Renzi meint, es geht aufwärts mit Italien

Schönredner Matteo Renzi (Foto: Von Official website of Ali Khamenei - http://english.khamenei.ir/photo/3626/Italian-Prime-Minister-met-with-Ayatollah-Khamenei, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48253618
Schönredner Matteo Renzi (Foto: Von Official website of Ali Khamenei - http://english.khamenei.ir/photo/3626/Italian-Prime-Minister-met-with-Ayatollah-Khamenei, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48253618

Der ehemalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi meinte kürzlich auf seiner Facebookseite, dass „Italien zwar sicherlich noch Probleme hat und es Bereiche gibt, die schlecht dastehen, aber wir arbeiten daran,“ und dass sich „die harte Arbeit der letzten Jahre ausgezahlt hat,“ wie Ansa meldet. Nur, hat sie das und wenn wo eigentlich?

Von Ingmar Blessing

Renzi ist Politiker, er hat nach wie vor große Ambitionen und würde daher seiner eigenen Position schaden, falls er die aktuelle Notlösung im Amt des Ministerpräsidenten Paolo Genitiloni, einen Parteifreund von der PD, mit der Wahrheit konfrontieren würde. Nicht zuletzt war Renzi selbst von 2014 bis 2016 Regierungschef und würde sich damit effektiv selbst der Inkompetenz bezichtigen.

Ein Blick auf die aktuelle Arbeitslosenquote zeigt, dass es tatsächlich aufwärts geht, wenn auch nur in homöopathischer Weise. Während auf dem Höhepunkt der Arbeitslosenkrise 2014 satte 12,65 Prozent arbeitslos waren, so sind es aktuell noch immer 11,35 Prozent. Das ist durchaus ein Fortschritt, allerdings altert Italien auch massiv, weshalb alleine aufgrund der Demografie jährlich fast 40.000 mehr Personen den Arbeitsmarkt verlassen, als ihn welche betreten. Etwa ein Viertel der gesunkenen Arbeitslosenquote lässt sich damit erklären. Ein zweiter großer Faktor ist der Exodus von Italienern aus Italien. Kalabrien im Süden blutet schon seit einigen Jahren geradezu aus und auch immer mehr gut ausgebildete Italiener verlassen das Land in der Hoffnung, ihre Talente anderswo besser vermarkten zu können. Das reißt Lücken, die zumindest theoretisch von jenen aus der zweiten Reihe gefüllt werden können. Trotzdem sind noch immer über ein Drittel aller jungen Menschen in Italien arbeitslos. Renzi muss etwas anderes gemeint haben, wo es wieder bergauf geht.

Auch im zweiten großen Problembereich, der Finanzstabilität, steht Italien alles andere als auf sicheren Beinen. Weder kann sich der italienische Staat ohne das illegale Aufkaufen italienischer Anleihen über Wasser halten, noch sind Italiens Banken in einem Zustand, den man auch nur im weitesten Sinne als gesichert bezeichnen könnte. Im Gegenteil, Italiens Großbanken sind das wohl größte Risiko für die Weltwirtschaft, da sie völlig ins Extreme überschuldet sind und das in einem gesamtwirtschaftlichen Umfeld, das seit einem Jahrzehnt noch immer äußest negativ ist. Gleichzeitig verfügt Italiens Bankensektor aber über genügend Gewicht, alles auch nur lose mit der Weltwirtschaft verbundene mit sich zu reissen, falls etwas schief geht im italienischen Folterkeller für Risikomanagement. Renzi hat daher vermutlich auch nicht den Finanzsektor gemeint.

Vielleicht ist es ja der dritte Problembereich Italiens, wo es wieder besser wird. Jener der organisierten Kriminalität. Aber auch hier wird Italien seinem schlechten Ruf nur zu gerecht. Neben der Ausdehnung der Geschäftsfelder der einheimischen Mafia kommen dank der Öffnung für die Welt immer neue, exotische Verbrechensnetzwerke hinzu. Gerade aktuell machte sich ein polnisches Mitglied einer italienischen Sklavenhändlerbande einen Namen mit dem Versuch, ein britisches Modell (nach Arabien?) in die Sexsklaverei zu verkaufen. Fehlt eigentlich nur noch „Santa Muerte“ von MS-13 in diesem Schmelztiegel der Abgründe. Trotz dieser Zusammenkunft von Menschen aus aller Welt  in Italien zum Nachgehen von Geschäften hat Renzi das aber wohl eher auch nicht gemeint.

Bleibt eigentlich nur noch die Migrationskrise, auf die Renzi sich beziehen könnte. In der Tat schrieb der soziale-medienaffine Renzi etwas zum Thema bei Facebook, wie seine Hausnachrichtenagentur Ansa berichtet.  Beachtliche 3,5 Prozent weniger Migranten landen neuerdings an italienischen Ufern an. Wirklich eine Leistung. Nun muss sich sogar eine NGO wegen Schleusertums verantworten und darf ihre Ladung nicht mehr in Catania und anderswo auf Sizilien abladen. Wie viel die verbleibenden 95,6 Prozent in absoluten Zahlen sind (ein Dorf oder zwei?) und wie sich das weiterentwickeln könnte will Renzi nicht sagen. Diese neue Herangehensweise an die Schleusermafia hat mit Sicherheit auch nichts damit zu tun, dass in weniger als zwei Monaten in Deutschland Bundestagswahlen anstehen und der Wahlpöbel ein paar vorzeigbare „harte Maßnahmen und entschiedenes Vorgehen“ präsentiert haben will.

Je nach persönlicher Meinung kommt ein letzter Lichtblick aus Italien aus dem Bereich der Politik. Wie der Express berichtet sehen Analysten in der chronischen politischen Krise des Landes, die sich dank der Inkompetenz der politischen Kaste im Land immer weiter zuspitzt, eine existenzielle Gefahr für die Europäische Union. Paul Gambles von der MBMG Group hält es beispielsweise für wahrscheinlich, dass das italienische Wahlvolk bei der kommenden Wahl im Jahr 2018 nicht wieder auf Renzi vertrauen wird, sondern tatsächlich einen Eurokritiker zum Ministerpräsidenten machen könnte. Das heißt dann entweder Beppe Grillo von der Fünfsterne-Bewegung oder Matteo Salvini von der Lega Nord. In beiden Fällen wäre es wohl vorbei mit Renzis „harter Arbeit der letzten Jahre“. Angesichts der postapokalyptisch anmutenden Situation in dem Land könnte den Italienern diese Verzweiflungstat niemand verdenken.

Aufwärts mit Italien jedenfalls geht es eher nicht. Es geht lediglich nicht mehr weiter abwärts, weil das nicht mehr geht.

Schönredner Matteo Renzi (Foto: Von Official website of Ali Khamenei – http://english.khamenei.ir/photo/3626/Italian-Prime-Minister-met-with-Ayatollah-Khamenei, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48253618

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