Brief aus der Zukunft

(Foto: Durch Andreas Rose/Shutterstock
Neulich in der Lüneburger Heide (Foto: Durch Andreas Rose/Shutterstock)

Gestern Abend fand ich eine e-mail auf meinem Laptop.

Das ist ja nun nichts Besonderes wird jeder sagen, aber sie kam – am Absender erkennbar – von meinem Sohn. Das liebe Kerlchen ist gerade sieben Jahre alt, kämpft im ersten Schuljahr mit den ersten Buchstaben und hat keinen Zugang zum Computer.

Von Hardy Voss

Dann sah ich auf das Datum: 22. Aug.2037.

Oha, seltsam, Irrtum irgendeines Servers? Egal, ich hab die Mail geöffnet und gelesen. Hier der Text:

Hallo Dad,

sei herzlich gegrüßt von Deinem Sohnemann. Wunder Dich nicht über diese Mail. Vor zwei Jahren haben ein paar Nerds aus dem indischen Silicon-Valley in Mumbai einen Weg gefunden, sich mit elektronischen Nachrichten in der Zeit zu bewegen. Ich könnte mir also selbst einen Brief schreiben, der mich dann im Alter von siebzig Jahren zum Geburtstag erreicht.

In die Vergangenheit zu schreiben ist allerdings billiger, vor allem durch die Kommerzialisierung in den letzten zwei Jahren und nun können auch wir Normalbürger uns das leisten.

Doch nun will ich Dir von einem Erlebnis aus der letzten Woche schreiben, welches Dich sicherlich freuen wird.

Wir arbeiten nur noch eine Woche pro Monat, die meiste Arbeit erledigen Roboter und Computer, die eine restliche Woche beinhaltet nur noch Kontroll-  und Überwachungsarbeiten.

So haben wir viel Freizeit, die ausgefüllt werden muss.

Letzte Woche bin ich in der Heide gewesen, also in den Rest, den es noch gibt, ein großer Teil wurde ja für Flüchtlingsansiedlungen gebraucht (ich will jetzt nicht geopfert sagen!).

Ich bin also mit der Bahn bis Munster gefahren und habe dann den Ausflug mit dem Rad fortgesetzt.

Ja, du liest richtig, mein Auto habe ich schon vor vier Jahren abgeschafft. Nach dem Verbot für Verbrennungsmotoren haben wir es ja alle mit E-Mobilen versucht. Aber kaum gab es keine Autos mit den alten Motoren mehr, hat sich der Strom unverhältnismäßig verteuert, die Stromanbieter nutzen ihre Stellung jetzt schamlos aus. Nicht nur, daß immer noch vernünftige Leitungen fehlen, es mangelt auch immer noch an nutzbaren Speichermöglichkeiten, und der Wind weht nicht regelmäßiger, als zu Deiner Zeit und mit dem Sonnenschein hat sich auch nichts geändert.

Wozu nun diese ganze „Energiewende“ gut war, versteht auch heute noch niemand, außer den Nachkommen der linken Spinner, die damals damit reich geworden sind.

Schon seit langer Zeit nehmen wir nun dem Orient kein Öl mehr ab (die Länder, die noch alte Motoren zulassen, wie z.B. Russland , haben selbst genug Gas und Öl, genau wie die USA).

Deswegen führen die Araber nun einen erbitterten Krieg mit allen Grausamkeiten gegen die schwarzafrikanischen Staaten, die uns den enormen Rohstoffbedarf an Metallen für die Batterieproduktion sichern.

Dieser Krieg ist aber weit weg und betrifft uns hier nicht so.

Ich bin dann mit dem Rad in die Heide rund um Munster geradelt.

Du hast mir ja früher mal davon erzählt, daß Du in Munster zu irgendeinem Lehrgang bei der BW warst, als Du damals zwei Jahre abgerissen hast. Ich habe noch die Bilder vor Augen von Panzerungetümen mit mächtigen Motoren, die diese sechzig-Tonnen-Ungeheuer ziemlich schnell durchs Gelände getrieben haben.

Als ich da nun so vor mich hin radel (ja man darf heute auch im ehemalig gesperrten Manövergelände sich frei und ungehindert bewegen, daß haben damals noch die Grünen durchgesetzt mit dem Slogan „Natur ist immer und überall für alle da“, es gab auch nur durchschnittlich 175 Tote pro Jahr durch „Manöverunfälle“, also minimaler Kollateralschaden, weniger als durch islamische Attentate), komme ich an eine kleine, geradezu verträumte Kreuzung von zwei Heidewegen. Dort saßen im Kreis Frauen im Gras und spielten mit ihren Kleinkindern.

Da sie aber alle so etwas wie eine einheitliche Uniform anhatten, war mein Interesse geweckt und ich fragte, ob ich mich kurz zu ihnen setzten dürfe, ich bräuchte auch eine Pause vom Radeln.

Ich durfte, und es entspannte sich eine lockere Unterhaltung. Nach den üblichen Fragen zu dem Woher und Wohin und Warum, erfuhr ich, daß sie zu einer der letzten Panzerbrigaden der BW (BundeswehrIn) gehörten, die gerade auf ihrem jährlichen Manöveraufenthalt in Munster weilte.

Wo denn ihre Fahrzeuge wären und was die Kleinkinder hier sollten war meine nächste Frage.

Die Panzer stünden gut getarnt in dem Kusselgelände hinter uns und sie würden gerade ihre militärgesetzlich garantierte Stillpause von einer Stunde wahrnehmen. Deshalb sähen auch ihre Uniformen im Moment nicht so ordentlich aus, normalerweise würden sie schon ordentlich und einheitlich herumlaufen, da würden sie sich ganz an die alten Traditionen halten, jawoll!

