Fußball nur noch ein Geschäft?

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Der Ball ist rund, die Geldbörse prall gefüllt (Foto: Durch Fingerhut/Shutterstock)

Wenn ich mir früher hinter dem Eisernen Vorhang in der Sportschau die Bundesliga ansah, pflegte mein Genosse Vater, so er dergleichen Sakrilegien überhaupt duldete, zu erklären, der Fußball im Westen sei kein Sport mehr, sondern bloßes Geschäft, und überdies würden die TV-Zuschauer manipuliert, weil man den Film etwas schneller ablaufen lasse und so den Eindruck erwecke, die Spiele seien spannender als im Osten (vielleicht eine Empfehlung für die Wiedergabe des Frauenfußballs, allerdings müssten Liveübertragungen dann zeitversetzt gesendet werden).

Von Michael Klonovsky

Die gute alte Bundesliga mit ihren fünfstelligen Spielermonatsgehältern, wo zehn Millionen Mark Ablöse für den Wechsel von Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern zu Inter Mailand anno 1984 als unangemessen hoher Sensationstransfer gewertet wurden! Gestern wurde bekannt, dass Neymar da Silva Santos Júnior für 222 Millionen Euro von Barcelona nach Paris wechselt. Das ist Geschäft! Als ein Mensch, der sich der Faszination eines Fußballspiels ab einem gewissen Niveau nicht zu entziehen vermag (und der keine Scheu hat, den genialen Pass eines Xavi, Pirlo, Kagawa oder Thiago durchaus mit dem genialen Satz eines Dichters, das Dribbling eines Cruyff, Zidane, Messi oder Dembélé duchaus mit einem Mozartschen Presto zu vergleichen), kann ich mich über die Resultate dieses Geschäfts schwerlich empören. Käme ein Außerirdischer auf diesen unscheinbaren Planeten und zöge Erkundigungen über die dort lebende Primärspezies ein, er würde unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass der Hauptkult dieser Wesen in sogenannten Stadien stattfinde, wo 22 Spieler einem Ball nachlaufen, sich jedenfalls global die meisten Menschen kultisch versammeln, und zwar mit ritueller Regelmäßigkeit, die Übertragung solcher Veranstaltungen von mehr TV-Zuschauern betrachtet werden als alle anderen Übertragungen (hier wieder die Regelmäßigkeit eingerechnet), und wo, von kriegerischen Auseinandersetzungen abgesehen, auch die größte kollektive emotionale Aufwallung herrscht. Kurzum, wenn ein Verein bereit ist, für Neymar mehr Geld zu bezahlen, als der eigentliche Messias des beschriebenen Kultes, Lyonel Messi, kostet, dann ist das zwar aus einem gewissen Blickwinkel absurd, rein geschäftlich indes wahrscheinlich immer noch rentabel. Auch hier triumphiert die Marktwirtschaft.

Allerdings sollten sich die großen Vereine nicht zu sicher sein, dass die Sympathien der Anhänger nicht allmählich bröckeln. Wenn drei, vier europäische Spitzenclubs denen hinter ihnen nach Kolonialherrenart praktisch jeden Spieler wegkaufen, sich ihre Mannschaften nach Belieben zusammenbasteln und die Titelgewinne abonnieren können, schwindet das immer mehr, was diesem Sport neben dem ästhetischen Genuss seinen eigentlichen Reiz verschafft: die Spannung, die Dramatik. Verträge gelten nichts mehr, zwielichtige Spielerberater mit hohen Provisionen treiben hinter den Kulissen ihr sinistres Spiel, Spitzenmannschaften bestehen praktisch nur noch aus Legionären, denen es einerlei ist, in welcher Farbe sie spielen, die Kicker versichern einem Verein zu Saisonbeginn ihre Loyalität und spielen sechs Monate später bei einem anderen – Globalisierung allüberall. Neymar ist weg, und Barcelona wedelt mit den Millionen, ein Nachfolger muss her, sofort, am besten Dembélé, dessen Vertrag läuft zwar bis 2021, aber was gilt das schon? Ich hoffe, dass der BVB da nicht mitspielt, denn jeder Verein, der einknickt, lässt das Karussell schneller laufen, Verträge noch unbedeutender, die Kluft zwischen den wenigen Spitzenclubs und dem Rest immer größer werden. Seit vier Jahren versammeln sich im Halbfinale der Champions League Real Madrid, Barcelona, der FC Bayern und ein veriabler Vierter, der aber am Ende nie gewinnt. Wozu soll man dann noch zuschauen? Die Marktwirtschaft muss sich vor dem Kartell schützen, aber wie das geschehen mag, darüber soll mal der Lichtschlag schreiben. Ich weiß nicht, ob ich andernfalls jemals die Kraft zum Boykott aufbringe, beim Boykott der Winzer etwa habe ich jämmerlich versagt…

Wandere aus, solange es noch geht!
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