buchs beschäftigen sich mit den wirtschaftspolitischen Einstellungen und Maßnahmen Merkels. Doch so richtig überzeugend ist die grundsätzlich richtige Kritik von Dominik Geppert „Die Illusion der deutschen Thatcher“ oder von Henning Klodt/Stefan Kooths nicht. Die beiden Verfasser legen dar, dass Merkels makroökonomische Bilanz besser erscheint, als sie tatsächlich ist. Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass ein beliebiger anderer CDU- oder gar ein SPD-Kanzler einen wesentlich abweichenden Kurs vor und in der andauernden Finanzkrise eingeschlagen hätte. Derzeit profitiert Merkel von einer im internationalen Maßstab sehr erfolgreichen deutschen Wirtschaft. Das ist nicht ihr Verdienst, wird ihr jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach abermals das Amt sichern.

Gut begründet ist die Kritik von Justus Haucap und Roland Tichy an Merkels opportunistischer und extrem teurer „Energiewende“ sowie an ihrer „ideologisch-planwirtschaftlichen Technologiepolitik“. Ausgerechnet eine promovierte Naturwissenschaftlerin hat das Land ohne nennenswerte Öl- und Gasvorkommen in ein energiepolitisches Abenteuer gestürzt, über das die restliche Welt nur den Kopf schüttelt.

Nicht weniger negativ sind die Urteile von Cora Stephan, Thilo Sarrazin und Necla Kelek über die folgenreiche Flüchtlings-, Einwanderungs- und Integrationspolitik in Merkels bisheriger Kanzlerschaft. Schonungslos stellt Necla Kelek das „Märchen von der Integration“ bloß und bilanziert „Zwölf verlorene Jahre unter der Merkel-Regierung“. Cora Stephan schildert, wie sich Merkel in der Flüchtlingspolitik „im entscheidenden Moment weggeduckt“ hat. Sarrazin titelt seinen Beitrag zur „fatalen Migrationspolitik“ der Kanzlerin selbstironisch mit „Anmerkungen eines Nicht-Hilfreichen“.

Sehr negative außenpolitische Bilanzen der langen Kanzlerschaft Merkels ziehen die nichtdeutschen Autoren Anthony Glees, Boris Kalnoky und Andreas Unterberger. Der Brite Glees sieht in Merkels Flüchtlingspolitik einen entscheidenden Grund für die Brexit-Mehrheit. Der Ungar Kalnoky analysiert die Grenzöffnung Deutschlands 2015 als „Weckruf auf die meisten Mitteleuropäer“, Er schreibt: „Deutschland war plötzlich wieder der gefürchtete Nachbar aus alten Zeiten. Mächtig, hysterisch und unberechenbar. Ein Land, das ohne Vorwarnung Dinge tat, die alle Nachbarländer in Mitleidenschaft zogen. Eine Gefahr, gegen die man sich wappnen musste.“ Und der Österreicher Unterberger urteilt schon in der Überschrift seines Beitrags vielsagend: „Von der Mutter Germaniae zur Minusfrau“.

Das Fazit des von Philip Plickert herausgegebenen Sammelbands „Merkel – Eine kritische Bilanz“ ist eindeutig negativ für die Politik der Angela Merkel. Doch es wird noch dauern, bis die in vieler Hinsicht verhängnisvollen Folgen dieser wahrscheinlich noch einmal fortgesetzten Kanzlerschaft für weite Teile des deutschen Volkes spürbar und politische identifizierbar werden. Wann auch immer das der Fall sein dürfte, wird dieses wichtige Buch noch einmal besondere Aktualität bekommen. Der Überraschungserfolg in der Bestsellerliste kann als Hoffnungsschimmer gelten, dass der Zeitpunkt der überfälligen Merkel-Dämmerung näher rückt.

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