Nur die Uniformen für die Hochschwangeren sähen etwas unvorteilhaft aus, aber man würde sich daran gewöhnen. Die Luken für die Panzerbesatzungen seien ja jetzt auch schön gross, das würde zwar weniger Sicherheit im Enstfall bedeuten, sei aber bequemer, und das sei schließlich das Wichtigste, und mit einem Ernstfall würde ja eh niemand rechnen.

Dann durfte ich mir sogar einen der Panzer ansehen.

Ich war erschrocken: ein riesiges Ding stand da vor mir, immer noch auf Ketten, ganz so wie bei Dir, aber unheimlich hoch ( wie wollten die jemals Deckung finden) und danach zu urteilen, wie tief sie Spuren in den Heidesand gedrückt hatten, mussten sie unheimlich schwer sein.

Ja, 120 Tonnen (also doppelt so schwer wie damals die Leoparden zu deiner Zeit).

Dann hätten sie sicher einen superstarken Motor und eine tolle Panzerung, vermutete ich.

Nein, lachte die Kommandantin, das meiste Gewicht würden die Batterien ausmachen, so ca. 100 Tonnen, die Panzerung hätte man aus Gewichtsgründen deshalb sogar reduzieren müssen, die Bewaffnung sei auch weniger, sie müssten jetzt eigentlich nur noch die alten jetgetriebenen Kampfjets und herkömmlichen Drohnen fürchten, aber da auch dort der Elektroantrieb verordnet wäre und inzwischen sogar beim Feind Einzug hielte, gliche sich das wieder aus. Außerdem seien auch die Kanonen jetzt elektrisch, das erspare die lästigen Explosionsgase beim Abschuss, verbrauche aber viel elektrische Energie. Jeder Schuss koste mindestens zwei Kilometer Reichweite. Dazu kämen dann noch die Rechner und die Klimaanlage.

Welche Reichweite denn diese Ungetüme hätten, wollte ich wissen.

Da hätte man in den letzten Jahren ungeheure Fortschritte gemacht, man käme heuet schon auf 35 Kilometer im Gelände, auf der Straße sogar im günstigsten Fall auf 45 Kilometer. Dort, also an dern Straßen, seien ja auch inzwischen die Tankstellen alle auf  Ladestationen umgerüstet, so daß jeder ihrer Panzer innerhalb von ca. 7 Stunden wieder voll geladen werden könnte. Das sei doch bei der Größe der Batterien eine gute Zeit.

Und was macht ihr im Gelände? Da stehen doch selten Tankstellen?

Auch da hätte die Verteidigungsministerin (inzwischen auch schon 80 Jahre alt) nach jahrelanger Evaluierung eine Lösung gefunden. Sogenannte Elektrotanker: Riesige Laster mit riesigen Generatoren. Da aber kein Diesel oder Benzin mehr verfügbar  wäre, würden diese mit Schweröl betrieben, wie es früher nur in Schiffsdieseln auf hoher See verwendet wurde. Damit könne man eine leere Panzerbatterie auch innerhalb von ca 7 Stunden voll laden. Deswegen stünde auch für jeweils zwei Panzer ein Ladefahrzeug zur Verfügung, es solle aber auf ein Verhältnis von 1 zu 1 aufgerüstet werden. Leider könne man sich während des Ladevorgangs kaum in der Nähe aufhalten, da die Schiffsdieselmotoren doch unheimlich qualmten und das auch nicht gesund für die mitgeführten Kleinkinder wäre (für die es in den modernen Panzern extra ein Kinderbettchen mit integriertem Wickeltisch gibt).

Dabei erfuhr ich gleich noch ein Detail: auf jedem Panzerturm gibt es jetzt ein grünes Rundumblinklicht. Dieses wird eingeschaltet, wenn ein mitgeführtes Baby gewickelt werden muss oder, weil es vor Hunger schreit, außer der Reihe zu stillen ist.

Dann wissen alle rundum, aus welchem Grund dieses Fahrzeug im Moment nicht einsatzfähig ist, und alle nehmen Rücksicht. Man sei auch zuversichtlich, daß durch die anstehenden Verhandlungen auch potentielle Gegner von dieser Regelung überzeugt werden können und es somit in Zukunft friedlicher auf dem Schlachtfeld zugehe.

Aber ich bin abgeschweift, wir waren beim Aufladevorgang der Kampffahrzeuge. Man kann sich also während dessen kaum in der Umgebung aufhalten, also werden die Besatzungen in der Zeit mindestens 5 Kilometer weggefahren. Dazu gibt es eine Flotte von geländegängigen Bussen,die noch –  mit Ausnahmegenehmigung – mit alten Verbrennungsmotoren betrieben werden, man kann ja nicht riskieren, daß die gerade mit leeren Batterien im Gelände stehen bleiben, und so die Besatzungen unnötigen Gefahren ausgesetzt werden, nicht wahr?

Du siehst, wir haben in den vergangenen Jahren unheimliche (im wahrsten Sinn des Wortes) Fortschritte gemacht. Wir sind glücklich. Und die Abgaswolken der Schiffsdieselmotoren für die Generatoren werden sowieso meistens nach Osten verweht.

Für heute schließe ich mit meinem Bericht aus deiner Zukunft. Ich muss gerade husten, der Wind hatte im Moment gedreht, in der Nähe haben sie aufgeladen.

Bis zum nächsten mal Dein Dich liebender

Sohnemann