Werter Leser: Kleines Experiment gefällig?

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Das Experiment (Foto: Pixabay)

Der letzte Sommer vor dem Krieg 1939. Farbaufnahmen. Grüne Bäume, strahlend blauer Himmel, die Menschen … entschuldigung … die Deutschen festlich gekleidet, alle bester Laune, Nazi-Prominenz im Anmarsch.

von Max Erdinger

Es gab keine Freude in Deutschland, damals, im letzten Sommer vor dem Krieg. So jedenfalls will uns die Musik weismachen, mit der das farbenfrohe Spektakel unterlegt ist. Dumpf dröhnt ein ostinater Bass. Bedrohlich-sphärische Disharmonien in der Mittellage  bepinseln das Trommelfell mit furchtsamer Ahnung. Wir sehen ein volkspädagogisch wertvolles Filmchen bei Youtube.

Rufen wir es einfach einmal auf – und zwar hier: Letzter Sommer vor dem Krieg in München. Das Video erscheint jetzt in einem weiteren Tab auf Ihrem Monitor. Sehen Sie sich das Video etwa eine Minute lang an und lassen Sie die Musik auf sich wirken. Dann öffnen Sie einen weiteren Tab bei Youtube und klicken dieses Video an: Erika, der Marsch.

Alsdann stellen Sie im ersten Tab den Ton ab, starten das zweite Video und klicken in den ersten Tab zurück. Sie sehen nun den letzten Sommer vor dem Krieg in München, untermalt mit dem (M)arsch von Erika. Jetzt wechseln Sie ein paarmal hin und her – und je nachdem, welche Musik gerade im letzten Sommer vor dem Krieg läuft, sind die Nazis entweder bedrohliche Gestalten oder lustige Leute mit Freude am Marschieren mit Erika.

Dann kommen Sie wieder hierher in diesen Text zurück, weil ich Ihnen nämlich noch etwas über Ihre Ohren verrate. Ich hole mir inzwischen ein Bier. Bis gleich.

Schön, daß Sie wieder da sind. Und, wie war das Experiment? – Genau, eindrucksvoll war es. Ein- und dieselben Nazis kommen uns unterschiedlich vor. Wer hätte das gedacht? Unsere Ohren übertrumpfen die Augen bei der Schaffung einer Gemütslage. Deswegen gilt die Musik als die Königin der Künste und ein tauber Peter ist schlimmer dran als eine blinde Angela. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, die gerade heute in vielerlei Hinsicht nützlich sind bei der Beurteilung einer Gesamtlage, die man sich über Augen und Ohren zugleich zu vergegenwärtigen versucht. Ich plädiere jedenfalls dafür, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, anstatt so, wie man von ihnen hört. Hinschauen! Nicht weg-hören! Hinhören, nicht weg-schauen! Aber nicht schauen und hören zugleich. Fatal nämlich: Wer einer Angela Merkel oder einer Claudia Roth beim Reden zusieht, wird durch Gestik und Mimik von dem abgelenkt, was sie jeweils gesagt haben. Bei Peter Altmeier oder Anton Hofreiter ist es anders herum. Da reicht der Film auch ohne Ton, um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen.