Freie Meinungsäußerung vs. Haßkommentare

(Foto: Durch KieferPix/Shutterstock
Keine Meinungsfreiheit mehr in Deutschland? (Foto: Durch KieferPix/Shutterstock)

Bundestagspräsident fordert Mindeststrafmaß für Haßkommentare.[1]             „Für solche Delikte sollte es ein Mindeststrafmaß geben, um Staatsanwaltschaften und Richtern die Möglichkeit zu nehmen, Strafverfahren wegen vermeintlicher Unerheblichkeit gleich niederzuschlagen.“

Und wie immer stellt sich die Frage, was sind Haßkommentare? Ist es ein Straftatbestand, oder ist der Kampf dagegen einfach nur das Unterdrücken unbequemer, mißliebiger Meinungen?

Ein Kommentar von Thomas Schlawig

Beginnen möchte ich mit einer kleinen Auswahl von (Meinungs)-äußerungen diverser „Politiker“ gegenüber dem Souverän, dem Bürger:

  • „Pack, daß eingesperrt werden muß“ (Gabriel, SPD)
  • „Mischpoke“ (Özdemir, Grüne)
  • „Haßbürger“ (Hofreiter, Grüne)
  • „Nazis in Nadelstreifen“ (Jäger, SPD)
  • „Dumpfbacken“ (Schäuble, CDU)
  • „Dunkeldeutschland“ (Gauck)
  • „Mecklenburg-Vorpommern, daß am dümmsten besiedelte Bundesland“ (Mack, Grüne)
  • „Wenn Sie etwas ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs“ (Tauber, CDU)

Artikel 5, Abs.1 GG

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Artikel 19 UN-Menschenrechtscharta zur Meinungs- und Informationsfreiheit

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Erläuterung zu Artikel 19

Das Recht, sich eine Meinung zu bilden und diese zu äußern und das Recht, unangefochten Informationen zu suchen und zu bekommen, gehört nach wie vor zu den häufig verletzten Menschenrechten. Staatliche Zensur der Presse, das Verbot der Veröffentlichung von Büchern, die Verfolgung von Schriftstellern/-innen und Medienschaffenden ist leider immer noch an der Tagesordnung. Viele Machthabende fürchten um ihre Position, wenn sich die Menschen gut informieren können und ihre abweichenden Ansichten kundtun. Der Schutz dieser Rechte stellt daher ein wichtiges Element für eine funktionierende Demokratie dar und ist eine wichtige Voraussetzung, um andere Menschenrechte ausüben zu können.[2]

Interessant zum Recht auf freie Meinungsäußerung ist zudem der Beschluß des BVG vom 28.11.2011 (1 BvR 917/09):

Absatz 18

  1. Vom Schutzbereich der Meinungsfreiheit umfasst sind zum einen Meinungen, das heißt durch das Element der Stellungnahme und des Dafürhaltens geprägte Äußerungen. Sie fallen stets in den Schutzbereich von Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG, ohne dass es dabei darauf ankäme, ob sie sich als wahr oder unwahr erweisen, ob sie begründet oder grundlos, emotional oder rational sind, oder ob sie als wertvoll oder wertlos, gefährlich oder harmlos eingeschätzt werden (vgl. BVerfGE 90, 241 <247>; 124, 300 <320>). Sie verlieren diesen Schutz auch dann nicht, wenn sie scharf und überzogen geäußert werden (vgl. BVerfGE 61, 1 <7 f.>; 90, 241 <247>; 93, 266 <289>). Der Meinungsäußernde ist insbesondere auch nicht gehalten, die der Verfassung zugrunde liegenden Wertsetzungen zu teilen, da das Grundgesetz zwar auf die Werteloyalität baut, diese aber nicht erzwingt (vgl. BVerfGE 124, 300 <320>). Neben Meinungen sind vom Schutz des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG aber auch Tatsachenmitteilungen umfasst, soweit sie Voraussetzung für die Bildung von Meinungen sind beziehungsweise sein können. Nicht mehr in den Schutzbereich des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG fallen hingegen bewusst oder erwiesen unwahre Tatsachenbehauptungen, da sie zu der verfassungsrechtlich gewährleisteten Meinungsbildung nichts beitragen können (vgl. BVerfGE 61, 1 <8>; 90, 241 <247>). Allerdings dürfen die Anforderungen an die Wahrheitspflicht nicht so bemessen werden, dass darunter die Funktion der Meinungsfreiheit leidet. Im Einzelfall ist eine Trennung der tatsächlichen und der wertenden Bestandteile nur zulässig, wenn dadurch der Sinn der Äußerung nicht verfälscht wird. Wo dies nicht möglich ist, muss die Äußerung im Interesse eines wirksamen Grundrechtsschutzes insgesamt als Meinungsäußerung angesehen werden, weil andernfalls eine wesentliche Verkürzung des Grundrechtsschutzes drohte (vgl. BVerfGE 90, 241 <248>; stRspr).[3]

Des weiteren hat auch schon der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im so genannten Handyside-Urteil[4]  vom 07.12.1976 zum Recht auf freie Meinungsäußerung geurteilt (S.223, Punkt 49):

„Seine Kontrollfunktion gebietet dem Gerichtshof, den Grundsätzen, die eine „demokratische Gesellschaft“ ausmachen, größte Aufmerksamkeit zu widmen. Das Recht der freien Meinungsäußerung stellt einen der Grundpfeiler einer solchen Gesellschaft dar, eine der Grundvoraussetzungen für ihren Fortschritt und für die Entfaltung eines jeden Einzelnen. Vorbehaltlich der Bestimmung des Art. 10 Abs. 2 gilt dieses Recht nicht nur für die günstig aufgenommenen oder als unschädlich oder unwichtig angesehenen „Informationen“ oder „Ideen“, sondern auch für die, welche den Staat oder irgendeinen Teil der Bevölkerung verletzen, schockieren oder beunruhigen. So wollen es Pluralismus, Toleranz und Aufgeschlossenheit, ohne die es eine „demokratische Gesellschaft“ nicht gibt.“

Somit ist im Grundgesetz, in der UN-Menschenrechtscharta, durch Beschluß des BVG und des EUGH für Menschenrechte alles zum Recht auf freie Meinungsäußerung gesagt. Es bedarf deswegen weder einer Forderung des Bundestagspräsidenten noch eines unsäglichen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ( Heimtückegesetz)des Justizministers, dessen Entwurf selbst vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestages in einem Gutachten scharf kritisiert wird.[5]

-Wer zensiert, hat Angst vor der Wahrheit-

[1] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bundestagspraesident-fordert-Mindeststrafmass-fuer-Hasskommentare-3788343.html

[2] https://www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/aemr/text/artikel-19-aemr-meinungs-informationsfreiheit

[3] http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2011/11/rk20111128_1bvr091709.html

[4] http://www.eugrz.info/pdf/EGMR26.pdf

[5] http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/wissenschaftlicher-dienst-netzdg-maas-gutachten-rechtswidrig/

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